Wolfgang Hertle
Entwicklung der gewaltfreien Bewegung in der Nachkriegszeit- Eine Skizze Teil II:
Westdeutschland 1950 - 1953
On-line gesetzt am 4. April 2019
zuletzt geändert am 5. April 2019

von Wo
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Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Im ersten Teil des Artikels " wurde der Aspekt des Neuanfangs nach 1945 betont. Die Wenigen, die schon vor 1933 aktiv waren und den Naziterror überlebt hatten, waren nun alt geworden. Aus den ersten Nachkriegsjahren gibt es zudem we­nig schriftliche Zeugnisse.
Die Ansätze für eine gewaltfreie Bewegung vor 1933 sind bislang von der Forschung kaum wahrgenommen worden und müssen aus den Informationen über die Friedens-, Jugend- und Lebensreformbewegungen herausgefiltert wer­den. Um die zeitgeschichtliche Arbeit anzure­gen, seien hier einige Spuren von Traditionsli­nien skizziert, die von der Weimarer Republik über das "Dritte Reich" bis in das Nachkriegs­deutschland-West reichten:

- Der "Bund der Kriegsdienstgegner"(BDK) mit 4 -5000 Mitglieder war 1919, d.h. schon vor Bestehen der WRI als erste deutsche KDV-Organisation gegründet worden. Sekretäre waren Armin T. Wegner, dann Martha Stei­nitz. Vor 1933 bekämpfte der BdK intensiv die Propaganda für einen Zwangs-Arbeitsdienst. Die Nazis zerschlugen den Bund, führende Mitglieder mussten ins KZ oder ins Exil gehen. Dr. Helene Stöcker, langjähriges Mitglied im Internationalen Rat der WRI und im Vor­stand des BdK starb 1943 in New York, sie war über die Schweiz, England, Schweden in die USA geflohen. (1)

- Zur Friedensbewegung zwischen den beiden Weltkriegen zählten laut "War Resister" Nr. 50 im Sommer 1945 ausserdem die "Deutsche Friedensgesellschaft" (2), die"Frauenliga für Frieden und Freiheit", der "Deutsche Pazifistische Studentenbund", der "Kreis Jungjüdischer Pazifisten", die "Gruppe Revolu­tionärer Pazifisten" um Kurt Hiller und die "Deut­sche Weltjugendliga".

- Historische Friedenskirchen wie die Quäker und Mennoniten wirkten gemeinsam mit dem Versöhnungsbund auf den Protestantismus ein. Pastor Wilhelm Mensching aus Petzen bei Bückeburg war schon 1916 persönlich Gandhi in Indien begegnet. Über Friedrich Siegmund-Schulze hatte der VB u.a. Kontakte zur Neu­ Sonnefelder Jugend, zu anarchoreligiösen Siedlern wie die Bruderhöfler um Eberhard Arnold (3) sowie zu Religiösen Sozialisten und Tolstoianern. Rudi Daur verband den aus der Jugend­bewegung kommenden "Bund der Köngener" mit der religiös motivierten Friedensbewe­gung. (4)

- Innerhalb des Katholizismus knüpften Mitglieder des dem Friedensbund deut­scher Katholiken (5) und aus Bünden der Ju­gendbewegung wie dem"Quickbom" nach 1945 an ihre Friedensarbeit in der Weimarer Zeit an: Pater F. Stratmann, Nikolaus Ehlen, Hermann Hoffmann (6), sowie in Österreich Kaspar Mayr und Johannes Ude. Die "Großdeutsche Volksgemeinschaft" z.B. war als römisch-katholische sozialistische (!) Jugendbewegung vor 1933 sogar eine Sektion der WRI. Sie war ein kleiner, gut organisierter Verband mit hohen Idealen und gab die Zeitschrift "Vom frohen Leben" heraus. Ihr Vorsitzender. Pater Ernst Thrasolt half eini­gen Mitgliedern der Friedensbewegung zur Flucht vor den Nazis, blieb aber selbst und musste zusammen mit anderen Mitgliedern ins KZ gehen.

- Daneben gab es freireligiöse Gruppen wie die in Hamburg um die ehemaligen Pastoren Wilhelm Hey­dorn (7) und Gustav Prietsch, die den Kirchen­dienst wegen ihrer humanistisch-pazifistischen Haltung aufgeben mussten und sich nach dem Krieg gegen die Wiederbewaffnung einsetzten.

