THEODOR MICHALTSCHEFF / BERTRAND RUSSEL / MICHAEL SCOTT
Grenzen des Gehorsams
On-line gesetzt am 26. April 2022
zuletzt geändert am 10. Januar 2023
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Theodor MICHALTSCHEFF
Grenzen des Gehorsams

Kein Staat und keine Gemeinschaft kann ohne Ordnung bestehen.
Ordnung setzt voraus Einordnung, und Einordnung setzt Gehorsam voraus.
Sofern der Gehorsam für das Bestehen der Ordnung in der Gemeinschaft und somit der Gemeinschaft selbst erforderlich ist, ist er gut und gerechtfertigt.
Wenn aber der Gehorsam zur Aufrechterhaltung von Willkür in der Gemeinschaft oder gar zur Schaffung von Willkür in der Welt erforderlich ist, ist er schlecht und verwerflich.
Dem Gehorsam sind daher Grenzen gesetzt.
Der Maßstab dafür, ob der Gehorsam gut und gerechtfertigt oder schlecht und verwerflich ist, ist das Gewissen.
Denn das Gewissen ist die Stimme, die darüber entscheidet, was Gut und Böse, Recht und Unrecht ist, und was wir tun oder unterlassen.
Dem Gewissen steht die Vernunft als Ratgeber zur Seite.
Gewissen und Vernunft sind so sehr wesensverwandt, daß es fast unmöglich ist, eine Trennungslinie zwischen ihnen zu ziehen.
Die Stimme der Vernunft ist meist die Stimme des Gewissens und umgekehrt.
Wenn die Stimme des Gewissens nicht mit der der Vernunft überein stimmt, so ist sie unvernünftig und somit fragwürdig.
Wenn die Stimme der Vernunft nicht mit der des Gewissens überein stimmt, so ist sie gewissenswidrig und ebenfalls fragwürdig.
*
Da nun das Gewissen der Maßstab dafür ist, ob der Gehorsam gut und gerechtfertigt oder schlecht und verwerflich ist, so folgt daraus, dass die Pflicht zum Gehorsam dort aufhört, wo die Forderung zum Gehorsam im Gegensatz zum Gewissen steht.
Dasselbe gilt auch, wenn die Forderung zum Gehorsam im Gegensatz zur Vernunft steht.
Dort, wo die Forderung zum Gehorsam den Protest des Gewissens und der Vernunft herausfordert, tritt die Pflicht zum Ungehorsam, die Pflicht zur Gehorsamsverweigerur zutage.

Wer trotz des Einspruchs seines Gewissens und seiner Vernunft sich gezwungen fühlt, der Forderung zum Gehorsam zu folgen, weil ihm sonst Nachteile erwachsen würden, handelt wider sein Gewissen.
Sein Gehorsam ist daher gewissenswidrig.

Die gefährlichste Form gewissenswidrigen Gehorsams ist das berüchtigte: „Befehl ist Befehl!" Sie ist schon deswegen gefährlich, weil sie der schlüpfrige Boden aller moralischen Entgleisung ist.

Wer sich einmal auf diesen Boden begeben hat, ist innerlich bereit, ohne viel Bedenken und Getue auch das größte Verbrechen zu begehen.
Denn Befehl ist Befehl.
Sie ist aber vor allem deswegen gefährlich, weil sie die Stimme des eigenen Gewissens verstummen läßt oder verdrängt und die Verantwortung für das eigene Tun einem anderen aufhalst.
Die Tatsache, dass dieser andere den Befehl zur bösen Tat gibt, ändert nichts daran.
Denn wenn auch der Befehlsgeber diese Tat angestiftet hat, ausgeführt hat sie der Befehlsempfänger, der nach dem Motto: „Befehl ist Befehl’ handelt.
Der Ausführer der Tat trägt daher die volle Verantwortung dafür.
Ein Befehl entbindet die Täter in keiner Weise von der Verantwortung für das eigene Tun und somit von der Verantwortung vor dem eigenen Gewissen.
Der Befehlsempfänger ist daher mindestens ebenso mitschuldig an der verübten bösen Tat wie der Befehlsgeber.
*

Unter dem Zeichen „Befehl ist Befehl" sind seit jeher die grausamsten Verbrechen verübt worden.
Unter diesem Zeichen werden die kleinen und die großen Kriege geführt, die neuerdings die Menschheit an den Rand ihrer Selbstauslöschung, ihres Untergangs geführt haben.
Ein solcher Gehorsam dient nicht mehr zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gemeinschaft, sondern zu ihrer Zerstörung.
Er ist daher schlecht, verwerflich, unsittlich.
Hier liegt die Grenze des Gehorsams.
Hier wird Gehorsamsverweigerung zur gebieterischen moralischen Pflicht, zum moralischen Imperativ.
Dieser Pflicht ausweichen zu wollen, hieße, unsittlich und gewissenswidrig zu handeln.

