Wolfgang Hertle
Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben ...
Grenzüberschreitende Lernprozesse Zivilen Ungehorsams
On-line gesetzt am 2. Dezember 2015
zuletzt geändert am 3. Februar 2017

von Wo
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Die gewaltfreie Bewegung scheint ihre eigene Geschichte zu vergessen, mit Ausnahme der "Taten der ganz Grossen" wie Gandhi oder Martin-Luther King. Wichtige Ereignisse und Erfahrungen der vielen "Namenlosen" werden selten weitergegeben und sind schon in der folgenden Generation verblasst bis vergessen. Das trifft auf die Entwicklung in den einzelnen Ländern zu, aber noch mehr darauf, wie erfolgreiche Beispiele von Aktionen und Kampagnen Grenzen überschreitend aufgegriffen und weiter entwickelt wurden. Hier folgt ein Ausschnitt aus der Kette der Weitergabe von Erfahrungen und der Adaptionen an die eigenen Bedingungen in den 70er und 80er Jahren-

Der folgende Text erschien 1992 im Reader
ZIVILER UNGEHORSAM Traditionen Konzepte Erfahrungen Perspektiven
Herausgegeben vom Komitee für Grundrechte und Demokratie, Sensbachtal

Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben ...

Schon in den zwanziger Jahren wurde in Deutschland diskutiert, ob Gewaltfreier Widerstand (damals meist noch als Non-Violenz bezeichnet) bzw. Ziviler Ungehorsam (Zivil-Desobedienz), wie sie durch Gandhis Wirken in Südafrika und Indien bekannt waren, auf europäische Verhältnisse übertragbar seien. (1) Die Praxis Zivilen Ungehorsams als bewusst eingesetztes Mittel begann sich jedoch erst Mitte der siebziger Jahre mit den Kampagnen der Neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik zu verbreiten.

Als wir 1966 in Augsburg einen Arbeitskreis für gewaltfreien Widerstand gründeten, waren meine Mitstreiter und ich zwar überzeugt, dass direkte gewaltfreie Aktionen und Ziviler Ungehorsam die konsequente und dringend notwendige Weiterentwicklung pazifistischer Aktivitäten seien. Uns war jedoch völlig unbekannt, ob und wenn ja, welche Erfahrungen es damit im Deutschland der Weimarer Republik und in der Nachkriegszeit gegeben hatte. Und sogar heute, Anfang der 90er Jahre, wo viele gewaltfreie Aktionsformen und Begriffe wie Blockaden, Bezugsgruppen und Konsensprinzip fast Allgemeingut geworden sind, fehlt selbst in den engagierten Gruppen das Wissen um Traditionen im eigenen Land. Die meisten der heute Aktiven sind sehr jung, so daß Widerstandsgeschichte für viele erst Anfang der 80er Jahre mit der Hoch-Zeit der Friedensbewegung im Konflikt um die Raketenstationierung beginnt. Zudem sind die gewaltfreien Aktionsgruppen von starker Fluktuation geprägt. Die meisten ihrer Mitglieder sind Studenten und steigen nach wenigen Jahren aus dieser Form politischer Arbeit aus, um sich Beruf und Familie mehr widmen zu können. (2) Damit bleibt das Entstehen einer Tradition, welche die Bewegung reifer und selbstbewusster machen könnte, weiter erschwert, so daß Erfahrungen und Fehler immer wieder neu gemacht werden müssen.

Seit Anfang des Jahrhunderts liegen deutsche Ausgaben der sozialkritischen Schriften Leo Tolstois mit ihrer konsequenten Ablehnung aller staatlichen Kriegs- und Zwangsdienste, Kriegssteuern und der mit Krieg und Ausbeutung verbundenen Staatsgewalt vor. (3) Gandhi entwickelte Tolstois Gedanken vom „Nicht-Widerstand" und Thoreaus „Zivilen Ungehorsam“ im Kampf gegen die Rassendiskriminierung in Südafrika sowie im indischen Unabhängigkeitskampf weiter zu einem revolutionären Konzept massenhaft angewandter gewaltfreier Aktionen, verbunden mit einem konstruktivem Programm. (4)

Wie anfangs erwähnt, war Gandhis Wirken in Deutschland schon in den 20er Jahren bekannt, seine Schriften in deutschen Übersetzungen gedruckt, aber der größtenteils parlamentsorientierte (5) und legalistische Pazifismus nahm seine Impulse bis in die 60er Jahre in sehr geringem Maße auf, und wenn, dann nicht, um gewaltfreie Aktion zu praktizieren, sondern eher als moralische Unterstützung individueller Kriegsdienstverweigerung. So berief sich z.B. der Generalsekretär der ldK (Internationale der Kriegsdienstgegner - deutscher Zweig) von 1946 - 1966, Theodor Michaltscheff, in der „Friedensrundschau" oft auf Gandhi. (6) Dennoch war in der ldK, die mehrheitlich von bürgerlichen Pazifisten und von der KPD bzw. DFU nahestehenden „Friedensfreunden" bestimmt war, ein offensives Verständnis für gewaltfreie Aktion und Zivilen Ungehorsam wenig verbreitet. Im Gegensatz zu WRI-Sektionen im Ausland war von gewaltfreier Revolution erst recht wenig zu hören. (7)

Nikolaus Koch war einer der wenigen, die konsequent ( in seinem Fall kontinuierlich von 1948 bis zu seinem Tod im Jahr 1991) forderten, die Kriegsursachen durch die „moderne Revolution", d.h. mit den Mitteln der „gewaltfreien Selbsthilfe" zu beseitigen. (8) Kochs Aktionen Anfang der 50er Jahre, wie die Versuche demonstrativer Überschreitung der deutsch-deutschen Grenze im Rahmen der WRI-Konferenz auf Burg Ludwigstein 1951 oder der „Verhandlungsgang für den Frieden" von Hamburg über Bonn nach Ost-Berlin 1953, wurden von der Adenauer-Regierung als kommunistenfreundlich abqualifiziert und seither, eine noch wirksamere Waffe, totgeschwiegen. Welches Interesse sollten die Herrschenden auch haben, die Erinnerung an für sie unbequeme Widerstandsaktionen wachzuhalten? Um so mehr, wenn sie erfolgreich waren, wie z.B. die hartnäckigen Besetzungen der Insel Helgoland 1950/51, denen zu verdanken ist, daß die „Rote Insel" überhaupt noch existiert und nicht restlos von britischen Bombern zu Übungszwecken zerstört wurde. (9)

Doch von alledem (und noch mehr) wussten wir Augsburger Mitte der 60er Jahre nichts. Jahrelang suchten wir in der pazifistischen „Szene" nach Praxis-Beispielen, die mit der Theorie gewaltfreien Widerstandes glaubwürdig übereinstimmten, möglichst verbunden mit der Perspektive radikaler Gesellschaftsveränderung. Wir fanden diese Praxis jedoch nicht, weder bei der DFG-IdK und dem VK, noch beim Versöhnungsbund oder Pax Christi. Nach dem gewaltlosen Widerstand der TschechInnen gegen die Niederwalzung des „Prager Frühlings" durch Warschauer-Pakt-Truppen durchdrangen die Grundgedanken der Sozialen Verteidigung (10) die Argumentation vieler Kriegsdienstverweigerer. Wir fragten uns aber bald: „Wo bleibt ihre praktische Umsetzung, wo zumindest ihre teilweise Einübung, wo bleibt die andere Seite der Medaille, der Soziale Angriff?"

Als zwischen 1968 und 1972 die Ausserparlamentarische Opposition von der Bürgerinitiativen-Bewegung abgelöst wurde, erfuhr Theodor Eberts Buch „Gewaltfreier Aufstand - Alternative zum Bürgerkrieg (11) beachtliche Verbreitung. Gleichzeitig mehrte sich die Zahl suchender Menschen, die über die theoretische Begründung gewaltfreien Widerstandes hinaus praktische Vorbilder haben wollten, sowie einen Diskussions- und Aktionszusammenhang, um sich gewaltfrei-aktiv zumindest gegen die schlimmsten Erscheinungsformen aktueller wie struktureller Gewalt zur Wehr zu setzen. Im Laufe der Jahre bemerkte ich, daß es vielen anderen Gruppen ähnlich ging, wie uns Augsburgern. Wir sahen uns im Ausland um und fanden dort einiges von der lebendigen gewaltfreien Bewegung verwirklicht, die uns in Deutschland so fehlte, eine Bewegung, die sich an der Utopie einer herrschafts- und gewaltfreien Gesellschaft orientierte, die damit in Einklang stehenden Organisations- und Entscheidungsformen, die anregende Kraft der Praxis in Aktionen und Kampagnen. Wir entdeckten auch die Vielfalt der Themen in der Internationalen der "Graswurzelrevolution", darunter für uns gänzlich neue, wie die der Ökologie und der Patriarchatskritik. Kurz, für uns Suchende in der katholisch-bayrischen Provinz Anfang der 70er Jahre wurde es zum entscheidenden Anstoß, im Ausland die Praxis und die lebendige Utopie gefunden zu haben, überzeugender als das, was die bürgerlichen oder kommunistischen „Friedensfreunde" zu bieten hatten. Mut machende Alternativen aber auch zu den autoritären K- oder „autonomen" Gruppen, die Gewalt nicht ausschließen wollten.

Viele der in der gewaltfreien Bewegung Aktiven erhielten entscheidende Impulse bei längeren Aufenthalten im Ausland, wenn sie über „Aktion Sühnezeichen" oder andere Friedensdienste in den USA, in England, Frankreich und später auch Spanien in engeren Kontakt mit den dortigen gewaltfreien Gruppen kamen. Die meisten dieser Organisationen sind den beiden gewaltfreien Internationalen, WRI (War Resisters’ International) und IFOR (International Fellowship of Reconciliation) angeschlossen. Im Unterschied zu den deutschen Zweigen (besonders der WRI) war dort das Wissen um die eigenen Traditionen gewaltfreien Widerstandes wesentlich, sowohl für das eigene Selbstverständnis, als auch für die Anerkennung in der jeweiligen Bevölkerung.