- Kontinuität ermöglichten auch Mitglieder ande­rer Teile der Jugendbewegung , z.B. dem "Freideutschen Kreis", aus denen u. a. Herbert Grünhagen, Trude Westhoff, Walter Hammer, Heinz Kraschutzki und Helmut Hertling kamen.

- Einige überlebende Anarchisten arbeiteten nach 1945 weiter: so Willy Huppertz, Augustin Sou­chy (früher Sekretär im "Internationalen Antimi­litaristischen Büro") oder Carl Langer von der "Kulturföderation Freier Sozialisten und Antimi­litaristen". Ernst Friedrich, dessen früheres Anti­-Kriegsmuseum in Berlin noch in guter Erinnerung war, kam 1951 erstmals nach seiner Flucht nach Deutschland und hielt Vorträge in Stuttgart, Mann­heim und München. Gelegentlich wurden Begegnungsfahrten zu seiner "Arche Noah" auf der Seine bei Paris organisiert, die er als Friedensboot eingerichtet hatte. Aus freiheitlich-sozialistischen Gruppen, wie dem "Internationalen Sozialistischen Kampfbund" (Nelsonianer) kamen z.B. Gustav Heckmann oder Heinz-Joachim Heydom.

Die gewaltfreie Bewegung von 1950 bis 1953
Die Internationale der Kriegsdienstgegner ( IdK) war 1947 in Hamburg als deutsche Sektion der War Resisters`International neu gegründet worden. (8)

Die Artikel des ’Friedensboten’ (FB), ab 1950 `Friedensrundschau’ (FR), zeigen das starke In­teresse in der deutschen Friedensbewegung an Gandhis Handeln und Denken, nach dessen Er­mordung am 30. 1.1948 wurden zahlreiche Würdigungen und Erinnerungen veröffentlicht. (9) Es wurde über gewaltfreie Aktionen in aller Welt berichtet sowie über die Anwendung seiner Philosophie zur Kriegsverhinderung nachgedacht (10). Heinz Kraschutzki, langjähri­ges Mitglied des WRI-Rates, trug zur Ver­breitung des gewaltfreien Gedankengutes mit Berichten von Aktionen bei. Beim ’World Pacifist Meeting’ im Dezember 1949 in Santinitekan, Indien, sprach er im Auftrag der europäischen Delegierten:

".. Ein Volk vor allen anderen hat seine Freiheit auf ganz besondere Weise erkämpft: Indien. Wir sind im Vaterlande des gewaltlosen Widerstan­des. Wir europäischen Delegierten, Vertreter eines Erdteils, der einst der mächtigste war und zugleich der am meisten gefährdetste ist, weil er die Gewalt angebetet hat, wir sind nach Indien gekommen, um hier zu lernen, wie man nicht durch Gewalt, sondern nur auf andere Weise wieder frei werden kann...."

Eine spektakuläre Aktion starteten die Heidel­berger Studenten Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff kurz vor Weihnachten 1950, um Helgoland durch eine gewaltfreie Besetzungsaktion zu befreien. Zur Entmiltarisierung der Insel, die im Krieg mit Bunkern für U-Boote und 5000 stationierten Sol­daten zur Festung ausgebaut worden war, hatten die Engländer 1947 die größte nichtatomare Sprengung der Militärgeschichte vorgenommen, nachdem zuvor die Zivilbevölkerung aufs Fest­land evakuiert worden war. Danach benutzte die RAF (Royal Air Force) den Roten Felsen als Bombenabwurfgelände. Auch damals waren die Medien entscheidend für das Gelingen einer Ak­tion, denn ohne die Berichte über die Besetzung wären die beiden den britischen Bomben schutz­los ausgesetzt gewesen. Stattdessen entwickelte sich in der Öffentlichkeit eine Welle der Sympa­thie. Während der zuständige Lan­drat (SPD) in Pinneberg zuvor ungesetzliche Aktionen wie eine Besetzung abge­lehnt hatte, machten sich zur Räumung ausgesandte deutsche Polizisten unterwegs selbst durch Alkoholgenuss dienstunfähig, sodass die Briten die Besetzer selbst abholen mussten. Die Aktion wurde nach der Räumung mit wachsender Beteiligung wiederholt und mobilisierte unterschiedliche Kräfte: Grup­pen der FDJ organisierten eigene Besetzungen, erfuhren aber im Gegensatz zu den "bürgerli­chen" Besetzern von der Justiz drastische Re­pressionsmaßnahmen. Die Bonner Regierung verhandelte mit London, Hel­goländer Insulaner begannenauf dem Festland über ihre Rückkehr nachzudenken. (11) Acht Wochen nach der ersten Besetzung gab die britische Regie­rung Helgoland für die zivile Nutzung frei. Ein großer Erfolg, auch wenn es nicht im Sinne der Beset­zer war, dass der Regierungsdeal der reibungslo­seren Integration der BRD in das westliche Bündnis diente. Diese erfolgreiche gewaltfreie Kampagne ist bis heute wenig bekannt.