Aus: Die Friedensrundschau Nr. 4/1961

BERTRAND RUSSEL / MICHAEL SCOTT
Aufruf zum gewaltlosen Widerstand

Wir rufen auf zu gewaltlosem Widerstand gegen den Atomkrieg und die Massenvernichtungsmittel. Unser Aufruf erwächst aus dem allgemeinen Eindruck von der furchtbaren Gefahr, der die Regierungen in Ost und West die Menschheit aussetzen. Jeden Tag und in jedem Augenblick jeden Tages kann ein belangloser Zufall, ein Unvermögen, einen Meteor von einem Bomber zu unterscheiden, ein Moment vorübergehender Geistesabwesenheit eines Menschen einen Atomkrieg auslösen, der in aller Wahrscheinlichkeit der Menschheit und allen Lebewesen ein Ende setzen würde. Die Völker des Westens wie des Ostens sind sich in der überwiegenden Mehrheit der Größe der Gefahr nicht bewusst. Fast alle Sachverständigen, die die Sache studiert haben und nicht in Regierungsdiensten stehen, sind zu dem Schluss gekommen, dass bei Fortbestehen der gegenwärtigen Politik die Katastrophe in verhältnismäßig kurzer Zeit fast mit Sicherheit kommen muss.

Es ist schwierig, diese Tatsache dem Mann von der Straße näher zu bringen, weil die Regierungen das nicht wünschen. Auch setzen sich mächtige Kräften gegen ihr Bekanntwerden ein, weil sie befürchten, dass dies Unzufriedenheit mit der jetzigen Regierungspolitik erzeugen könnte. Obgleich es möglich ist, die Gefahren, die der Menschheit drohen, durch sorgfältiges Studium festzustellen, werden ganz unwissenschaftliche Erklärungen von höchster Stelle in der Absicht herausgegeben, die Menschheit irrezuführen, die nicht Zeit zu diesem Studium haben. Die Gefahr des radioaktiven Abfalls ist viel größer, als die Regierungen dem Volke weismachen wollen. Vor allem wird die Drohung eines totalen Atomkrieges sowohl in den Erklärungen der Politiker als auch in Presse und Rundfunk bagatellisiert. Man kann sich daher nur schwer dem Eindruck verschließen, dass die meisten Meinungsmacher es für wichtiger ansehen, die Niederlage des „Feindes" herbeizuführen, als das Weiterleben der Menschheit zu sichern. Die Tatsache, dass die Niederlage des „Feindes" unsere eigene nachzieht, wird sorgfältig vor denen verborgen, die nur flüchtig und gelegentlich politische Dinge überdenken.

Vieles ist schon getan worden, um eine öffentliche Meinung entstehen zu lassen, die sich den Atomwaffen widersetzt, aber noch nicht genug, um die Regierungen zu beeinflussen. Die drohende Gefahr ist so enorm, dass wir uns verpflichtet fühlen, jede Aktion zu unternehmen, die unsere Landsleute und schließlich die ganze Menschheit von der Notwendigkeit einer baldigen Änderung unserer Politik überzeugt. Wir wünschen, dass jeder Vater und jede Mutter junger Kinder und jeder Mensch, der diesen Namen verdient, es als seine wichtigste Aufgabe erkennt, der Jugend die normale Lebensspanne zu sichern. Das aber stellen die Regierungen von Ost und West durch ihre Gewaltpolitik sehr in Frage. Uns sind die riesigen Pläne der Massenvernichtung, die ausgebrütet werden - angeblich zu unserm Schutz, in Wahrheit für allgemeine Ausrottung - ein Schrecken und ein Gräuel. Was wir tun können, um diesen Schrecken zu verhüten, ist uns eine tiefe und gebieterische Pflicht, die allem anderen vorgeht, solange die Gefahr besteht.
Man verlangt von uns, wir sollten auf die Beschlüsse von Konferenzen, Komitees und Gipfelkonferenzen warten. Aber bittere Erfahrungen haben uns gelehrt, dass es gänzlich sinnlos wäre, solchem Rat zu folgen, solange die Großmächte hartnäckig entschlossen sind, es nicht zu einem Übereinkommen gelangen zu lassen. Gegen die übermächtigen Kräfte, die die öffentliche Meinung bilden, ist es schwierig, mit den üblichen verfassungsmäßigen Methoden einen Erfolg zu erzielen.

Man sagt uns, in einer Demokratie dürften nur verfassungsmäßige Mittel der Überzeugung angewandt werden. Leider ist die Opposition gegen Vernunft und menschliches Fühlen bei denen, die die Macht in Händen haben, so groß, dass die Überzeugung durch gewöhnliche Mittel schwierig und langsam ist, mit dem Ergebnis, dass wir alle wahrscheinlich tot sein würden, ehe der Zweck erreicht wäre. Achtung vor dem Gesetz ist wichtig, und nur eine tiefgehende Überzeugung kann Aktionen rechtfertigen, die gegen das Gesetz verstoßen.
Man erkennt im allgemeinen an, dass viele solcher Aktionen in der Vergangenheit rechtmäßig gewesen sind. Die christlichen Märtyrer haben das Gesetz gebrochen, und es besteht kein Zweifel, dass die öffentliche Meinung jener Zeit sie dafür verurteilte. Wir werden heute aufgefordert, uns passiv, wenn nicht aktiv, mit einer Politik abzufinden, die offensichtlich zu tyrannischen Brutalitäten führt, verglichen mit denen alle früheren Schrecken zu nichts verblassen. Das können wir ebenso wenig tun, wie die christlichen Märtyrer in die Anbetung des Kaisers einwilligen konnten. Ihre Festigkeit trug schließlich den Sieg davon. An uns ist es, die gleiche Festigkeit und Leidensbereitschaft zu zeigen und damit die Welt zu überzeugen, dass unsere Sache einer solchen Hingabe würdig ist.