Zeichen der War Resisters League .der US-Sektion der WRI

In den USA z. B. erleichtert allein schon die Bekanntheit der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung sowie Martin-Luther Kings Vorbild in Wort und Tat die Arbeit der gewaltfreien Gruppen, weil die Bevölkerung ein größeres Verständnis für Zivilen Ungehorsam zeigt. In Deutschland dagegen waren durch das NS-Regime die wenigen Ansätze gewaltfreier Bewegung zerschlagen worden, ihre Vertreter entweder ermordet oder ins Exil vertrieben. Folgerichtig sammelten die wenigen Anreger der jüngeren gewaltfreien Bewegung aus der älteren Generation ihre Erfahrungen im Ausland wie z.B. die Reisesekretärin des Internationalen Versöhnungsbundes, Hildegard Goss-Mayr, oder Helga und Wolfgang Weber-Zucht, die jahrelang in London eng mit dem WRI- Büro zusammengearbeitet hatten, bevor sie 1974 in Kassel die „Graswurzel-Werkstatt" einrichteten - ein Dienstleistungsbüro für die gewaltfreie Bewegung, das bis heute, von Köln aus, Information und Koordination liefert. Der Vergleich der gewaltfreien Bewegungen im Ausland mit der Situation in Deutschland zeigt deutlich, dass verbale oder auch wissenschaftliche Begründungen für die Notwendigkeit und Berechtigung Zivilen Ungehorsams bei weitem nicht so ansteckend wirken und zur Praxis führen, wie das Beispiel konkret durchgeführter Aktionen und Kampagnen.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Initiativen in der Schweiz, in Frankreich und in den Niederlanden wurde ausschlaggebend für den Erstkontakt der gewaltfreien Aktionsgruppen in der BRD mit dieser anregenden Praxis. Im Fall der „Gewaltfreien Aktion Augsburg" war dies der Kontakt zu den gewaltfreien Anarchisten um die Zeitschrift „Anarchisme et non-violence". Deren Begründung von Zivilem Ungehorsam berief sich nicht in moralisierender Art auf (schlechtes) Gewissen, sondern verlieh diesem eine viel weiter gefasste Legitimität: Eine in vieler Hinsicht auf strukturelle Gewalt aufgebaute Gesellschaft muss an vielen Stellen mit drastischen Mitteln auf die verschleierten Formen von Gewalt hingewiesen werden, um Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Unter bestimmten Umständen dürfen Missstände auch durch begrenzte Regelverletzung oder bewusst vollzogene Gesetzesübertretungen dramatisiert werden.


Im Sommer 1970 nahmen zwei Mitglieder der Augsburger Gruppe an einem Zeltlager von „Anarchisme et non-violence" in der Normandie teil. Dort erfuhren sie (12) von einer internationalen Kampagne für ein Kriegsdienstverweigerungsrecht in Spanien. Die laufenden Verhandlungen um den EG-Beitritt Spaniens sollten genutzt werden, um auf die Situation der Kriegsdienstverweigerer hinzuweisen. In Franco-Spanien wurden Kriegsdienstverweigerer zu langen Gefängnisstrafen verurteilt und bei erneuter Weigerung, den Militärdienst anzutreten, in eine Strafkompanie im spanischen Teil der Sahara gebracht. Besondere Beachtung in der Öffentlichkeit erhielt der erste katholische Kriegsdienstverweigerer Spaniens (andere vor ihm waren zumeist Zeugen Jehovas), Pepe Beunza, der seine Verweigerung politisch begründete. In den vier Jahren vor seiner Einberufung hatte er in ganz Spanien und im Ausland Seminare organisiert, worauf sich eine Reihe von Solidaritätskomitees gründeten, die, ausgehend von diesem konkreten Fall, ein allgemeines Recht auf Kriegsdienstverweigerung, unabhängig davon, welcher Art die Gewissensgründe seien, in Spanien forderten. Zur Verstärkung des politischen Drucks des Auslandes auf das Franco-Regime verabredeten gewaltfreie Gruppen Demonstrationen vor spanischen Botschaften und Konsulaten in Frankreich, Belgien, England und den USA. Ein Marsch von Kriegsdienstverweigerern aus zehn Ländern, der von Genf nach Madrid gehen sollte, endete an der französisch-spanischen Grenze. Die Ausländer wurden zurückgewiesen, die spanischen Teilnehmer verhaftet.

Nach der ersten Verurteilung Pepe Beunzas zu 18 Monaten Gefängnis, wurden am 23. April 1971 die spanischen Fremdenverkehrsbüros in Paris und New York besetzt. Bei weiteren Aktionen in Spanien wurden die Spanier zu Geldstrafen verurteilt und die Ausländer des Landes verwiesen. Diese Beispiele internationaler Solidarität vor Augen, versuchten die Augsburger gewaltfreien Aktivisten innerhalb der deutschen WRI- Sektion DFG-ldK für unterstützende Aktionen zu werben. Die.Verbandsspitze lehnte jedoch Zivilen Ungehorsam ab und weigerte sich, ihre Mitglieder dazu aufzurufen oder auch nur darüber zu informieren. Für die Augsburger war es wichtig, unmittelbar in den internationalen Informations- und Aktionszusammenhang eingebunden zu sein, so waren sie als „autonom organisierte" Kriegsdienstverweigerer auch die einzigen deutschen Teilnehmer bei einer internationalen Demonstration zugunsten der spanischen Kriegsgegner auf dem großen Platz vor dem Vatikan, die von der dort tagenden Bischofskonferenz forderte, Druck auf das katholische Spanien auszuüben.

Im Frühjahr 1972 saßen 245 Zeugen Jehovas und drei katholische, politisch argumentierende Kriegsdienstverweigerer in spanischen Gefängnissen, als die internationale Kampagne in vielen Ländern einsetzte, nur nicht in der BRD. Wie zuvor im Roman „Los encartelados" von Gonzalo Arias beschrieben, hatten Franzosen, Holländer und Schweizer mit „Sandwich-Plakaten" in Madrid und Santander demonstriert, mit unterschiedlichen Folgen für die Beteiligten: von der sofortigen Abschiebung bis zu einem Monat Haft. Da ergriff der kleine Kreis in Augsburg die Initiative, damit innerhalb der internationalen Kampagne auch in der Bundesrepublik Solidaritätsaktionen stattfänden. Dazu sprachen sie die ihnen bekannten Gruppen an, von kirchlicher Jugend über die pazifistischen Verbände bis hin zu Gruppen, die sich gegen die repressiven Zustände in Franco-Spanien einsetzten. Im Juni 1972 brachte dieselbe Gruppe die Nullnummer der Zeitschrift „graswurzelrevolution" heraus, mit der sie libertär-gewaltfreie Theorie verbreiten und eine entsprechende Praxis anregen wollte. Unter anderem enthielt die neue Zeitschrift Hintergrundinformationen über die Situation in Spanien und einen Aufruf an die Leserinnen, sich an der Kampagne zu beteiligen, die sich Ende September in einer Aktionswoche bundesweit zu koordinierten Aktivitäten bündeln sollten. Drei Augsburgerinnen fuhren schließlich nach Barcelona, um dort eine Aktion auf den Ramblas, der belebten Straße in der katalanischen Hauptstadt, durchzuführen. Wolfgang Kroner stieg auf eine Telefonzelle, kettete sich an einem Verkehrsschild an und wies mit Plakaten auf Brust und Rücken auf die Forderungen der Kampagne zur Freilassung der Kriegsdienst- verweigerer hin. Neben der Sensibilisierung und Aktivierung, die von den Begegnungen im Ausland ausgelöst worden waren, war sein Entschluss zur Aktion aus seiner Haltung erwachsen, nicht anderen etwas zu empfehlen, wozu er selbst nicht den Mut finden würde Die Aktion erregte großes Aufsehen, unmittelbar vor Ort, aber auch noch monatelang in der spanischen Presse.

Kroner wurde ebenso verhaftet, wie zwei „verdächtige" Passanten und ein anderer Augsburger, der erläuternde Flugblätter verteilt und die Aktion unterstützt hatte. Während letzterer einen Tag später freigelassen und des Landes verwiesen wurden, schien die spanische Justiz an W. Kroner ein Exempel statuieren zu wollen. Laut Anklageschrift drohte ihm wegen „Störung der Öffentlichen Ordnung in einem besonders schweren Fall" nach einer eventuell langen Untersuchungshaft eine Gefängnisstrafe von 6 bis 12 Jahren! Die allmählich wachsende Kampagne nahm in der BRD nach Bekanntwerden von W. Kroners Aktion und seiner Verhaftung deutlich an Umfang zu. Sie erzielte ein relativ starkes Echo, wenn berücksichtigt wird, daß sie nicht von einer medienerfahrenen Organisation, sondern von einer weitgehend unbekannten kleinen Gruppe in Gang gebracht wurde. Wie zuvor im Falle Pepe Beunza wurden vermutlich viele Menschen eher vom Mut eines einzelnen, für seine Überzeugung auch harte Konsequenzen auf sich zu nehmen, motiviert, als es die reine Sachinformation über die Lage der Kriegsdienstverweigerer im Ausland vermocht hätte. An vielen Orten engagierten sich Christen, Pazifisten und Sozialisten für diese gemeinsame Sache. (13) Für die spanischen Behörden muss die Vielzahl der Aktivitäten in aller Welt, die z.B. über die diversen WRI-Sektionen angeregt wurden, beeindruckend gewesen sein. Im Gefängnis von Barcelona traf eine Flut von Briefen aus aller Welt ein, von denen W. Kroner nur ein kleiner Teil ausgehändigt wurde. Nach einer größeren Unterschriftensammlung, die dem spanischen Botschafter in Bonn übergeben worden war, ketteten sich am 10.12.1972 sieben Menschen aus sechs verschiedenen Städten der Bundesrepublik am Eisenzaun der Botschaft an. Eine weitere Eskalation gewaltfreier Aktionen wurde angekündigt. Doch am Abend desselben Tages wurde W. Kroner überraschend aus der Haft entlassen und abgeschoben.

Das gemeinsame Handeln hatte eine Reihe von gewaltfreien Aktivisten, verstreut über die ganze Bundesrepublik, zusammengeführt, die in den folgenden Jähren verschiedene andere Kampagnen organisierten. Die Initiative zur nächsten größeren Kampagne ging von Petra L. und Elmar R. aus, die W. Kroner in Barcelona bei seiner Aktion unterstützt hatten. Die Aktionen gegen die französischen Atomtests im Pazifik liefen unter dem Namen „Greenpeace", mehr als acht Jahre, bevor sich die Organisation gleichen Namens in Deutschland gründete. Schon 1958 waren Gewaltfreie aus den USA mit dem Segelschiff „Golden Rule" in das amerikanische Atombombentestgebiet rund um das Bikini-Atoll eingedrungen, ebenso wie eine internationale Gruppe versucht hatte, in das frühere Testgebiet der Franzosen in der Sahara einzudringen.

Auch in Deutschland und Österreich war schon 1957/58 überlegt worden, Freiwillige zu einer solchen Aktion auszusenden. Unabhängig voneinander hatten der Wiener Kulturkritiker Günther Anders unter dem Motto „Aktion Arche" und der „Kampfbund gegen Atomschäden" zur Teilnahme an einer Behinderungsaktion im Pazifik aufgerufen. Im Oktober 1958 fand hierzu im Internationalen Freundschaftsheim Bückeburg ein Ausbildungskurs für Freiwillige statt. Letztlich kam es nicht zu einer Beteiligung von Deutschen und Österreichern an der Aktion. Die Zusammenfassung der Ergebnisse wurde in einer Broschüre „als Hilfe für die deutsche Freiwilligenbewegung" veröffentlicht. (15)


Das wussten die beiden Initiatoren aus Augsburg nicht, als sie Anfang 1973 u.a. aus der Londoner Zeitschrift „Peace News" (16) von der internationalen Kampagne gegen die französischen Atomtests im Pazifik erfuhren. Zwei Schiffe der 1971 in Vancouver, Kanada, gegründeten Organisation „Greenpeace" waren im November 1971 in das US-Nukleartestgebiet bei den Aleuteninseln, ein weiteres Schiff zum polynesischen Atoll Mururoa gesegelt, wo die Franzosen ihre Atomtests durchführten.