Der Kalte Krieg, die geplante Remilitarisierung Deutschlands und der Koreakrieg regten die Su­che nach neuen Aktionsformen an. Anfang 1950 lehnten laut einer Umfrage u.a. 90 % der katho­lischen Männer Krieg und Wehrdienst grundsätzlich ab. Dennoch lagen in Deutschland Aktionen wie die der Transportarbeiter in Mar­seille ("Streik legt Kriegstransport lahm", FR März 1950, ausserhalb der Reichweite pazifisti­scher Gruppen. In der FR August 1950 wird über den Aufruf von Betriebsräten "Kein Waggon für den Krieg" berichtet, der ’Kreis junger Friedens­freunde’, Hannover rufe die Jugend der Welt auf, sich den Friedensbemühungen der indi­schen Regierung anzuschließen und sich nicht an Herstellung und Transport von Waffen zu beteiligen.

Vor allem Nikolaus Koch bemühte sich, in Deutschland eine gewaltlose Bewegung zu orga­nisieren: "In allen Lagern sind Einzelne auf dem Wege, aktiv gewaltlos zu werden" doch "Bisher hat sich der gewaltlose Wille in Deutsch­land planlos entwickelt ... Immer dringender verlangt unsere Arbeit nun nach einem zweck- und planmäßigen Zusammenwirken. Der sich mit allen seinen Kräften nüchtern entscheidende Einzelne, die gewaltlose kleine Gruppe, die ge­waltlosen Ausbildungsstätten, die zweckmäßige Zusammenarbeit dieser Stätten fordern von uns aufmerksame und nützliche Antworten."

Ausbildungsstätten wie das "Internationale Freundschaftsheim" Bückeburg und die "Frie­dens akademie" Bad Harzburg, wo Koch selbst arbeitete, "bedeuten in ihrer Unscheinbarkeit viel, leiden aber an ihrer Abgelegenheit und Mittellosigkeit." (FR 7/1951).
Koch sah bereits weite­re Zentren in Hamburg, Frankfurt, Südwestdeut­schland oder München entstehen. Tatsächlich folgte daraus die Gründung von "Haus Bommern" in Witten, wo Koch bis zu seinem Tod 1991 arbei­tete. (12)

Die erste Konferenz der "War Resisters’ International" nach dem Krieg auf deutschem Boden fand vom 27.-31. Juli 1951, in der Braunschweiger Kant-Hochschule statt. "Denn kein Land braucht heu­te die Botschaft der Gewaltlosigkeit und der Kriegsdienstverweigerung dringender als Deutschland."
Vom 31.7.-5.8. 1951 schloss sich ein internationales Grenztreffen der WRI und die Jahreskonferenz der IdK­ auf Burg Ludwigstein an der Werra an. (13)
In seinem Vortrag "Gewaltlosigkeit in Deutschland" forderte N. Koch dort zum ge­waltlosen Kampf gegen die Militarisierung auf. Die IdK beschloss die Bildung gewaltloser Grup­pen. Diese sollten
"....aus Männern und Frauen bestehen, die mit Methoden und Grundsätzen der Gewaltlosigkeit vertraut sind und die auch unter schwersten Prüfungen gewaltlos bleiben können. Die hohen Anforderungen, die an die Mitgliedschaft solcher Gruppen gestellt werden, sind ein Beweis dafür, dass nicht jedes Mitglied der IdK ohne weiteres Mitglied auch einer gewaltlosen Gruppe sein kann, wenn auch die IdK als solche auf dem Boden der Gewaltlosigkeit steht.” (FR 9/51)