Wir hoffen und glauben, dass diejenigen, die mit uns fühlen, und die, die sich uns noch zugesellen, eine Gemeinschaft von so unwiderstehlicher Kraft bilden werden, dass der gegenwärtige Irrsinn in Ost und West einer neuen Hoffnung und einer neuen Einsicht in das gemeinschaftliche Schicksal der menschlichen Familie weichen wird. Dann werden sie sich weigern, teuflische Methoden gegenseitiger Vernichtung zu erfinden und werden den Weg zu Glück und Zusammenarbeit beschreiten.

Unser unmittelbares Ziel, soweit es politisch ist, besteht darin, England zu bewegen, den illusorischen Schutz durch Atomwaffen aufzugeben. Wenn das einmal erreicht ist, wird es uns weitere Horizonte öffnen. Wir werden die unermesslichen Möglichkeiten der Natur erkennen, wenn die schöpferischen Kräfte des Geistes sie in den Dienst des Friedens gestellt haben. Wir werden, soweit das Leben es zulässt, fortfahren, dem Ziel des Weltfriedens und der allgemeinen Bruderschaft zuzustreben. Wir rufen euch auf, als Mensch den anderen Menschen: Denkt an eure Menschlichkeit und vergesst alles andere! Bringt ihr dies fertig, dann liegt der Weg zu einem neuen Paradies vor euch. Bringt ihr es nicht fertig, dann liegt nichts vor euch als allein der Tod.

Aus:
Friedensrundschau 12 1961 S 11

Anweisungen für gewaltlose Aktionen
Gelegentlich des Sitzstreiks auf dem Trafalgar Square in London am 17. September d. Jhrs.(1961) gab das „Komitee der 100", das diese Protestaktion veranstaltete, nachfolgende Anweisungen an die Teilnehmer heraus. Wenn auch diese Weisungen für eine bestimmte Aktion in London erlassen wurden, so haben sie darüber hinaus auch eine allgemeine Gültigkeit. Sie zeigen doch, wie man sich im allgemeinen in solchen Fällen zu verhalten hat, und wir sollten sie daher beherzigen:

Dies ist eine gewaltlose Demonstration. Das bedeutet nicht, dass jeder Teilnehmer ein Pazifist sein müsste. Es bedeutet, dass bei dieser Sache ein Protest ohne Gewalt die einzig möglich wirksame Methode ist. Wir bitten Sie daher, keine Schlagworte zu brüllen und jede Provokation zu unterlassen - wie etwa, die Polizei anzuschreien, wenn sie jemanden verhaftet.
Wenn wir auch massive Unterstützung dieser unserer Demonstration wünschen, müssen wir doch darauf bestehen, dass alle, die daran teilnehmen, sich während der Demonstration einer gewaltlosen’ Disziplin befleißigen. Sollten Sie diese Bedingung nicht erfüllen wollen, so bitten wir Sie, nicht daran teilzunehmen.

Treffen - Trafalgar Square pünktlich um 5 Uhr nachmittags. Weil die Polizei wahrscheinlich Menschenansammlungen zu verhindern sucht, ist es wichtig, den Zeitpunkt strikt innezuhalten.
Marsch zum Parliament Square 5.30 Uhr.
Versammlung und Sitzstreik. Ein Rednerpult mit Lautsprecher wird in der Nähe der Lincolnstatue aufgestellt.

Die Teilnehmer setzen sich auf die Straße. Jeder Teilnehmer kann nach vorn kommen und an der Debatte teilnehmen. Sollte die Polizei die Zugänge zum Square sperren, so setzen sich die Teilnehmer auf die heranführenden Straßen. Wenn die Polizei den Marsch aufzuhalten sucht, setzen wir uns auf die Straße und warten, bis der Weg wieder frei ist.
Verhaftete Demonstranten weigern sich, selbst zu gehen, erschlaffen voll ständig und lassen sich wegtragen. Keinen Widerstand leisten. Nicht an Gittern und ähnlichem festhalten.
Vertriebene Demonstranten kehren wieder zurück zum Platz.
Wenn die Polizei mit Pferden kommt, Feuerwehrschläuche anwendet oder versucht, die Versammlung auseinanderzutreiben, werden die Demonstranten in jedem Falle soweit gehen, wie sie nur können, und sich niedersetzen, wenn sie am Weitergehen verhindert werden. (Bemerkung: Pferde tun einer sitzenden Menge nichts.) Wenn einige der Organisatoren vor der Demonstration verhaftet werden, geht die Demonstration plangemäß weiter.

Aus Friedensrundschau N. 10, 1961 S.21

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