Bei der Stockholmer Umweltschutz-Konferenz 1972 konnten die „Econauticals" mit Vertretern zahlreicher ökologischer Organisationen aus Europa, Amerika und dem Pazifikraum Absprachen für eine gemeinsame Kampagne gegen die französischen Tests treffen. In diesem Jahr sollte eine Flotte von mindestens 9 Schiffen ins Testgebiet segeln, dorthin gelangte schließlich lediglich die am besten ausgerüstete FRI, ein ehemaliger Ostseeschoner mit einer internationalen Besatzung von 13 Frauen und Männern aus Neuseeland, USA, Holland, England und Frankreich. Von besonderem politischen Gewicht sollte die Beteiligung eines „Friedensbataillons" prominenter französischer Kritiker der „force de frappe" werden: der hochdekorierte, im Algerienkrieg aus Protest gegen Folter aus der Armee ausgeschiedene General de la Bollardière, der katholische Priester Jean Toulat, der Philosophiedozent Jean-Marie Muller und der Vorsitzende von „Amis de la Terre", Brice Lalonde (später Umwelt- minister in der Mitterrand-Regierung). Mit phantasievollen Aktionsformen entwickelte sich auch in der Bundesrepublik eine „Greenpeace-Kampagne. Obwohl hierbei kein Ziviler Ungehorsam praktiziert wurde, so trug doch diese Kampagne zum Verständnis in der deutschen Öffentlichkeit für das Prinzip des gewaltfreien Widerstandes bei. Das seit der Spanien-Kampagne bestehende Kontaktnetz zwischen gewaltfreien Aktivisten wurde verstärkt und erweitert. Durch die erfolgreiche Koordination einer gleichzeitig dezentralen und transnationalen Kampagne (17) fühlten sich die Beteiligten zu weiterer Zusammenarbeit ermutigt.

In den ersten Jahren war der gewaltfreie Widerstand im antimilitaristischen Bereich die gemeinsame thematische Grundlage der gewaltfreien Aktionsgruppen. Einige gingen bald über die Kriegsdienst- verweigerung in ihrer staatlich anerkannten Form hinaus und entwickelten eine Kampagne zur konsequenten Verweigerung sämtlicher staatlicher Zwangsdienste. (18) Auch diese Haltung war in den pazifistischen Verbänden seit der Einführung der Wehrpflicht immer wieder diskutiert worden. Aber erst der Kontakt zu französischen, belgischen und holländischen Totalverweigerern machte aus einer Außenseiter-Haltung eine bis heute langsam, aber stetig wachsende Bewegung.

Ab 1974 erweiterte sich das Themenspektrum der Kampagnen, die weiter meist internationale Bezüge hatten und in denen sich gewaltfreie Aktionsgruppen intensiv einbrachten. So. z.B. der Outspan- Boykott gegen die Apartheid in Südafrika (19) oder die Unterstützung der streikenden mexikanischen Farmarbeiter in Kalifornien, deren Gewerkschaft zum Verbraucherboykott bestimmter Exporteure von Weintrauben und Eisbergsalat aufgerufen hatte. (20) In den christlich motivierten Gruppen dieser Bewegung begann die Unterstützung der gewaltfreien Basisgruppen in Lateinamerika und besonders der Bewegung SERPAJ, deren Koordinator Adolfo Perez Esquivel später den Friedensnobelpreis erhielt. (21)

Eine Reihe von Trainingskollektiven für gewaltfreie Aktion entstand, die den Aktionsgruppen halfen mit einer ausdifferenzierten Methodenvielfalt, die Situation besser zu analysieren, geeignete Strategien und passende Aktionsformen zu entwickeln und sie in Rollen- und Planspielen möglichst wirklichkeitsnah einzuüben. (22) Besonders der Amerikaner Eric Bachman, der als Mitglied einer historischen Friedenskirche seinen Zivildienst in Deutschland abgeleistet hafte, widmete sich dieser stillen, aber wirkungsreichen Tiefenarbeit, indem er viele Trainerinnen ausbildete.

Die erste, sowohl qualitativ als auch quantitativ bedeutsame Wechselwirkung zwischen den zahlenmäßig relativ kleinen, aber politisch recht bewussten und aktionsorientierten Graswurzelgruppen und Neuen Sozialen Bewegungen begann ab 1974 an den ökologischen Brennpunkten des alemannischen Dreiländerecks Elsass, Südbaden und Nordwestschweiz. Eine offensiv gewaltfreie Phase der französischen Ökologiebewegung hatte schon zwei Jahre früher an Frankreichs Peripherie, vor allem in der Bretagne und dem Elsass begonnen. (23)

Schon vor dem Wyhl-Konflikt hatten die Bürgerinitiativen am südbadischen Kaiserstuhls mit den Anti-AKW-Gruppen auf der anderen Rheinseite gegen den Bau des Atommeilers von Fessenheim gekämpft und gemeinsam den vor Wyhl geplanten Standort Breisach verhindert. Gleichzeitig lernten die Mitglieder der besonders rührigen „Gewaltfreien Aktion Freiburg" gewaltfreie Aktive aus der französischen Nachbarregion, wie Solange Fernex, Jean-Jacques Rettig oder Raymond Schirmer kennen. Diese wiederum arbeiteten eng mit Gruppen in ganz Frankreich zusammen, die zum Teil seit den 50er Jahren kontinuierlich gewaltfreien Widerstand praktizierten, z.B. mit der Gandhi-orientierten Aktions- und Lebensgemeinschaft „Die Arche" (24). So wussten sie auch viel von dem seit 1971 begonnenen beispielhaften gewaltfreien „Kampf der Bauernfamilien auf der südfranzösischen Larzac - Hochebene, die mit Phantasie und Humor eine Vielzahl von Aktionen Zivilen Ungehorsams durchführten. (25)

Der Widerstand gegen den Truppenübungsplatz erfuhr schon sehr früh internationale Solidarität und Anregungen aus dem Ausland. In einer eindrucksvollen Öffnung zur Welt verbanden die Landwirte ihren eigenen Kampf mit einer meist sehr praktischen Unterstützung gewaltfreier Befreiungsbewegungen in aller Welt, und selbst heute (1992-W.H.), elf Jahre, nachdem sie in eigener Sache gesiegt haben, setzen sie diese internationale Solidaritätsarbeit unvermindert fort. (26) Zu Beginn war es für die vorher sehr weltabgeschieden lebenden Bauern beeindruckend, als z.B. eine Delegation nordamerikanischer Indianerstämme auf den Larzac kamen. Ein Hopi-Indianer unterstrich die Gemeinsamkeit ihres Widerstandes gegen eine entwurzelnde Zentralmacht. Ihre Verbundenheit mit ihrer Heimat sei weder mit Geld noch mit staatlicher Gewalt zu beseitigen. Dabei erzählte er von der indianischen Tradition der „langen Märsche", die sowohl ihre Gemeinschaft gestärkt, als auch ihr Anliegen im ganzen Land bekannt gemacht hatten. In den folgenden Jahren zog die Bevölkerung des Larzac in immer dramatischer werdenden Formen eines symbolischen „Exodus" den 710 km langen Weg nach Paris, um dem französischen Volk und der Regierung auf diese Weise eindringlich ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen.

Der gewaltfreie Widerstand gegen den Truppenübungsplatz auf der südfranzösischen Larzac - Hochebene war von 1971-1981 ein grosses und schließlich erfolgreiches Experimentierfeld gewaltfreien Widerstandes

Als sich bei der dritten Großkundgebung im Sommer 1974 über 100 000 Menschen auf der Larzac-Hochebene versammelt hatten, diskutierten die 120 Larzac- Komitees aus ganz Frankreich die Idee, im Falle der Enteignung des Bauernlandes das Gelände in einer Aktion dauerhaften Zivilen Ungehorsams zu besetzen, um die Erweiterung des Truppenübungsplatzes zu verhindern. Dieser Plan musste jedoch zugunsten anderer Aktionsformen aufgegeben werden (z.B. mit einer allmählichen Inbesitznahme von Armeeland durch die Bauerngemeinschaft oder nationale Kampagnen, wie die der Steuerverweigerung oder der Wehrpassverweigerung), da eine Besetzung von der Kraft der regionalen Bevölkerung abhängt und weniger vom guten Willen der außerhalb lebenden Sympathisanten.

Für die drei Bauplatzbesetzungen im alemannischen Dreiländereck, durch die nacheinander das Bleichemiewerk in Marckolsheim / Elsass und die Atomkraftwerke in Wyhl/Südbaden und Kaiseraugst bei Basel (27) verhindert wurden, war es m.E. von wesentlicher Bedeutung, dass die Bürgerinitiativen, die sich bald zu grenzüberschreitender Zusammenarbeit entschlossen, durch hochmotivierte gewaltfreie Aktivisten aus den benachbarten Städten Straßburg, Freiburg und Basel beraten und unterstützt wurden. Mit ihrem nachhaltigen Einsatz und ihrer bescheidenen Art, sich nützlich zu machen, erwarben sie sich das Vertrauen der Bauern und Bürger in den ländlichen Initiativen, die sonst eher skeptisch gegenüber städtischen linken und studentischen Gruppen waren.
Sie trugen wesentlich zu den Erfolg bringenden Entscheidungen der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen bei: offensiv gewaltfrei vorzugehen, sich über die Grenzen hinweg zu verbünden, um die jeweiligen Bauplätze in: gegenseitiger Hilfe zu besetzen. Umgekehrt war es für die Graswurzelgruppen ein glücklicher Umstand, eines ihrer ersten bundesweiten Treffen im Sommer 1974 auf der Schelinger Höhe auf dem Kaiserstuhl zu veranstalten: Durch die Vermittlung der Gewaltfreien Aktion Freiburg kamen die Teilnehmerinnen über die Gespräche mit führenden Mitgliedern der dortigen Bürgerinitiative erstmals in intensivere Berührung mit der Problematik der „zivilen Atomindustrie". Dieser Zugang über persönliche Kontakte vor Ort wirkte sich weit nachhaltiger aus, als es eine nur über Literatur erfolgte Beschäftigung mit dem Thema vermocht hätte. Die Bauplatzbesetzung in Wyhl im Frühjahr 1975 hatte zweifellos eine Schlüsselfunktion sowohl für die bundesweite Anti-AKW-Bewegung, als auch für die Wahrnehmung der Gesamtproblematik in der bundesdeutschen Öffentlichkeit. (29)

Der Bau des Atomkraftwerks Wyhl (Südbaden) wurde durch zwei Bauplatzbesetzungen verhindert, genauso wie vorher in Marckolsheim auf der gegenüberliegenden Rheinseite im Elsass der Bau eines Bleichemiewerks und des AKW in Kaiseraugst (Nordschweiz).

