Wolfgang Hertle
"Recht und Ordnung" oder Menschenverachtung ?
On-line gesetzt am 6. Juli 2018
zuletzt geändert am 19. Juli 2018

von Wo
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Wichtige politische Entwicklungen und Diskussionen der letzten Wochen erinnern mich an Erlebnisse, die mich schon vor über 50 Jahren im katholischen CSU-Bayern bewegt hatten.

Bayerns Ministerpräsident Söder von der „Christlich-Sozialen" Union lässt derzeit an allen öffentlichen Gebäude Kruzifixe anbringen. "Heimat"minister Seehofer macht erpresserischen Druck auf die eigene Regierung, um in seinem Sinne das „Flüchtlingsproblem zu lösen“. Mit dem Schein-Heiligenschein der angeblich christlichen Grundlagen der abendländischen Kultur und „Ordnung“ wird in Konkurrenz zur AFD Sozialneid und Rassismus geschürt.

1967 bewarb ich mich in Augsburg bei der Redaktion der katholischen Kirchenzeitung „Ulrichsblatt“ um eine Ausbildungsstelle als Zeitungsvolontär. Der Verlagsleiter forderte mich auf, einen Text über ein Thema eigener Wahl zu schreiben. Da ich zu dieser Zeit mehr darüber erfahren wollte, ob und wie sich Katholiken in den 50er Jahren am Widerstand gegen die Remilitarisierung beteiligt hatten, entschied ich mich, zu diesem Thema zu recherieren und einen Artikel zu schreiben. Ich fand zu dem Thema weit mehr Material als ich vermutet hatte und war mehr als verwundert, weshalb ich in der Kirche davon nie gehört. Als ich mein Ergebnis vorlegte, verblüffte mich der Verlagsleiter mit der Frage: „ Was glauben Sie wohl, was mit Ihnen geschehen wird, falls Sie bei Ihrer jetzigen Einstellung bleiben?“ Ich hatte keine Ahnung, worauf er hinaus wollte...

„Sie werden eines Tages ans Kreuz genagelt werden !", fuhr er fort. „Das ist das doch völlig unnötig. Das hat doch schon mal einer stellvertretend für uns alle getan. Freunden Sie sich mit der Welt an, so wie sie ist!". Dann schob er mir eine Eintrittserklärung in die CSU über den Tisch. Ich musste ihn aber enttäuschen und antwortete: „1964 bin ich in die Junge Union Bayerns eingetreten, aber schon 1966 bin ich unter Protest wieder ausgetreten, weil ich dort weder Christliches noch Soziales entdecken konnte."
Ich fühlte mich seltsam berührt, da ich kurz zuvor Dostojewskis Phantasiegeschichte „Der Großinquisitor" gelesen hatte, in der Jesus auf die Erde wiederkehrt und zwar erkannt, aber als Ketzer zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird, weil er kein Recht habe „die Ordnung zu stören", welche die Kirche in über tausend Jahren errichtet habe.

Im Sommer 1969 wurde bekannt, dass der damalige Münchner Weihbischof Matthias Deffregger während des Zweiten Weltkriegs als Hauptmann einer Gebirgsjägerdivision in den italienischen Abbruzzen in eine Geisel- Erschießung als Vergeltung für den Tod eines deutschen Soldaten bei einer Partisanenaktion verwickelt war. Damals verfasste ich ein Flugblatt mit der Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung unter Hinweis auf den Gewissenskonflikt am aktuellen Beispiel. Nachdem sich der Chef des regionalen Kreiswehrersatzamtes bei Bischof Josef Stimpfle über meine Protestaktion beschwerte, erhielt ich von diesem geistlichen Oberhirten einen Brief mit der Kern - Aussage: „ Ihre Meinung entspricht nicht der Meinung der Heiligen Katholischen Kirche von Augsburg.“

Der damalige Redakteur der „Augsburger Allgemeinen", Rüdiger Schablinski, las diesen Bischofsbrief im Rahmen eines Kabarett-Programm vor und fügte hinzu, dass die Phantasie von Kabarett-Autoren oft nicht ausreiche, sich so skurrile Fakten auszudenken, wie sie in der Wirklichkeit produziert würden.

Mein Religionslehrer vermittelte mir überdeutlich, dass Kriegsdienstverweigerung nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei und ich daher die Leitung meiner Gruppe in der Katholischen Studierenden Jugend (damals "Bund Neu-Deutschland") abgeben müsse, da er als "Geistlicher Leiter" dies gegenüber den Eltern meines „Fähnleins" nicht verantworten könne. Derselbe Domkapitular bemühte sich-vergeblich zu verhindern, dass sich das Fähnlein nach dem Jesuiten und zum Tode verurteilten Mitglied des "Kreisauer Kreises" Alfred Delp benannte. Als sich das Fähnlein schließlich aus dem ND austrat und unter dem Namen Katholische Jungenschaft mit Protestsongs bei Ostermarsch-Veranstaltungen auftrat, forderte mich ein Jugendpfarrer auf, öffentlich zu erklären, dass wir nichts mit der katholischen Kirche zu tun hätten. Ein Monsignore forderte mich kurz danach auf, den Schlüssel zum Büro von Pax Christi zurückzugeben, wo ich regelmässig Kriegsdienstverweigerer beriet. Sein "Argument": "Mein Bruder ist in Rußland gefallen"...


Es ist unglaublich, dass in unseren Tagen populistische Politiker eine „Ordnung" zum Leit-Wert sogenannter „christlicher" Politik propagiert wird, die erbarmungslos hinnimmt, dass Tausende vor Krieg und Elend fliehende Menschen im Meer ertrinken, in Foltergefängnissen vergewaltigt, auf dem Sklavenmarkt verkauft oder buchstäblich in die Wüste geschickt werden ? Die Einflußmacht von AFD und Konsorten zeigt sich daran, wie stark sie "Volks"-Parteien vor sich her treiben können, die alles dafür tun, dass kein Raum rechts von ihnen bleibt.

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