An der gewaltlosen Aktion am ’Eiser­nen Vorhang’ zum Ende des Treffens beteiligten sich fast alle ausländischen und deutschen Teil­nehmer. "Der Zweck der Aktion war, ein Gespräch von unten in die Wege zu leiten" (FR 9/51). Das Gespräch sollte "im ostzonalen Grenzort Lindewerra" stattfinden, wofür es zu­nächst die Genehmigung des Ortskommandan­ten von Lindewerra sowie des hessischen Inn­nenministeriums gab. Das Bonner Ministerium für gesamtdeutsche Fragen verbot jedoch das Überschreiten der Grenze. Daraufhin kam es zum Gespräch über den Fluss hinweg, dem "so­wohl die Volkspolizei der DDR als auch die Grenzzollpolizei der Bundesrepublik beiwohn­ten. "Den Polizeikommandanten sowie der Be­völkerung diesseits und jenseits der Werra wur­de eine Erklärung überreicht, in der die Lösung des Deutschlandproblems ohne Gewalt gefordert wurde, Darin hieß es:

“Wir sind der festen Uberzeugung, dass alles Spiel mit Gewaltpolitik innerhalb der deutschen Grenzen ein Verhängnis nicht nur für Deutsch­land, sondern darüber hinaus für Europa und die ganze Welt sein muß. Diesem Spiel wollen wir mit waffenlosen Mitteln begegnen, deren Wirk­samkeit Gandhi im gewaltlosen Befreiungs­kampf Indiens bewiesen hat. Wenn auch die Verhältnisse in Deutschland anders gelagert sind als in Indien, so ist der Einsatz gewaltloser Mittel für das deutsche Volk noch der einzige Weg, der zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands führen kann .... Wir bitten alle gutgesinnten Kräfte in beiden Teilen Deutschlands - und in der ganzen Welt, zu helfen, daß die ge­waltlosen Bestrebungen gegen den Krieg und jegliche Form der Gewaltherrschaft sowie ge­gen die Vorbereitungen und Ursachen davon immer kräftiger gefördert werden.
Jugendburg Ludwigstein, den 4. August 1951”

Einen zweiten Versuch zum Gespräch in Lindewerra machte am folgenden Tag Mary Barr, eine frühere Mitarbeiterin Gandhis in Sü­dafrika. Wieder gab es die Erlaubnis aus Hessen und das Verbot aus Bonn. Mary Barr teilte dem Bundesminister Kaiser in einem Telegramm mit, dass sie entschlossen sei, die Grenze mit oder ohne Genehmigung zu überschreiten:
"Ich habe acht Jahre mit Gandhi gearbeitet und bin überzeugt, daß nur seine Methode der Ge­waltlosigkeit der Welt Einigkeit und Gerechtig­keit bringen kann. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht die Absicht, bestehende Ge­setze zu brechen. Die tragische Lage der Grenz­bevölkerung veranlaßte mich jedoch, in der Art und Weise zu handeln, wie ich es von Gandhi gelernt habe .... Wenn mir bis Mittwoch, dem 8. August 9 Uhr keine Genehmigung erteilt wird, werde ich mich verpflichtet fühlen, die Grenze ohne Genehmigung zu überschreiten."

Die telegraphische Genehmigung traf erst am nächsten Tag aus Bonn ein. Die Verzögerung ermöglichte es der DDR zu begaupten, dass der Westen das Gespräch mit der Bevölkerung im Osten fürchte. Mit Auto­bussen schickte sie FDJ und SED-Mitglieder nach Lindewerra, während die eigentlich ge­meinten Gesprächspartner noch auf dem Feld arbeiteten, als Mary Barr mit einer Übersetzerin in Lindewerra eintraf.

"Dadurch wurde die Be­gegnung vollkommen zwecklos. Denn unsere Freunde wünschten ein Gespräch nicht mit Par­teifunktionären, sondern mit der Bevölkerung.., um dadurch eine zwanglose Verbindung von Mensch zu Mensch anzubahnen. Dieser Versuch hat aber gezeigt, daß man trotz aller Verbote zum Ziele kommen kann, wenn man unerschüt­terlich bei seinem Vorhaben bleibt und bereit ist, jede sich aus der Aktion ergebende Konse­quenz auf sich zu nehmen.” (FR 9 /1951)