Da es dem Lerneffekt nicht nützt, Konflikte lediglich aus der möglichst günstig wirkenden Selbstdarstellung der Initiativen zu beschreiben, sollten die eher seltenen internen Berichte und Analysen auch der Schwachstellen ergänzend hinzugenommen werden. (30) Erfahrungen im Widerstand können nur dann an anderen Standorten anregend und hilfreich sein, wenn die jeweiligen, nie völlig gleichen, örtlichen Bedingungen berücksichtigt werden. Geeignete Strategien können nur entwickelt werden, wenn zuvor genau das Kräfteverhältnis zwischen Betreibern und Gegnern, zwischen der wirtschaftlichen Bedeutung des Projektes und der zu erwartenden staatlichen Repression, dem Engagement in den Bürgerinitiativen und der Stimmung in der Bevölkerung analysiert wurde. Das Bemühen um Analyseschärfe und um Vorgehensweisen, die der andersgearteten Situation angemessener gewesen wären, fielen zu schwach aus, als norddeutsche Bürgerinitiativen in Brokdorf und Grohnde versuchten, die im alemannischen Raum erfolgreich erprobte Aktionsform der Bauplatzbesetzung zu wiederholen. Die Verankerung der Bürgerinitiativen in der Wilster Marsch und im Weserbergland war weit geringer, als die ihrer Vorbilder. Fürchteten z.B. die Winzer und Tabakpflanzer am Kaiserstuhl wirtschaftliche Einbußen, wenn die Kühltürme des AKWs die Nebelvorkommen in der Region deutlich erhöhten, fehlte im Norden eine solche primäre Betroffenheit.

An den Standorten Brokdorf und Grohnde (wie im französischen Malville) war es ein verhängnisvoller Irrtum der AKW-Gegner zu glauben, daß die geringe Widerstandsbasis vor Ort durch linke Initiativen aus den Städten ersetzt werden könne. Das Ungleichgewicht verstärkte sich noch dadurch, daß der Glaube an das Recht des Stärkeren bis tief in die „bürgerliche Linke“ verbreitet war, der ohnehin schon, und bezogen auf die Staatsgewalt erst recht, absurd ist. Diese „städtisch-linke" Haltung trieb viele vorher unpolitische Bürgerinnen vor Ort eher in eine passive oder zumindest legalistische Position zurück. Die Hilflosigkeit der Bürgerinitiativen vor Ort zeigte sich bald recht deutlich, als sie zusehen mussten, wie sich zwei uniformierte Gruppen vor den zu Festungen ausgebauten Bauplätzen gegenüberstanden, die gewaltsame Auseinandersetzungen durch ihre Vorbereitung erwartend oder in Kauf nehmend: hier vermummte „Autonome" und K-Gruppen, dort Polizeitruppen in Kampfausrüstung. Im nach hinein sehe ich die voluntaristische Sicht von uns Gewaltfreien in einigen Punkten sehr kritisch. Wir glaubten nach dem Motto „Wyhl ist überall", daß das erfolgreiche Beispiel der Platzbesetzungen vom Vorjahr an Standorten wiederholt werden könne, für die jedoch andere Ausgangsbedingungen galten, wozu nicht zuletzt der Aufrüstungsprozess der Polizei gehörte - dies erkannten wir zum Teil erst beim Aufarbeiten der Misserfolge. (31)

Es war zu verlockend, den Versuch zu wagen, nachdem eine „Erklärung der norddeutschen Bürgerinitiativen und Lebensschutzverbände an die Bevölkerung" im Dezember 1975 in einer Auflage von 25 000 Exemplaren mit direktem Bezug auf das Beispiel Wyhl den Beschluss der Initiativen zur gewaltlosen Platzbesetzung veröffentlicht hatte. Im Auftrag der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe Wewelsfleth - Brokdorf formulierte ich ein Flugblatt, in dem das gewaltfreie Verhalten begründet, mit praktischen Hinweisen erläutert und zur Leitlinie der Bürgerinitiative erklärt wurde. (32 )

Es war jedoch zu wenig, daß die Standort-Bürgerinitiative ein Flugblatt herausgab, das gewaltfreies Vorgehen forderte, diese Maxime aber auf Grund fehlender gründlicher Vorbereitung darauf nicht durchsetzen konnte. Beim ersten Anlauf der Platzbesetzung am 30. Oktober 1976 schien zunächst auch alles in etwa zu gelingen, bis die Polizeikräfte überraschend und entgegen anderer Zusagen zu einer brutalen Räumung übergingen. (33) Spätestens beim zweiten Besetzungsversuch am 13. November 1976 fanden sich die AKW-Gegner aus der Wilster Marsch in einer Situation, die sie völlig überforderte.

Der überzogene Polizeieinsatz beim ersten mal und der Ausbau des Bauzauns, der an die DDR - Grenze erinnerte, es fehlten nur die Selbstschussanlagen, provozierte einige städtische Demonstranten, sich nicht nur defensiv gegen Wasserwerfer und Gummiknüppel, sondern auch für den Sturm auf die Befestigungsanlagen und die Polizeikräfte auszurüsten, die diese verteidigten. Die massiven Sperren verhinderten jedes Gespräch mit den Beamten - in Wyhl hatten tagelange Diskussionen mit den Beamten über den vergleichsweise „leichten" NATO-Draht hinweg wesentlich dazu beigetragen, daß die Polizei sich bei der Besetzung zurückgezogen hatte. Die Aufrüstung auf beiden Seiten führte zu einer Eskalation der gewaltsamen Auseinandersetzung. Neben gewaltfreien Aktionsgruppen aus Hamburg und anderen Städten versuchten die „Brokdorf-Pastoren" in mutigem persönlichen Einsatz, die Autorität ihres Amtes für das gewaltfreie Gelingen der Besetzung einzubringen. Aber auch das vermochte nicht, die Schlacht zwischen Polizei und Demonstranten zu verhindern.

Nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen beim zweiten Versuch einer Platzbesetzung in Brokdorf Mitte November 1976 zogen die gewaltfreien Aktionsgruppen ihre Konsequenzen. Eine davon war die verstärkte Auseinandersetzung mit Zivilem Ungehorsam im Gespräch mit den Bürgerinitiativen (34), an der jeweiligen örtlichen Basis oder auf Bundesebene im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. (35)
Wiederum aus dem Ausland kam eine Idee als Alternative zum militärischen Kampf um den Bauplatz, diesmal aus Italien, Frankreich und den Niederlanden. (36) Über den Stromzähler und das Bezahlen der Stromrechnung besteht in jedem Haushalt eine direkte Verbindung zu Atommeilern und somit ein für alle Bürgerinnen erreichbarer Ansatzpunkt zur Auseinandersetzung bzw. zur Verweigerung durch Zivilen Ungehorsam. Nach umfangreicher Öffentlichkeitsarbeit in der gesamten Anti-AKW-Bewegung der Bundesrepublik (37) erfolgte der Auftakt zur Kampagne Stromzahlungs boykott auf der doppelten Kundgebung am 19.2.1977 in Brokdorf und Itzehoe, wo die „Hamburger Initiative Kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion" diese Aktionsform der Öffentlichkeit vorstellte. Die gründliche Vorbereitung dieser Aktion erlaubte, die Stromgeldverweigerung in Hamburg ab 1.10.1977 zu beginnen, obwohl die ursprünglich geplanten 1 000 Bereitschaftserklärungen bei weitem nicht erreicht worden waren. (38) Nach den ersten Erfahrungen mit den Reaktionen der Hamburger Elektrizitätswerke (HEW) und vor Gericht begann der Boykott im Frühjahr 1979 fast gleichzeitig in einer Reihe von bundesdeutschen Städten. Die Dortmunder Informationsstelle versorgte 84 Gruppen und 55 Anwaltspraxen mit aktuellen Berichten, juristischen Hinweisen und politischen Einschätzungen. (Stand: Juni 1982) (39)

Es ist bemerkenswert, daß in vielen Städten auch nach Abschluss der Kampagne die Boykotteurinnen sich nicht aus den Augen verloren. Jahre später wurden die „Strobo"-Zusammenhänge zu Ausgangsbasen für Volkszählungsboykott-Initiativen. Sogar während des Golfkriegs war zu beobachten, wie Strobo-Teilnehmerinnen ihre Erfahrungen in Kriegssteuerverweigerungs-Initiativen einbrachten.

Eine andere Konsequenz zogen gewaltfreie Aktionsgruppen, als sie mit einer relativ kleinen Anzahl sorgfältig ausgewählter Personen am 19.2.77 den Bauplatz für das AKW Grohnde besetzten. (40) Damit verweigerten sie sich der Spaltung zwischen „bürgerlichen" und „autonomen" Demonstranten, die am selben Tag in Itzehoe bzw. am Bauzaun in Brokdorf demonstrierten und setzten gleichzeitig ein Signal, daß Ziviler Ungehorsam machbar blieb, sofern Schauplatz und Aktionsform selbstgewählt werden und sich alle Beteiligten zuvor bewusst auf Gewaltfreiheit geeinigt und sich dementsprechend vorbereitet haben. Allerdings war im Falle Grohnde den örtlichen Initiativen selbst gewaltloses Vorgehen zu riskant, worauf die Besetzer, freiwillig wieder abzogen. Freilich verwundert es dann wenig, daß die Bürgerinitiativen des Weserberglandes einen Monat später keine überzeugende Alternative entgegenzusetzen hatten, als vor allem (K-) Gruppen von außerhalb einen Besetzungsversuch unternahmen, der in einer „Schlacht" mit der Polizei endete. (41)
Dass ein so dramatisches Ereignis nicht in Resignation mündete, zeigte die relativ erfolgreiche und monatelang ohne Gewalt durchgehalten Besetzung des Kühlturmgeländes in Grohnde am 13. Juni 1977, an der wiederum die Gewaltfreie Aktion Göttingen maßgeblich beteiligt war. (42) Auch in Brokdorf wurde in den folgenden Jahren eine Reihe gewaltfreier Blockaden organisiert, ohne dass es je gewaltsame Übergriffe von Seiten der Demonstranten gegeben hätte. Die Aktionen fanden bewusst außerhalb von Großdemonstrationen statt, da weniger die Zahl als die Übereinstimmung der Beteiligten über ihr gewaltfreies Vorgehen für das Gelingen wichtig war. (43) Nach Tschernobyl wurde so Brokdorf dreieinhalb Jahre lang Monat für Monat blockiert. (44)

So wie der Funke des gewaltfreien Widerstandes von Frankreich (Larzac, Elsass) auf Wyhl übersprang, so ging umgekehrt ein Impuls vom Kaiserstuhl an die amerikanische Anti-AKW-Bewegung. (Angereichert durch neue Erfahrungen in den USA, kam später der Einfluss über Gorleben aus. den USA nach Deutschland zurück - und wurde danach vor allem in den Blockadekampagnen der Friedensbewegung wirksam.)

