Wolfgang Hertle
Die Geschichte der gewaltfreien Bewegungen in Deutschland muss noch geschrieben werden
Teil I
On-line gesetzt am 12. Mai 2014
zuletzt geändert am 6. Juli 2015

von Wo
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Die etablierten akademischen Zünfte der Historiker und Politologen sind wenig an den praktischen Problemen der Neuen Sozialen Bewegungen interessiert oder betrachten sie aus zu grossem Abstand von aussen, um sie zu begreifen und analysierend beschreiben zu können. Dies gilt auch für die Medien und insbesondere für die Wahrnehmung der gewaltfreien Strömungen in der Ökologie- und Friedensbewegung. Das ist kein Wunder, denn bei den Anhängern des gewaltfreien Widerstands selbst findet sich wenig Selbst-Bewusstsein über die Bedeutung und Wirkung ihrer Aktivitäten auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Die deutsche Geschichte ist noch immer stark von Anpassung und Gehorsam bestimmt, und dennoch gab es seit Ende des Zweiten Weltkriegs viele Aktionen, z.B. gegen die Wiederaufrüstung, die nicht vergessen werden sollten. Allerdings müssen sie zum großen Teil neu "entdeckt" und oeffentlich gemacht werden.

In den 70er Jahren gab es die „Kritische Friedensforschung“, die sich auch mit Konflikten und Gewalt auslösende Strukturen innerhalb der Gesellschaft beschäftigte, in der wir leben. Doch seit langem ist es für die Karriere von Sozialwissenschaftlern von Nachteil, im akademischen Rahmen zu solchen Themen zu arbeiten.

Aber weshalb sollten wir die Erinnerung an gewaltfreie Widerstandsaktionen den Wissenschaftlern allein ueberlassen?

Gernot Jochheim forderte einmal die Befürworter gewaltfreier Aktion auf, zeitnah festzuhalten, wie sie ihre Aktionen und Kampagnen vorbereiten und durchführen. Anderenfalls blieben für die Nachwelt nicht viele authentische Darstellungen erhalten. Wer, wenn nicht wir selbst sollte sich dafür verantwortlich fühlen?


In den angelsächsischen Ländern ist es nichts besonderes, wenn Menschen, die in der Ökologie-, Friedens- oder Bürgerrechtsbewegung aktiv waren (oder noch sind) diese politischen Erfahrungen in ihrer akademischen oder publizistischen Laufbahn bearbeiten und verbreiteten. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass anders als in den englisch sprechenden Ländern in der deutschen Geschichte nonkonformistische Traditionen weitgehend fehlen, so der Einfluss der Historischen Friedenskirchen, die direktere Rezeption der von Gandhi inspirierten Befreiungsbewegungen in Südafrika und Indien, die Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre bis zu den Kampagnen Zivilen Ungehorsams bis heute im Widerstand gegen Atombombenversuche, Rüstung und Kriege. (1) Der Nationalsozialismus hat viele Oppositionelle verfolgt und getötet, ihre Organiationen verboten und mit ihrer Literatur auch die Erinnerung an Gewalt ablehnende Bewegungen weitgehend ausgelöscht. Anders z. B. in Grossbritannien, wo die Zeitschrift Peace News (2) seit 1936 herausgegeben wird. Dort finden sich wie selbstverstandlich neben den aktuellen Themen stets Erinnerungen an die Aktivitäten aus den vergangenen Jahrzehnten. Lebenslanges Engagement ist keine Seltenheit, weshalb sollten riskantere Aktionen Zivilen Ungehorsams nur den ganz jungen Menschen vorbehalten sein ?

Verglichen mit einem solch stolzen Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen, fällt das geringe Selbstbewusstseins gewaltfreier Gruppen in Deutschland auf. HIer werden Erfolge vergessen, die Bewegung nimmt sich selbst kaum wahr. Wie soll sie sich dann als starke Alternative nach außen darstellen können ? .