In einem Brief teilte Theodor Michaltscheff Bundesminister Kaiser mit, das Gespräch in Linde­werra sollte nur die erste Aktion dieser Art sein, die Delegierten der IdK hätten einstimmig be­schlossen, "... eine Reihe gewaltloser Aktionen in die Wege zu leiten, um das deutsche Volk und die Weltöffent­lichkeit auf die uns drohende Kriegsgefahr auf­merksam zumachen".., "dass wir bald andere, ähnliche gewaltlose Aktionen in verschiedenen Teilen Deutschlands durchführen werden, wobei wir jedesmal den zuständigen Stellen Zeit und Ort der jeweiligen Aktion bekanntmachen wer­den. Dadurch wollen wir den Beweis erbringen, dass uns nichts ferner liegt, als etwas Geheimes zu unternehmen. Im Gegenteil, wir legen größ­ten Wert darauf, jede von uns zu unternehmende gewaltlose Aktion in aller Öffentlichkeit durch­zuführen, um auch dem Schatten eines Verdach­tes vorzubeugen....”

Nikolaus Koch und Theodor Michaltscheff hatten Kontakt zu einem buddhistischen Kreis um Paul De­bes und Helmut Hecker in Hamburg. Diese Grup­pe war durch den Koreakrieg politisiert worden und gründete sich im Oktober 1950 als "Die Streitlo­sen" (14). Sie organisierte an der Universität monatlich politische Vorträge und entfaltete mit einer Ortsgruppe in Oldenburg und Einzelmitgliedern Aktivitäten in ganz Nord­deutschland z.B. gegen die Hetze der "Stoß­trupps gegen die bolschewistische Zersetzung". Sie arbeiteten mit anderen gewaltlosen Gruppen zusammen, etwa bei der Bückeburger Tagung Pfingsten 1952 mit W. Mensching, Th. Michalt­scheff, N. Koch und Milton Mayer (USA).
Der Schwerpunkt der Arbeit war der Widerstand gegen die Remilitarisierung als das Haupthindernis für die friedliche Wiedervereinigung. Am 28.11.1952 wurden auf dem Hamburger Rat­hausmarkt die Pariser Verträge öffentlich ver­brannt, zehn Personen dabei verhaftet. In Briefen an den Bundestag und den amerikani­schen Hochkommissar wurden weitere gewaltlo­se Aktionen angekündigt.

Die wichtigste Form der "Mobi­lisierung gewaltloser Selbsthilfe" wurde der "Verhandlungsgang für den Frieden", der vom 12. April 1953 von Hamburg über Bonn nach Ostberlin führte. Debes und Koch wollten den ganzen Weg laufen, andere fuhren mit dem Fahrrad oder schlossen sich für Teilstrecken an. Allabendlich versuchten sie mit Veranstaltungen gegen die massive Hetze ("kommunistische Tarnorga­nisation") von Polizei, Verfassungsschutz und Presse ihr Anliegen darzustellen. Nach nur be­grenzt erfolgreichen Versuchen, in Bonn Ges­präche zu führen, wollte die Gruppe am 25. Mai erneut die Zonengrenze an der Werra über­schreiten, woran sie aber ebenso wie bei Versuchen am 11. Juni und am 7. Juli von der Grenzpolizei gehindert wurden. Erst als sie von der amerikanischen in die britische Zone auswichen, konnten sie die Grenze am 15. Juli in Nieders­achsen überwinden. In Erfurt, Wei­mar, Leipzig und schließlich in Berlin wurde die Gruppe von offiziellen Stellen empfangen. Die 100 Tage dauernde Erfahrung fasste die Gruppe als “friedliches Stoßtruppunternehmen, ein klei­ner Feldzug mitten in den kalten Krieg hinein,.. ein Lehrstück nicht nur für die Teilnehmer" zu­sammen.

Nach dem Verhandlungsgang wurde in Flug­blättern zur Gründung von "Pflanzstätten des Friedensdienstes" oder dem "Bau einer zentralen Stätte zur Pflege der Gewaltlosigkeit und der Ausbildung darin" aufgerufen. Die Akademie in Hamburg kam nicht zustande, N. Koch war seit Frühjahr 1952 zusammen mit Agnes Rösler und Arnold Haumann dabei, in Witten das "Haus Bommern" aufzubauen. Koch hatte seine Pläne im letzten Kapitel von "Die moderne Revolution - Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des deutschen Volkes", Tübingen, 1951 beschrieben.