Anlässlich der Dreijahreskonferenz der „War Resisters’ International" im Sommer 1975 in Nordwijkerhout (Holland) waren mit der US-Delegation auch Aktivisten gekommen, die Widerstand gegen das in Seabrook (New Hampshire) projektierte Atomkraftwerk planten. Sie nutzten die Gelegenheit, um nach Wyhl zu fahren und sich auf dem besetzten Bauplatz genau über das Vorgehen der badisch-elsässischen Bürgerinitiative zu informieren. Zurückgekehrt in die USA, arbeiteten die Wyhl-Besucher in ihren Gruppen, insbesondere im Movement for a New Society, eine Strategie für Seabrook aus, die neben der Wyhl-Anregung Erfahrungen aus der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, den Trainingskollektiven sowie Entscheidungs- und Organisationsprinzipien der Quäker und der Anarchisten aufgriff: das Konsensprinzip und das Bezugsgruppensystem. (45)

Das Beispiel Seabrook. Nach sieben Jahren erfolglosen Streits mit den Genehmigungsbehörden und vor den Verwaltungsgerichten nahm der Widerstand gegen das AKW bei Seabrook eine neue Qualität an, als im Januar 1975 bei mehreren Grad Minus 36 Stunden lang ein Messturm auf dem Baugelände besetzt wurde. Im April 1975 folgte ein 85-Meilen-Marsch vom Verwaltungssitz der Elektrizitätsgesellschaft zum Bauplatz. Nach dem erwähnten Wyhl-Besuch einiger Aktivisten von der Ostküste wurde ein Film über die Bauplatzbesetzung im Kaiserstuhl vor den Bürgerinitiativen von Philadelphia bis New York gezeigt. Ein Treffen von l50 AKW-Gegnern im Juli 1976 führte zum einstimmigen Beschluss, den Bauplatz in Seabrook zu besetzen - als Beginn einer eskalierenden Kampagne. Bei diesem Treffen gründeten die unterschiedlichen Gruppen die „Clamshell-Alliance". Obwohl nicht alle der an diesem Bündnis Beteiligten prinzipiell die Gewaltfreiheit vertraten, legte sich die bunt zusammengewürfelte „Venusmuschel-Allianz" auf ein aktiv-gewaltfreies Vorgehen für diese Kampagne fest.

Am 1. August 1976 startete die erste, symbolische Bauplatzbesetzung mit 18 Teilnehmern. Bei den folgenden Aktionen sollte die Zahl jeweils gesteigert werden: 180, 1 800 . . . Ein intensives Training hatte auf alle denkbaren Ereignisse, einschließlich einer Verhaftung, vorbereitet.
Das eindeutig gewaltfreie Vorgehen der Besetzer und das harte Verhalten der Ordnungshüter bei der Räumung führte zu einer deutlichen Unterstützung der Kampagne innerhalb der Anti-AKW-Bewegung. Unverzüglich wurde die zweite Besetzung vorbereitet, die am 22.8.76 mit insgesamt 1000 Teilnehmern erfolgte. Diese begannen, den Bauplatz mit Ahornbäumchen und anderen Pflanzen aufzuforsten, bis 180 Demonstranten verhaftet wurden. Das Zeughaus der Nationalgarde, in dem sie eingesperrt waren, wurde bis zu ihrer Freilassung am folgenden Tag ununterbrochen belagert. Die sorgfältig geplanten und mit guter Laune durchgeführten Aktionen der Clamshell-Alliance, die sich von Mal zu Mal in Radikalität wie Teilnehmerzahl steigerten, führten zu einem deutlichen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung der Region, vom misstrauisch-apathischen Beobachten zur wachsenden Unterstützung, so daß ein dritter Besetzungsversuch am 30.4. - 1.5.1977 Erfolg zu versprechen schien.

Die grundlegende strukturelle Einheit der Besetzungsorganisation war die Affinitätsgruppe (Bezugsgruppe). Jede dieser Gruppen bestand aus 10 bis 20 Leuten, die vorher ein gemeinsames Training in gewaltfreier Aktion durchgeführt hatten. Monatelang waren Trainer damit beschäftigt, Trainingsworkshops zu organisieren, so daß bis zum Sonntag (1.5.) um 12 Uhr alle 2 000 Besetzer mit Möglichkeiten vertraut waren, auf eventuelle gewalttätige Situationen kreativ und gewaltfrei zu reagieren . . . Jede Affinitätsgruppe hatte einen Peacekeeper (Friedensbewahrer), einen Versorgungs- und Unterstützungsbeauftragten (Support Person), einen Medic (Sanitäter), einen Medienbeauftragten sowie einen Spoke (Sprecher) zu bestimmen... Wann immer eine Entscheidung für die Gemeinschaft der Besetzerinnen anstand, trafen sich zuerst die einzelnen Bezugspersonen und versuchten, in der anstehenden Frage Einstimmigkeit zu erzielen. Danach trafen sich die Sprecher aller Affinitätsgruppen und versuchten ihrerseits, eine einstimmige Lösung zu finden Die bei der Sprecherversammlung ausgetauschten Informationen und unter Umständen gefassten Beschlüsse wurden dann von den Sprechern wieder in ihre Gruppen zurückgetragen und dort diskutiert. Dann trafen sich die Sprecher erneut. Manchmal mußten die Spokes auf diese Weise mehrmals hin- und herpendeln, um zu einem gemeinsamen Entschluss zu kommen. Später, als wir auf dem Bauplatz waren, erwiesen sich die Sprecherversammlungen wegen ihrer Größe als zu schwerfällig um schnelle Entscheidungen zu treffen, und die Sprecher wählten aus ihrer Mitte einen etwa 15 köpfigen „Decision Making Body" als oberstes Entscheidungsorgan ......(46)
Viele Leserinnen haben sicher bereits das Bezugsgruppensystem erkannt, mit dem in Mutlangen, im Hunsrück und vielen anderen Militärstandorten in den 80er Jahren Blockadeaktionen in Deutschland durchgeführt wurden. Äußerlich ähnelte die Besetzungsaktion in Seabrook zunächst stark der von Wyhl, die Masse der Besetzerinnen betrat das Gelände von Westen her, während zwei ortskundige Gruppen durch sumpfiges Gelände auf den Bauplatz vordrangen. Eine vierte Gruppe von etwa 100 Menschen wurde von der Seeseite her mit den Booten sympathisierender Fischer herangebracht. Während nur ein Teil des Platzes mit Maschendraht abgesperrt und die darauf befindlichen Schuppen und Gerätewagen von Werkschutzleuten bewacht wurden, konnte zunächst ein Anti-Atomdorf aus Zelten gebaut werden, das „Freebrook" getauft wurde. Nachdem eine Aufforderung der Staatspolizei, den Platz freiwillig zu verlassen, keine Wirkung zeigte, begann eine 14 Stunden anhaltende Verhaftungsaktion, bis alle 1414 „geduldig wartenden" (dpa) Besetzer in Schulbusse und Militärlastwagen getragen waren, die sie in fünf Zeughäuser der Nationalgarde brachten. Für die Behörden begannen damit jedoch erst die Probleme, da nach dem Motto „Keiner geht, bevor nicht alle gehen dürfen", die Besetzungsaktion in den improvisierten Gefängnissen fortgesetzt wurde, die von den so gar nicht reuewilligen Häftlingen in „befreite Gebiete mit einer eigenen Infrastruktur" umgewandelt wurden. Die Aktion kostete den Staat pro Tag 50 000 Dollar (Reuter, 5.5.77), da die Inhaftierten sich weigerten, Kaution zu zahlen. Schließlich musste der Gouverneur zu Spenden aufrufen. Es dauerte zwei Wochen, bis alle Teilnehmer nacheinander zu in der Regel zwei Wochen Haft und 100 Dollar Geldstrafe verurteilt waren. Erst am 15.5. wurden die letzten 550 Besetzerinnen aus der Haft entlassen.

Die Benennung Gorlebens als Standort des Nuklearen Entsorgungszentrums (geplant waren dort eine atomare Wiederaufbereitungsanlage, ein Zwischen- und ein Endlager für Atommüll) am 22.2.1977 führte im konservativ geprägten Landkreis Lüchow-Dannenberg bald zu Befürchtungen, es könne, wie in Brokdorf und Grohnde, zu einer „Schlacht" zwischen ortsfremden Demonstranten und der Polizei kommen. Diese Angst wurde von CDU-Politikern demagogisch geschürt, um eine gewaltige Polizeidauerpräsenz zu rechtfertigen. Aber auch die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg hatte Mühe, jeweils Positionen zu beziehen, die sowohl dem Bewusstsein der Bevölkerungsmehrheit im Wendland, als auch der Ungeduld der Initiativen in den Großstädten gerecht werden sollten.

Obwohl von Anfang an die meisten direkten Aktionen von Mitgliedern der Bürgerinitiativen oder der Bäuerlichen Notgemeinschaft ausgingen oder zumindest mitgetragen wurden, vermieden diese im ersten Jahrzehnt des Konfliktes, persönlich oder im Namen ihrer Organisation, die direkte Verantwortung zu übernehmen. Der damit erwartete Schutz vor Strafprozessen, Schadensersatzforderungen oder vor dem Verlust der Gemeinnützigkeit konnte nur in begrenztem Maße erreicht werden. Statt dessen verzichteten die Gorleben-Widerständler m.E. auf ein wesentliches Element Zivilen Ungehorsams. Das öffentliche Bekenntnis zur bewusst vollzogenen Gesetzesüberschreitung ermöglicht, die Beweggründe ausführlich darzustellen. Wirken die Medien mit, ist die so entstehende Sympathie zumindest in Teilen der Bevölkerung oft ein wirksamer Schutz vor Repression. Der Versuch, sich zu entziehen, wirkt wie ein Eingeständnis der Verwerflichkeit der Handlung.

Bezeichnend war der Umgang mit den Konsequenzen einer Treckerblockade im März 1979, als Bohrfahrzeuge ausgerechnet auf dem Gelände der Bäuerlichen Absatzgenossenschaft in Lüchow geparkt worden waren. Die Traktorfahrer leugneten gegenüber der Polizei, dabei gewesen zu sein. Videoaufnahmen der Polizei ermöglichten dennoch die Anklageerhebung, etliche Landwirtinnen wurden vorbestraft. Zudem wirkte die „gesamtschuldnerische Haftung", eine in Niedersachsen seit Grohnde auch gegen AKW-Gegner eingesetzte Maßnahme willkürlich verteilter hoher Schadensersatzforderungen gegenüber einzelnen, ebenfalls einschüchternd. So wirkte sich m.E. eine Haltung, die schützend wirken sollte, auf den wendländischen Widerstand, zumindest zeitweilig, demobilisierend aus.