Da verwundert es nicht, wenn Medien oder Sozialwissenschaftler hierzulande nur die „Spitze des Eisbergs" wahrnehmen, es fehlt das Interesse am Engagement vieler Menschen „ohne Namen“, der Blick auf die „Mühen der Ebenen“ ist mühsam und eignet sich nicht für reißerische Berichterstattung oder an prominenten Namen orientierte Geschichtsschreibung. Es ist auch nicht einfach, den oft unspektakulären Alltag in den Phasen zwischen den Hoch-Zeiten der Bewegungen nachzuzeichnen. Aber die Spitzen, d.h. wenn sich in Krisenzeiten große Teile der Bevölkerung den mahnenden Minderheiten für eine gewisse Zeit anschließen, wären nicht möglich, wenn nicht eine relativ kleine Zahl von Menschen beharrlich und bescheiden die Infrastruktur der Protest.- und Alternativbewegungen aufrechterhalten würden.

Lasst uns die Geschichte(n) unserer Bewegung selbst schreiben

Eine Art „Alphabetisierung“ über die Geschichte der gewaltfreien Bewegung muss bei deren Anhängern beginnen .Sie darf sich dabei nicht auf die Geschichte der Verbände oder auf wenige bekannte Personen beschränken. Wichtig ist, zunächst die vergessenen Spuren aufzufinden und sie auf lebendige Weise darzustellen.
Eine groß,e aber spannende Aufgabe, Ihr seid eingeladen, Euren Teil dazu beizutragen.

Es gibt ein paar Überblickstexte von Aktiven aus der Frühphase der gewaltfreien Bewegung, z.B. von Helga und Konrad Tempel: Anfänge gewaltfreier Aktion in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg oder Selbstzeugnisse wie von Reiner Steinweg (Ein Leben gegen Gewalt) und Theodor Ebert, doch vieles bleibt unbeleuchtet und ruft danach, genauer betrachtet und beschrieben zu werden. Weshalb z.B. erwähnt Theodor Ebert an beinahe keiner Stelle die Vorarbeiten von Theodor Michaltscheff und Nikolaus Koch ? Letzter hatte z.B. bereits 1951 in der wichtigen Schrift " Die moderne Revolution- Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des Deutschen Volkes" den Begriff "gewaltfrei" benutzt ( den Ebert später zur Unterscheidung vom weniger prinzipiellem "gewaltfrei" verwendete) ?


Seit 1987 gibt es in Hamburg das Archiv Aktiv - Auswertungen und Anregungen für gewaltfreie Bewegungen. Es ist bisher noch wenig von der gewaltfreien Bewegung und der entsprechenden Forschung genutzt und ünterstützt, schon gar nicht gemessen am Ausmaß und der Bedeutung der Swarthmore College Peace Collection innerhalb einer von Quäkern gegründeten Universität bei Philadelphia. Exemplarisch seien einige größere Themenblöcke genannt: Gertrud Westhoff (1900-1987) überließ dem Archiv Aktiv eine Sammlung an Korrespondenz und gedrucktem Material aus einem breiten Spektrum der Frauen-, Friedens- und Umweltschutzbewegung bis Mitte der 80er Jahre. Aus der Redaktion Graswurzelrevolution, von Kampagnen Zivilen Ungehorsams und aus der gewaltfreien Bewegung in Frankreich kam viel Material der 70er und 80er Jahre hinzu. So auch das komplette Archiv des Mutlangen-Widerstandes. Es gibt auch in anderen deutschen Archiven Sammlungen und Nachlässe, die Auskunft geben könnten über die Entwicklung der gewaltfreien bewegung, die Nutzung und Auswertung lässt im allgemeinen zu wünschen übrig


Internationales Freundschaftsheim Bückeburg

Nehmen wir als Beispiel das Thema Begegnungs- und Trainingszentren für gewaltfreie Aktion. Das Bild zeigt das ehemalige Freundschaftsheim in Bückeburg, das in den 50er und 60er Jahren ein wichtiger Treffpunkt deutscher Friedensaktiver mit Aktiven der gewaltfreien Bewegungen aus aller Welt war. Wer weiß heute noch davon? Eine Bückeburger Realschulklasse leistete im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten verdienstvolle Forschungarbeit über den Gründer dieser Begegnungsstätte, Wilhelm Mensching. Die preisgekrönte Dokumentation "Nicht bangen und nicht bitter werden, keine Furcht und keinen Hass"- Pastor Wilhelm Mensching -ein Geistlicher mit Zivilcourage ist leider längst vergriffen, vielleicht kann sie neu aufgelegt und die entsprechende Ausstellung neu in Umlauf gebracht werden. Die Geschichte und Bedeutung des Freundschaftsheims ist damit noch lange nicht ausgeleuchtet.