Anmerkungen
(1) Johann Orthmann: "Sind Kriege notwendig." Le­benserinnerungen eines Pazifisten und Schulman­nes. Kiel 1995.
(2) Vgl. Christl Wickert: “Helene Stöcker 1869 - 1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Eine Biographie”. Bonn 1991.
Rolf von Bockel: “Philosophin einer "neuen Ethik" “. Helene Stöcker”. Hamburg 1991
F. K. Scheer: "Die Deutsche Friedensgesellschaft 1892-1933.Organisation, Ideologie, politische Ziele". Frankfurt, 1983 (2.Auflage);
Stefan Appelius: "Pazifismus in Westdeutschland. Die Deutsche Friedensgesellschaft 1945-1968". Aachen, 1991. (Zwei Bände)
(3) Die Bruderhof-Siedler mußten 1933 Deutschland verlassen und gingen über Liechtenstein nach En­gland. Bei Ausbruch des Krieges wanderten 334 von ihnen nach Paraguay aus. Andere blieben und gründeten 1944 den Wheathill Brüderhof in der Grafschaft Shropshire.
Vgl. Ulrich Linse: “Zurück o Mensch. zur Erde Mutter. Landkommu­nen in Deutschland 1890 -1933”, München, 1983.
(4) vgl.: Hans-Christian Brandenburg / Rudolf Daur: “Die Brücke zu Köngen. Fünfzig Jahre Bund der Köngener 1919-1969”. Stuttgart (oJ). In Jörg Zinks Erinnerungen: “Sieh nach den Sternen, gibt acht auf die Gassen”, Stuttgart 1992 wird die Mit­arbeit seiner Eltern im Habertshof wie auch sein Schwiegervater Rudi Daur erwähnt.
(5) siehe u.a.: Dieter Riesenberger: "Die katholische Friedensbewegung in der Weimarer Republik". Düsseldorf 1976.
(6) Hermann Hoffmann: "Im Dienste des Friedens, Erinnerungen eines katholischen Europäers". Stuttgart und Aalen; 1970.
(7) Wilhelm Heydorn:"Nur Mensch sein. Lebenserinnerungen 1873–1958", Dölling & Galitz 2002, Rainer Hering: Wilhelm Heydorn. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 16, Bautz, Herzberg 1999
(8) Im ersten Rundbrief "Mitteilungen der Hamburger Gruppe der War Resisters´ International," März 1977 schreibt Th. Michaltscheff auf Seite 3/4 eine denkwürdige Anmerkung zur Wahl des Organisationsnamens:
" Die Bezeichnung Internationale der Kriegsdienstgegner ist irreführend.Wir verweigern ja nicht nur den Kriegs- sondern auch den Militärdienst. Darüber hinaus arbeiten wir für die Beseitigung aller Kriegsursachen, indem wir nicht allein die Herstellung von Munition und Waffen und die Zeichnung von Kriegsanleihen ablehnen, sondern wir wollen auch unseren Mitmenschen helfen, religiösen, rassischen und nationalen Fanatismus zu überwinden; nicht zuletzt wollen wir eine Wirtschaftsordnung herbeiführen,die jeden Anlass für einen Krieg vorweg nimmt und den wirklichen und dauerhaften Frieden garantiert.
Auch entspricht das Wort Kriegsdienstgegner“ keineswegs der ursprünglichen englischen Bezeichnung „War Resister“ ( Französisch: Résistant à la Guerre) Esperanto: Militrezistanto usw. das eher mit Kriegsgegner als mit Kriegsdienstgegner wiederzugeben wäre,
Aber einerseits ist das Wort Kriegsgegner von der Friedensgesellschaft beschlagnahmt, andererseits fehlt dem Wort „Gegner“ die aktive Haltung dem Kriege gegenüber, die so kennzeichnend für das Wort „Resister“ ist. Denn Resister ist einer, der Widerstand leistet,der sich gegen etwas widersetzt, während der Gegner sich auch passiv verhalten könnte.
.."
(9) Einige Überschriften:`Bapu Gandhi’, ’Gandhi an die Arbeiter’ (der Schweiz), 1922), ’Kalkuttas Abschied von Gandhi’, ’Gandhi: Die Lehre vom Schwert’, FB 1/49; ’Gewaltlosigkeit in Indien’, FB 3/49; Gandhi lebt in Millionen Herzen’, FB 4/49,’Wird Indien Gandhis Weg gehen?´, FB 6/49;´Satyagraha und Krieg’, FR 1/1950 ;’Die Inder, unser Vorbild´, FB 3/50 usw.
(10) ’Norwegens Quäker lehnen Verteidigungssteuer ab’, FB 2/49 ; USA-Quäker für öffentlichen Ungehorsam", FB 4/49; ’41 USA-Pazifisten verweigern Steuerzahlung’, FB 2/49; Heinz Kraschutzki: ’Gandhi und der Berliner Eisenbahnkrieg’, FB 7/49; ders. in FR 3/1950: ’Gandhis Kampfesweise in Berlin’ (Erinnerung an den "passiven Widerstand gegen den Kapp-Putsch im März 1920)
(11) René Leudesdorff: "Wir befreiten Helgoland. Die friedliche Invasion 1950/51", Husum, 1987.
Thorsten Schmidt:’Ziviler Ungehorsam rettete Helgoland’, GWR Nr. 154, März 1991 .
Th. Schmidt und Prof. Kurt Denzer, Universität Kiel, drehten 1993 den Dokumentarfilm: "Wer befreite Helgoland?”. Die Rolle der Kommunisten wird kaum erwähnt, viele Pazifisten hatten damals wegen der Teilnahme der von der DDR gut ausgerüsteten FDJler Probleme, sich mit dem Zivilen Ungehorsam zu solidarisieren. (vgl. FR 4/1951). Die aggressiv antikommunistische Propaganda z.B. des "Aktionskomitees gegen die fünfte Kolonne" richtete sich auch gegen die Friedensbewegung. Eine Darstellung aus kommunistischer Sicht:
Herbert Szezikowski: "Friedenskampf um Helgoland", Frankfurt, 1985 (12) Die Reaktionen auf Kochs Aufforderungen an die Bewegung zu vermehrten und koordinierten Bemühungen zur "Förderung gewaltloser Aktivgruppen zum Kampf gegen die Militarisierung" erinnern leidvoll an viele ähnliche Aufrufe in den folgenden Jahrzehnten und ihre meist geringen Folgen.
(13) vergleiche Wolfgang Hertle: Das internationale Grenztreffen der War Resisters´ International 1951 auf Burg Ludwigstein und weitere Versuche, Grenzen zu überwinden (14) 1952 Umbenennung in "Gesellschaft für gewaltfreie Zusammenarbeit", in der Praxis wurde aber der Name "Die Streitlosen" oder "streitlose Aktivisten" beibehalten. Von November 1951 bis Ende 1954 erschienen vierzehntägig die hektographierten "Streitlosen Blätter". Als die Gruppe ein Grundstück nahe des Hauptbahnhofs für den Bau einer Friedensakademie gestiftet bekam, zog Koch im September 1952 nach Hamburg. Die "Hamburger Hefte" waren als ambitioniertes Schulungsprogramm in Form einer Broschürenreihe geplant, erschienen sind davon nur zwei Ausgaben, auch die Friedensakademie konnte nicht verwirklicht werden.