Anders als auf dem Larzac oder in Wyhl kam es in Gorleben nicht zu einer von allen Projektgegnern mitgetragenen Entscheidung für offen durchgeführten Zivilen Ungehorsam. Der Streit um Gewalt oder Legalität ließ diesen dritten Weg in den Hintergrund treten. Er nahm auf den überregionalen „Trebeler Treffen" breiten Raum ein und behinderte die Aktionseinheit erheblich. An dieser Stelle beschränke ich mich auf die Skizzierung der Impulse von Seiten der gewaltfreien Aktionsgruppen im Zeitraum von 1977 bis 1980. (47)

Nicht wenige deutsche AKW-Gegner hatten im Sommer 1977 die blutigen Auseinandersetzung um den Schnellen Brüter in Malville in Frankreich miterlebt (der eine ähnlich fehlerhafte Analyse der Kräfteverhältnisse durch französische Gewaltfreie vorangegangen war, wie es oben für Brokdorf Ende 1976 beschrieben wurde). Bereits beim ersten Sommercamp auswärtiger Sympathisanten begann eine heftige Diskussion über eine etwaige Großdemonstration in Gorleben.
Ein Teil der Auswärtigen lehnte, wie die örtliche Bürgerinitiative, eine solche zentralisierte Aktion vor Ort ab, wollte aber nicht in der Defensive stehenbleiben Unter dem Motto „Gorleben ist überall" begannen sogenannte „Gorleben-Freundeskreise”, die sich ab Oktober 1977 mehrfach trafen, ein dezentrales Widerstandskonzept zu entwickeln. Anstatt alle Anstrengungen auf eine zentrale Massenaktion am Bauzaun zu konzentrieren, sollten die Initiativen an ihren Heimatorten nach Ansatzpunkten für Aktionen suchen, die das Thema Gorleben überregional bekanntmachen würden. Am 30. Juni 1978 wurden die dezentralen Aktivitäten in einem bundesweiten Aktionstag gebündelt. Phantasievolle Öffentlichkeitsarbeit fand an 16 verschiedenen Orten statt, in Hamburg z.B. mit einem „Menschenteppich" vor dem HEW- Verwaltungsgebäude. (48) Der zweite Aktionstag Ende Oktober 1978 erfasste bereits 42 Orte mit ca. 3 000 Teilnehmerinnen. Zu den spektakulärsten Aktionen gehörten Blockaden vor Elektrizitätsunternehmen in Hamburg, Frankfurt und Göttingen.

Beim ersten Bundestreffen aller Gorleben-Initiativen Mitte Dezember 1978 kam es in Trebel zur „Schlacht um Gorleben im Saal", wo manchmal der Eindruck entstehen konnte, als handele es sich um das Abstecken von Einflussgebieten des „autonomen" bzw. des gewaltfreien Flügels der Anti- AKW-Bewegung. Bevor die spaltungsträchtige Frage „Großdemo in Gorleben oder nicht" beim nächsten Bundestreffen Mitte Februar in Braunschweig ausgefochten werden konnte, wurde sie von den Landwirtinnen des Wendland durch den Beschluss eines Trecks von Gorleben nach Hannover „auf elegante Weise" (D. Halbach) entschieden. Die Aktionsform war direkt vom Larzac übernommen, bis hin zum Motiv der Buttons und Plakate: das Verkehrsschild „Durchfahrt verboten!" mit der Aufschrift „Gorleben" (statt Larzac-Résistance).

Deutlich sichtbar wurde das dezentrale Netz von Gorleben-Freundeskreisen bei Beginn der Bohrarbeiten zur Erkundung des Salzstockes Gorleben am 14. März 1979. Überall in der Republik wurden Ortsschilder mit dem Plakat „Gorleben ist überall" überklebt. Rund 28 000 Menschen beteiligten sich an 60 Aktionen in 40 Städten (49). Im Wendland kam es eine Woche lang zu Sitzblockaden sowie zur erwähnten Trecker-Blockade. Das Ende des Gorleben-Trecks vom 25. - 31. März 1979 fiel nicht nur mit dem Internationalen Gorleben-Hearing zusammen, sondern auch mit dem Bekanntwerden der Reaktorkatastrophe von Harrisburg. Der Empfang der Treckerkolonne durch 100 000 Demonstranten in Hannover wurde zum Signal für einen gewissen Durchbruch. Ministerpräsident Albrecht gab im Mai 1979 Gorleben als WAA- Standort (vorläufig) auf, da er „keinen Bürgerkrieg im Land" wolle. Dass dies ein taktischer Schachzug zur Besänftigung der Gemüter war, bewies ein vertraulicher Brief Albrechts an Bundeskanzler Schmidt vom 8. Juni 1979, der zwei Monate später der BI Lüchow-Dannenberg von Unbekannten zugespielt wurde. Schon am 1. November 1982 deckte die BI die erneute WAA- Planung für den nur 15 km von Gorleben entfernten Standort Dragahn auf. (50)

Der Sommer l979 war bestimmt von den Vorbereitungen auf den Beginn der Tiefbohrungen, die Reibereien um die Vorgehensweise setzten sich quälend fort. Eine Bundeskonferenz hatte im Mai sogar gegen den ausdrücklichen Witten der BI eine Großdemonstration in Gorleben bei Tiefbohrbeginn beschlossen! Losgelöst von den Diskussionen auf Bundeskonferenzen oder in den BI- Ortsgruppen im Wendland rief Ende August der BI- Vorstand neben Parallelaktionen überall im Land zum ersten Mal auswärtige Unterstützer zur Teilnahme an dauerhaften Widerstandsaktionen an den Tiefbohrstellen auf. Am Vorabend der Einrichtung der ersten Tiefbohrstelle (an der Stelle, wo heute die Zwischenlager stehen) am 10. September 1979 organisierten die „Gorleben-Frauen" ein Picknick vor Ort, um dort zu bleiben, bis am Morgen die Waldarbeiter kamen, um unter Polizeischutz den Wald zu roden. In einer dramatischen Aktion wurde Baum um Baum gewaltfrei verteidigt, von einigen Bäumen mußten kletterkundige Demonstrantinnen heruntergeholt werden. Zwei Wochen lang versuchten überwiegend Auswärtige, den Verkehr der Baufahrzeuge zur Bohrstelle zu blockieren, bis sie auf Grund der erdrückenden Übermacht von Polizei und BGS aufgeben mussten. Eine gut begonnene Demonstration auf der Bohrstelle endete in Frustration und Ratlosigkeit: Während auf einem Treckeranhänger eine Rednertribüne eingerichtet wurde, begannen Vermummte, am anderen Ende des Platzes Lichtmasten umzureißen. Ein Landwirt drohte über Lautsprecher, die Saboteure mit der Freiwilligen Feuerwehr vom Platz wegspritzen zu lassen— und im allgemeinen Unmut wurde die angemeldete Kundgebung abgebrochen, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Die eigenständige Arbeit der dezentral arbeitenden Freundeskreise war in den Monaten zuvor zurückgegangen, einzelne gewaltfreie Aktionsgruppen wie z.B. in Hamburg und Göttingen setzten ihre Gorlebenarbeit fort, in den Heimatorten und bei häufigen Besuchen im Wendland. Wichtig wurde bald die Berliner Bezugsgruppe „Klatschmohn", die im Sommer 1978 bei einem längeren USA-Aufenthalt die dortige gewaltfreie und Anti-AKW-Bewegung studiert hatte. (51) Im „Life Center" in Philadelphia lernte sie in einem dreiwöchigen Trainingskurs die wichtigsten Methoden der systematischen Planung und Vorbereitung von Aktionen Zivilen Ungehorsams kennen. In diesem Training wie bei folgenden Aufenthalten in verschiedenen Bürgerinitiativen spielte die Erfahrung von Seabrook eine besondere Rolle. Nach der Rückkehr aus den USA schaltete sich „Klatschmohn" intensiv in die Diskussion über die weitere Vorgehensweise in Gorleben ein und wurde neben etlichen anderen Vertretern von Gewaltfreien Aktionsgruppen zu einem wichtigen Faktor zur Vorbereitung und Durchführung der unter dem Stichwort „Freie Republik Wendland" bekannten Besetzung der Tiefbohrstelle 1004 im Mai 1980. Aber auch die Gewaltfreie Aktion Tübingen ging Vom Beispiel Seabrook aus, als sie im Oktober l979 für eine Woche zu Blockadeaktionen ins Wendland fuhr. (52)

Der Plan zur Bauplatzbesetzung entstand unter dem Eindruck der wiederholten Niederlagen im Kampf gegen die Einrichtung der zweiten Tiefbohrstelle und konnte nur durch den beharrlichen monatelangen Einsatz einiger weniger Personen gegen vielerlei Skepsis durchgesetzt wurden. Ich erinnere mich noch gut an die Äußerung einer Frau, die in den Landkreis gezogen war, um sich möglichst intensiv dem Widerstand widmen zu können. „Wir haben uns hier so sehr verausgabt, dass wir jetzt noch einmal eine ganz große Sache auf die Beine stellen müssen, oder es in Kürze ganz aus ist mit dem wendländischen Widerstand". Beim Trebeler Treffen am 2.2.1980 erstmals vor- und in der „taz" vom 8.2.80 zur Diskussion gestellt stieß der Plan einer gewaltfreien Besetzung durch Bezugsgruppen auf sehr unterschiedliches Echo. In den Ortsgruppen der BI überwog eine zurückhaltende Einstellung, unter den Auswärtigen kochte erneut der Streit um’ Gewalt/Gewaltfreiheit hoch, aber aus den gewaltfreien Gruppen und Initiativen kam auch viel Zustimmung. Für die Verteilung des Engagements für diese Aktion kann die Zusammensetzung einer Vorbereitungsveranstaltung am 1.3.1980 als bezeichnend gelten. Unter den 70 Gästen, die sich Dias über die Platzbesetzungen in Wyhl, Grohnde und Seabrook ansahen, um daraus für die geplante Aktion zu lernen, waren 5 Landwirte und höchstens 20 Mitglieder der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Dennoch wurde zum Abschluss des Frauen-Ostertreffens am 6. April bekanntgegeben, daß die Platzbesetzung für Anfang Mai festgesetzt worden sei. An dieser Stelle ist nicht der Platz, um die Erfahrungen der 33 Tage dauernden Aktion wiederzugeben. (53) Bemerkenswert erscheint mir, daß einerseits die Grundsatzdiskussion um Gewaltfreiheit, Bezugsgruppensystem und Konsensprinzip immer neu entfachte, schon weil die Zusammensetzung der Besetzerinnen sich ständig veränderte. Es kam sogar zu Demonstrationen gegen den Sprecherrat auf dem Platz! Andererseits wuchs aber das Vertrauen auf die Stärke gewaltfreien Verhaltens mit jedem Tag, den die Aktion länger dauerte, bzw. je wahrscheinlicher eine Räumung durch Polizeikräfte wurde.