Das Vergessen kann innerhalb weniger Jahre geschehen: als sich Ostern 1974 Mitglieder gewaltfreier Aktionsgruppen in Bückeburg trafen und dabei u.a. zur Koordination ihrer Arbeit die "Graswurzelwerkstatt" gründeten, war ihnen nicht bekannt, dass genau zehn Jahre zuvor am selben Ort sich schon einmal gewaltfreie Gruppen getroffen hatten, die mehr Zusammenarbeit beschlossen und in der Folge zur gegenseitigen Information das Blatt "konsequent" herausgegeben hatten. Das Evangelische Zentralarchiv in Berlin beherbergt die Unterlagen zum Internationalen Freundschaftsheim, es sollte nicht nur als Papierlager dienen.

Über die ersten Jahrzehnte der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion "Kurve Wustrow" finden sich ausgiebige Unterlagen im Hamburger Archiv Aktiv.

Achim Schmitz fand für seine Dissertation u.a.im Archiv Aktiv:viel Material zum Thema Training in gewaltfreier Aktion :
Gewaltfreiheit trainieren. Institutionengeschichte von Strömungen, Konzepten und Beispielen politischer Bildung. Belm-Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing.(2010)

Es gibt diverse Möglichkeiten, zeitgeschichtliche Arbeit zu unterstützen oder sich direkt daran zu beteiligen. Als Teil II folgt auf dieser web site die Einladung zur gemeinsamen und gezielten Beschäftigung mit der gewaltfreien Bewegung in der Nachkriegszeit und während des Kalten Krieges.Das schließt die Frage ein, ob und welche Verbindungen es zu Vorgängerbewegungen aus der Zeit vor 1933 gab, die extrem schweren Bedingungen von Nationalsozialismus und Krieg überlebt haben.
Für mich persönlich ist die Erforschung der Entwicklung der gewaltfreien Bewegung in Westdeutschland zwischen Kriegsende und Ausserparlamentarischer Opposition auch deshalb spannend, weil dies die Zeit vor meinem eigenen politischen Engagement ist, das ca. 1966 mit meiner Kriegsdienstverweigerung begann. Damals und lange Zeit danach erfuhr ich so gut wie nichts über frühere Aktionen und Bewegungen, die über die legale Kriegsdienstverweigerung und die Ostermärsche hinausgingen. Als ich dann Berichte über direkte Aktionen in anderen Ländern las, fragte ich mich, ob es Vergleichbares in der BRD nicht gegeben hatte oder es daran lag, dass in der schwäbischen Provinz solche widerständigen Aktivitäten bewusst verschwiegen wurden. Bemühungen um gewaltfreie Gesellschaftsveränderung sollten nicht deshalb vergessen werden, weil der Kalte Krieg ein politisches Klima schuf, in dem es auch Friedenbewegten schwer fiel, sich einen Dritten Weg neben der kapitalistischen "Demokratie" und dem "Real- Sozialismus", also eine neue Gesellschaft ohne Waffen und ohne Ausbeutung vorzustellen. Bewusste Gesetzesübertretungen oder Regelverletzungen waren in Deutschland sehr ungewohnt und erforderten grossen Mut.


Die von der Zerstörung durch Bombenabwürfe der Royal Air Force bedrohte Insel Helgoland wurde z.B. Anfang der 50er Jahre durch gewaltfreie Besetzungsaktionen gerettet. Die Reaktionen auf diese Aktion Weniger verdeutlichen den widersprüchlichen Umgang mit bewussten Regelverletzungen. Die auf dem Festland evakuierten Helgoländer sahen zu, wie Studenten aus Heidelberg und danach Aktive der kommunistischen FDJ mehrfach die Insel besetzten, bis sich die britische und die Adenauer-Regierung darauf einigten, die Bombenabwürfe einzustellen und die Insel den zivilen Bewohnern zurück zu geben. Die ersten wurden als Patrioten und Retter der Insel gefeiert, während die anderen vor Gericht gestellt und bestraft wurden. (3)
In diesen Jahren gab es zahlreiche Aktionen z. B. gegen die Einrichtung von Sprengschächten in Strassen und Brücken sowie gegen andere Projekte der Re-Militarisierung, an die erinnert werden sollte. Oft wurden diese direkten Aktionen von Nicht-Pazifisten
durchgeführt, weil diese aus verschiedenen Gründen die Praxis von Gewaltlosigkeit allzu ausschließlich mit Kriegsdiebstverweigerung gleichsetzten. Erst seit den 60er Jahren führten auch in (West-) Deutschland die Beispiele der Aktionen englischer Atomwaffengegner und der US- Bürgerrechtsbewegung zu einem weiteren Verständnis von gewaltfreier Aktion.