Siehe u.a. auch
Wolfgang Hertle:
Die Geschichte der gewaltfreien Bewegungen in Deutschland muss noch geschrieben werden
und
Eine Einladung, an der Erforschung der Geschichte gewaltfreier Bewegungen in Deutschland mitzuwirken

(X) Anmerkung

Die Historische Friedensforschung hat zahlreiche Untersuchungen über die größeren pazifistischen Or­ganisationen in der Weimarer Republik sowie über deren führende Persönlichkeiten veröffentlicht, kaum jedoch über die gewaltfreien Ansätze, seien sie anarchistisch oder religiös begründet gewesen.
Siehe dazu Franz Kobler (Hg.):"Gewalt und Gewalt­losigkeit. Handbuch des aktiven Pazifismus". Zürich und Leipzig, 1928
Fritz Diettrich (Hg.): "Die Gandhi-Revolution". Dresden 1930
Ulrich Linse: "Ökopax und Anarchie". München 1986.

Anstelle ei­ner ausführlichen Bibliographie seien hier nur einige Überblickswerke genannt:
Karl Holl / Wolfram Wet­te (Hg.) "Die Frieden" . Düs­seldorf, 1983.
R. Lütgemeier-Davin: "Pazifismus zwischen Kooperation und Konfrontation. Das Deut­sche Friedenskartell in der Weimarer Republik" Köln, 1982

Leicht verändert nach einem Text in Archiv Aktiv Aktuell Nr. 2, Juli 1996

P.S. :

Ergänzende Informationen, Hinweise auf Quellen und Zeitzeugenberichte, Anregungen, Fragen zum Thema und Kritik am vorliegenden Text sind erwünscht und können an den Autor gesandt werden: wolfgang.hertle@gmx.de

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