Diese vierwöchige Besetzung der Tiefbohrstelle 1004 war eine wichtige Erfahrung im schon 36 Jahre anhaltenden Widerstand gegen die Atommüllanlagen in Gorleben.

Ein halbes Jahr nach der Räumung der Tiefbohrstelle 1004 organisierte die Evangelische Akademie Loccum eine Aussprache zwischen Vertretern von Polizei, Bürgerinitiativen und Kirche über die Ereignisse. Ich war entsetzt, wie der von keinerlei Selbstzweifeln berührte Einsatzleiter der Räumung von der Einstimmung der Beamten auf diesen schwierigen Einsatz berichtete. Den jungen Bereitschaftspolizisten, die von weither geholt worden waren (einheimische Polizisten waren zu sehr gefährdet" mit den Demonstranten zu fraternisieren, wurden nicht nur Videofilme von gewaltsamen Auseinandersetzungen an anderen Orten, z.B. im Häuserkampf, gezeigt ihnen wurde zudem als „gesicherte Erkenntnis" mitgeteilt, auf dem Dorfplatz seien Schusswaffen vergraben. Entsetzt hat mich die leichtfertige Vermischung von Sorge und unbelegter Denunziation, denn jeder Zivilfahnder hätte sich bei den täglichen Diskussionen in der „Freien Republik Wendland" überzeugen können, daß es unter den Besetzerinnen keine Basis für gewaltsamen Widerstand gab! Natürlich wurden die angeblichen Waffendepots nie gefunden, die BGS-Beamten mit ihren schwarz geschminkten Gesichtern schienen beim Einsatz aber von dieser Lagebeurteilung auszugehen. Bei dieser bewussten Erzeugung von Feindbildern hat das mutige und besonnene Verhalten der „freien Wenden“ bei einem der massivsten Polizeieinsätze der Nachkriegsgeschichte noch eine nachträgliche Bestätigung gefunden. Zusammen mit der gelungenen und öffentlichkeitswirksamen Besetzung und der trotz aller Konflikte als positiv erlebten Gemeinschaft im Hüttendorf bleiben die vier Wochen auf „1004" eine nachhaltig wirkende Erfahrung für das Wendland und die überregionale Anti-AKW-Bewegung. Bedauerlicherweise kam es zu keiner gründlichen und gemeinsamen Auswertung der Aktion - sonst stets integraler Bestandteil jeder gewaltfreien Aktion. Daher fühlten sich manche eher in ihrem Vor-Urteil bestätigt: Die einen gingen gestärkt durch das vorbildliche Durchhalten des gewaltfreien Charakters der Aktion weiter, die anderen fühlten sich in ihrer Skepsis bestätigt und schworen, sich nie wieder in eine so wehrlose Lage zu begeben, die sie als demütigend empfunden hatten.

Im Wendland ging das Ringen um eine effektive, basisorientierte und gewaltfreie Widerstandsstrategie bis in die Gegenwart (am 22.2.92 dauerte der Gorleben-Konflikt bereits 15 Jahre an!) weiter. 1981 zog ich ins Wendland, um dort eine Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion mit aufzubauen. (54) Als Mitglied der Bürgerinitiative wurde ich zum teilnehmenden Beobachter vor Ort und brachte diese Erfahrung in das Bildungsprogramm für Bürgerinitiativen und Friedensgruppen ein. Obwohl ich schon verschiedene Konflikte aus der Nähe kennengelernt hatte, und davon auch solche, die mit dem Erfolg des gewaltfreien Widerstandes endeten, fühlte ich mich gegenüber einer massiven Betreiberpolitik oft ebenso ratlos wie wendländische Bürger, die sich zum ersten mal politisch engagierten. Es müssen immer wieder neue Lösungswege gesucht werden, es gibt keine einfachen Patentlösungen für das Gelingen gewaltfreien Widerstandes. Die in diesem Artikel skizzierte Lernkette vom Larzac über Wyhl, Grohnde, Seabrook bis Gorleben geht bis heute weiter. Als nächste wichtige Impulse kamen die Blockaden des Atomwaffenlagers Großengstingen 1982, bei denen weitere Erfahrungen mit dem Bezugsgruppensystem und dem Konsensprinzip gemacht wurden. (55) Ohne die Erfahrungen von Großengstingen (56) sind die Blockadeaktionen in der Auseinandersetzung um die „Nachrüstung" z.B. in Mutlangen oder im Hunsrück kaum denkbar...

Vielleicht gelang es, mit dieser Skizze von Lernprozessen zumindest anzudeuten, wie Neue Soziale Bewegungen vom Einsatz kleiner Gruppen profitieren können, die besonders auf die Vorbereitung und Einhaltung der aktiven Gewaltfreiheit im Widerstand achten.
Zum Schluß möchte ich anmerken, daß dieser Artikel nicht den Anspruch erhebt, alle Faktoren und Einflüsse zu berücksichtigen, die in den 70er Jahren Theorie und Praxis gewaltfreien Widerstandes voranbrachten. Es ist eher eine Aufforderung, daß sich weit mehr Menschen an der Aufarbeitung von Erfahrungen mit Zivilem Ungehorsam beschäftigen. Im Hamburger „Archiv Ökologie und Frieden", einer Dokumentensammlung für gewaltfreie, außerparlamentarische Bewegungen seit 1945, ist dafür ein Ansatzpunkt. (57) heute Archiv Aktiv