Verschiedene Generationen der gewaltfreien Bewegung beim ersten gesamtdeutschen Treffen nach der Wende in Neu Globsow am Stechlin - See

In einem weiteren Teil soll auf Forschungen und weisse Flecken auf der geschichtlichen Landkarte hingewiesen werden. Hier ein paar Hinweise auf Texte über Entwicklungen der gewaltfreien Bewegung in den 70er und folgenden Jahren:

In mancher Universitätsbibliothek liegen Arbeiten, die nicht über einen Verlag veröffentlicht wurden, aber lesenswert sind, wie

Günter Saathoff, " Graswurzelrevolution " Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik. Univ. Marburg 1980

Manche Skizzen und Erfahrungsberichte erschienen in Sammelbänden oder sind im Internet zu finden, wie z.B..

Wolfgang Hertle : Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben ...
Grenzüberschreitende Lernprozesse Zivilen Ungehorsams
http://www.castor.divergences.be/spip.php?article450

Die sehr gut recherchierte und informative Arbeiten von Andrew Tompkins
Better Active Today than Radioactive Tomorrow!’ Transnational Opposition to Nuclear Energy in France and West Germany, 1968-1981’ (Oxford 2012) wird hoffentlich bald veröffentlicht werden.

Lasst uns z.B. ueber diese web site www.castor.divergences.be oder eine eigene mailingliste gegenseitig informieren, welche Arbeiten in den letzten Jahren entstanden sind und an welchen Themen derzeit gearbeitet wird. Fruehere Studientage haben gezeigt, wie fruchtbar der Austausch quer zu den Disziplinen sein kann, wenn im Mittelpunkt das Interesse steht, was der Stärkung der gewaltfreien Idee und Praxis dienen kann. Ein paar interessante Projekte sind schon für einen weiteren Studientag vorgemerkt. Nützlich können dabei nicht zuletzt transnationale Aspekte sein, sowie Studien, die den Vergleich der Entwicklung in verschiedenen Laendern ermöglichen. Interessierte an dieser zeitgeschichtlichen Arbeit schicken ihre Fragen und Angebote an louv.urs@gmx.de. Bei entsprechendem Interesse wird eine eigene mailing-Liste eingerichtet werden.

Ich habe begonnen, im Internet Material zu Geschichte und Aktualität gewaltfreier Bewegungen zusammenzustellen, z.B.

Erfahrungsberichte aus der Frühphase der gewaltfreien Bewegung

San Francisco- Moskau - Marsch 1960-1961 (2)

Trude Westhoff : Bericht über eine gewaltlose Demonstration vor der NATO-Kaserne in Dortmund-Brackel im August 1961

Vorbilder für die gewaltfreie Bewegung im Nachkriegs-Deutschland
Friedliche Rebellen in der Wüste Nevadas
Ziviler Ungehorsam gegen Atomtests


(1) Das Buch The Power of the People: Active Nonviolence in the United States von Robert Cooney, Helen Michalowski, New Society Publishers, Philadelphia, 1987 ist eine Darstellungsform, wie sie bisher für die Geschichte der Bewegungen in Deutschland noch nicht denkbar ist, weil natürlich die Traditionen schwer vergleichbar sind.

(2) peacenews.info/taxonomy/term/1825

(3) http://www.ndr.de/geschichte/chronologie/fuenfzigerjahre/dasx2291.html

René Leudesdorff: Wir befreiten Helgoland. ISBN 978-3-931735-24-1 • 286 S. -

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