Anmerkungen:
(1) Siehe vor allem die Bücher von und über Gandhi, die im Rotapfel-Verlag in Zürich und Leipzig erschienen, z.B.:
M. Gandhi: Jung-Indien. Aufsätze aus den Jahren 1 9 9 -1920. Auswahl von Romain und Madeleine Rolland.Zürich,1924
Romain Rolland: Mahatma Gandhi. 1925
Emil Roniger (Hg.): Gandhis Leidenszeit Zürich 1925
Franz Kobler (Hg.): Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch der aktiven Gewaltlosigkeit. Zürich, 1926
Fritz Diettrich (Hg.): Die Gandhi-Revolution. Dresden, 1930
(2) Wolfgang Hertle:Von Aktivisten und Reservisten. Anmerkungen zum Zustand der ‚gewaltfreien Bewegung" in der Bundesrepublik. Gewaltfreie Aktion, Nr. 41/42, 3. u. 4. Quartal 1979, S.. 1 -8
(3) Zwischen 1885 und 1920 wurden die meisten der sozialethischen Schriften Leo Tolstois in deutscher Übersetzung veröffentlicht, danach fast nur noch die Romane und Erzählungen. 1990 begann die Neuauflage von Tolstois Religions- und gesellschaftskritischen Schriften, Hrsg. Raphael Loewenfeld, München in 14 Bänden
(4) Vgl. den gekürzten Beitrag von Christian Mellon in diesem Buch, Seite 47, Ziviler Ungehorsam. Die Geschichte eines Begriffes von Thoreau bis in unsere Tage.
(5) Die historische Friedensforschung blendete bisher fast völlig die Anhänger der direkten gewaltfreien Aktion in der deutschen Friedensbewegung aus. Vergl. u.a.:
Reinhold Lütgemeier-Davin: Pazifismus zwischen Kooperation und Konfrontation. Das deutsche Friedenskartell in der Weimarer Republik. Köln, 1982
Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Frankfurt, 1988
Friedensanalysen Nr. 23: Lehren aus der Geschichte? Historische Friedensforschung. Frankfurt, 1990
(6) Schriftenreihe zur Friedenskunde 3: Über die Gewaltlosigkeit. Mahatma Gandhi und die deutsche Friedensbewegung 1948/49. St. Georgen, 1991 (Artikel aus „Der Friedensbote" / Friedensrundschau)
(7) WRI = War Resisters’ International
Vgl.: Wolfram Beyer: Widerstand gegen den Krieg. Beiträge zur Geschichte der War Resisters’ International. Berlin, 1989
(8) Nikolaus Koch: Die moderne Revolution. Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des Volkes, Tübingen, 1951
ders.: Staatsphilosophie und Revolutionstheorie. Hamburg, 1973
(9) René Leudesdorff: Wir befreiten Helgoland. Die friedliche Invasion 1950/51. Husum, 1987
(10) Theodor Ebert: Soziale Verteidigung. 2 Bände. Waldkirch, 1982
Gernot Jochheim: Soziale Verteidigung - Verteidigung mit einem menschlichen Gesicht. Düsseldorf, 1988
(11) Theodor Ebert: Gewaltfreier Aufstand - Alternative zum Bürgerkrieg. Freiburg, 1968, seither mehrere Neuauflagen, zuletzt Waldkirch.
(12) Wolfgang Kroner und Wolfgang Hertle
(13) W. Hertle: Ein Kriegsdienstverweigerer im Gefängnis in Barcelona. GA, Nr. 13/14, 3. u. 4. Quartal 1972, S. 34-40
(14) W. Hertle: Zur Freilassung Wolfgang Kroners. GA, Nr. 15, 1. Quartal 1973, S. 41-43 Die Feststellung einer Berliner Untersuchungsrichterin gegenüber dem Verfasser, weshalb das Verfahren wegen „Verstoß gegen das Bannmeilengesetz" einige Monate später eingestellt wurde, beleuchtet die Relativität in der juristischen Beurteilung Zivilen Ungehorsams jeweils nach politischen Opportunitätsgründen: „Das Verfahren wird eingestellt, da die Aktion ja Erfolg hatte"!
(5) Bodo Manstein /Nikolaus Koch: Die Freiwilligen Ausbildung zur gewaltlosen Selbsthilfe und unmilitärischen Verteidigung. Göttingen, 1959
(16) Peace News - For nonviolent revolution wird seit 1936 herausgegeben, . Empfehlenswert zur aktuellen Information über Aktion und Diskussion in der weltweiten gewaltfreien Bewegung
(17) W. Hertle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv! Die internationale Kampagne gegen die französischen Atomtests. GA, Nr. 17/18, 3.u.4. Quartal 1973, S. 12 -33
(18) Gruppe Gewaltfreier Kollektiver Widerstand gegen Kriegs- und Ersatzdienste (Hg.): Dokumente zum Widerstand gegen die Wehrpflicht. Kassel, 1978. 6. Auflage 1982
(19) Zum Outspan- Boykott siehe: GA, Nr. 21/22, 3. u. 4. Quartal 1974, S. 58 - 63 Zur weiteren Entwicklung der Graswurzel-Gruppen: W. Hertle: Graswurzelrevolution in der Bundesrepublik. Ansätze einer Bewegung für gewaltfreie Gesellschaftsveränderungdurch Selbstorganisation und Macht von unten. Vorgänge Nr. 31 (1978), S. 85 - 91
Günter Saathoff: graswurzelrevolution - Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik 1972 - 1980. Vervielfältigte Diplomarbeit. Marburg. 1980
(20) A. Meyer/K.K. Rabe! H. Tonn: Wir kämpfen um unser Leben. Unterdrückung und Widerstand der Landarbeiter in den USA. Berlin, 1977
(21) Josef Geue: Strategie der gewaltlosen Befreiung in Lateinamerika. GA, Nr.19/20, 1. u. 2. Quartal 1974, S. 30 - 33
(22) Heinz Rothenspieler: Training in gewaltfreier Aktion. Fortschritte in den USA - Anfänge in Europa. GA, Nr. 23, 1.Quartal 1975, S. 14 -19
(23) W. Hertle: Skizze der französischen Ökologiebewegung. GA, Nr. 26/27,4. Quartal 1975/ 1. Quartal 1976, S. 41 - 58
(24) Albrecht Schmelzer: Die Arche. Experimente einer Gesellschaft ohne Gewalt. Waldkirch, 1977
(25) W. Hertle: Larzac 1971 - 1981. Der gewaltfreie Widerstand gegen die Erweiterung eines Truppenübungsplatzes in Südfrankreich. Kassel, 1982
(26) W. Hertle: Arme dehors - Armee raus! 20 Jahre Selbstorganisation und gewaltfreier Widerstand auf dem Larzac. graswurzelrevolution (GWR), Nr. 157, Sommer 1991, S. 14 - 15
(27) Michael Schroeren: z.B. Kaiseraugst. Der Gewaltfreie Widerstand gegen das Atomkraftwerk: Vom legalen Protest zum Zivilen Ungehorsam. Zürich, 1977
(28) Bernd Clever 1 Gabi WaIterspiel (Gewaltfreie Aktion Freiburg): Gewaltlos in Wyhl - Kein Muster, doch ein Lehrstück. GA, Nr. 24/25, 2. u. 3. Quartal 1975, S. 19 - 22
(29)Vgl.: Dieter Rucht: Wyhl: Der Aufbruch der Anti-AKW- Bewegung.ln: Ulrich Linse/Reinhard Falter/Dieter Rucht/Winfried Kretschmer: Von der Bittschrift zur Platzbesetzung. Konflikte um technische Großprojekte. Berlin-Bonn, 1988
(30) Wolfgang Sternstein: Überall ist Wyhl. Aus der Arbeit eines Aktionsforschers. Frankfurt M. 1978
W. Hertle: Törichtes und Menschliches. Eindrücke von der zweiten Platzbesetzung in Wyhl. GA, Nr. 24/25, 2. u. 3. Quartal 1975, S. 46 - 49
(31) W. Hertle: Brokdorf - ein zweites Wyhl? Erfahrungen der Bürgerinitiative im Widerstand und Schlussfolgerungen für zukünftige Aktionen. GA, Nr. 28/29/30,2. u. 4. Quartal 1976,5.5361
Wolfgang Zucht: Was machen wir mit alt den Plätzen . . . Besetzen? Gruppenrundbrief der Graswurzelwerkstatt, 9.1 .1 977
(32) ‚Die Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe informiert - Willkommen in Brokdorf" Flugblatt dokumentiert in GA Nr. 28/29/30, 2., 3. u. 4. Quartal 1976, S. 61/62
(33) Klaus Wolf: Die Besetzung des KKW- Geländes in Brokdorf am 30.110.76; ebd. S. 63 - 64 Manfred Kühle: Im Talar vor der Mauer in Brokdorf. Motive und Formen christlichen Engagements. Ebd. S. 64 - 67
(34) Theo Hengesbach: Ziviler Ungehorsam und Demokratie. Überlegungen am Beispiel der ökologischen Bewegung. Kassel, 1979
(35) Umweltwissenschaftliches Institut des BBU: Aktionskatalog des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. Diskussionsgrundlage. Stuttgart o J. [1977]. Der Aktionskatalog wurde von Wolfgang Sternstein zusammengestellt, der über Jahre, zusammen mit Roland Vogt und Petra Kelly im BBU- Vorstand die Position der Gewaltfreiheit vertrat. Michael Schroeren, Redakteur der graswurzelrevolution in den ersten Jahren, übernahm die Schriftleitung des BBU—Umweltmagazins usw.
(36) Kein AKW mit unserem Geld!" GWR Nr. 29, Mai 1977. Als Sonderblatt über l0000fach verteilt.
(37) Theo Hengesbach / Michael Schweitzer: Stromzahlungsboykott. Gewaltfreier Widerstand gegen Kernenergie. Dortmund 1977. Bis 1981 wurden 13 000 Exemplare dieser Broschüre vertrieben.
(38) W. Hertle: Kein Atomkraftwerk mit unserem Geld! Der Stromzahlungsboykott in Hamburg. GA Nr. 35/36, 1. u. 2. Quartal 1978, S. 2 - 11
Theo Hengesbach / Wiltrud Rülle: Eine Lawine nimmt Gestalt an. Zum aktuellen Stand der Stromgeldverweigerung in der Bundesrepublik. GA Nr. 39/40, 1. u. 2. Quartal 1979, S. 26 - 32. Beiheft zu (37): Stromgeldverweigerung - Perspektiven und künftige Probleme. Dortmund, 1979
(39) Wiltrud Rül!e/Theo Hengesbach: Negativbeispiel juristischer Rechtsprechung? Das Stuttgarter Urteil zur Stromgeldverweigerung und die Folgen. GA Nr. 41/42,3. u. 3. Quartal 1979, S. 22-26
Volker Schmidt: Stationen des Stromzahlungsboykotts in Hamburg. GA Nr. 47/48, 1. u. 2. Quartal 1981, 5. 57 - 62
(40) Mauerblümchen Grohnde? GWR Nr. 27/28, März 1977, S. 1, 3 - 5
(41) Gewaltfreiheit zwischen den Fronten. GWR Nr. 29, Juni 1977, 5. 4 - 5
(42) Gewaltfreie Besetzung in Grohnde. GWR Nr. 30/31,1977, S. 1 2
(43) Brigitte Oleschinski: Brokdorf-Blockade am 25. Februar 1981. Mit erhobenen Händen gegen Schlagstockeinsatz. GA, Nr. 47/48, 1 . u. 2. Quartal 1981, 5. 39 - 41
Wolfgang Sternstein: Blockade in Brokdorf. Gewaltfreie Aktion gegen AKW Brokdorf aml3.114. April 1981, a.a. 0. S. 43 - 51
Benjamin Pütter: Ziviler Ungehorsam in Brokdorf, a.a.O. S. 52 - 56
Hans-Jürgen Benedict: Den reibungslosen Ablauf der Atomindustrie behindern. Die gewaltfreie Blockade des AKW Brokdorf im Juli 1981. In: Ders.: Ziviler Ungehorsam als christliche Tugend. Frankfurt, 1989
(44) WIN- Magazine (New York) 25.9.1975, Vol XL, Nr. 31
(45) Jan Stehn: An jedem 6. Blockade in Brokdorf. GWR Nr. 145, März 1991. 5.6
(46) Die Besetzung von Seabrook. Erst der Bauplatz - dann das Zeughaus (auch als Sonderblatt verbreitet) GWR Nr. 30 - 31, Sommer 1977, S. 11 -14
(47) Dieter Halbach /Gerd Panzer: Zwischen Gorleben und Stadtleben. Erfahrungen aus dem Widerstand im Wendland und in dezentralen Aktionen. Berlin, 1980
(48) Hamburger Initiative Kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion: Wir sind Protestleute gegen den Tod. Hamburg, 1979
(49) D Halbach / G.Panzer: a.a.O.
(50) Wolfgang Ehmke (Hrsg.): Zwischenschritte. Die Atomkraft-Bewegung zwischen Gorleben und Wackersdorf. Köln 1987
(51) Jörn Böhme, Kurt Nikelski: Lernen von der amerikanischen Anti-AKW-Bewegung. GA, Nr. 41/42 -1979, S. 16 -22
(52) Gewaltfreie Aktion Tübingen: Gorleben im Herbst. Erfahrungsbericht einer Bezugsgruppe Ober ihren Versuch, eine Tiefbohrstelle zu blockieren. GA, Nr. 43/44 1980, S. 43 - 52
(53 ) taz-Dokumentation Ober Gorleben vom 21.6.1980, WAA- Gruppe Lüneburg: 33 Tage auf 1004", Lüneburg 1980, „Freie Republik Wendland" (Zweitausendeins), Frankfurt, 1980
(54) Vgl.: Wolfgang Beer: Frieden-Ökologie-Gerechtigkeit. Selbstorganisierte Lernprojekte in der Friedens- und Ökologiebewegung. Opladen, 1983, S. 39 - 53
(55) Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden: Konsens. Anleitung zur herrschaftsfreien Entscheidungsfindung. Freiburg, 1980
(56) Wolfgang Sternstein: Schwerter Zu Pflugscharen. Die Blockade des Atomwaffenlagers bei Großengstingen GA Nr. 53/54, 3. u. 4. Quartal 1982, S. 15 - 35
(57) Spurensuche. Das Hamburger Archiv Ökologie und Frieden. GWR Nr.164, März 1991‚ S. 12, heuteArchiv Aktiv für gewaltfreie Bewegungen

siehe auch:
Stärke durch Vielfalt - Einheit durch Klarheit


Im Mai 2015 wurde eine Dissertation fertig, die den Widerstand gegen das AKW Seabrook / New Hampshire mit dem gegen das AKW in Wyhl vergleicht und darstellt wie der Impuls der Platzbesetzung vom Kaiserstuhl nach Neu England gebracht wurde:

ORGANIC FARMERS, GERMAN VINTNERS, AND THE ATOMIC MONSTER OF
SEABROOK: A TRANS-ATLANTIC HISTORY OF SOCIAL ACTIVISM AND
NUCLEAR POWER FROM NEW ENGLAND TO WEST
GERMANY
by DAVID C. SMITH Presented to the Faculty of the Graduate School of The University of Texas at Arlington

Sehr informativ ist die Dissertation von Andrew Tompkins, die als Buch erschienen ist:
Better Active than Radioactive! Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany, published with Oxford University Press in 2016.

P.S. :

Schmitz, Achim (2010) Gewaltfreiheit trainieren. Institutionengeschichte von Strömungen, Konzepten und Beispielen politischer Bildung. Osnabrück. 448 Seiten

Actions non-violentes dans la lutte du Larzac
http://castor.divergences.be/spip.php?article183

Objection de conscience et désobéissance civile en Allemagne
http://anarchismenonviolence2.org/spip.php?article50

The birth of the No Nukes movement 39 years ago in Montague (New England).
http://divergences2.divergences.be/spip.php?article304

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