Wolfgang Hertle
Skizze der französischen Ökologiebewegung
in den frühen Siebziger Jahren - Teil 1
On-line gesetzt am 4. März 2018
zuletzt geändert am 3. April 2018

von Wo
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Vorbemerkung:
Zusammenfassende Darstellungen ökologischer, antimilitaristischer und gewaltfreier Bewegungen besitzen einen gewissen Seltenheitswert. Die direkt Beteiligten finden oft nicht genügend Zeit und Abstand, um mehr als aktuelle Berichterstattung, Darstellung theoretischer Positionen und Selbstdarstellungen mit werbendem Charakter zu leisten. Machen sich nun Außenstehende daran, diese publizistische Lücke zu füllen, kann es geschehen, daß die Betroffenen Schwierigkeiten haben, sich in der Darstellung wiederzuerkennen. Diese Gefahr erhöht sich noch, wenn man aus dem Ausland beobachtet. Trotz der Gefahr von Fehleinschätzungen dürfte jedoch die Betrachtung einer so umfangreichen und vitalen Erfahrung für die derzeit noch schwache und auch im politischen Bewusstsein noch nicht sehr weit entwickelte gewaltfreie und ökologische Bewegung in Deutschland von Nutzen sein.

Was heißt hier „Ökologie" und was „Bewegung"?
Die Begriffe „Ökologie" und „Bewegung" sollen hier vorweg geklärt werden, denn der eine ist noch ziemlich unbekannt und der andere historisch belastet.
Unter Ökologie wird hier nicht die interdisziplinäre Wissenschaft der wechselseitigen Beziehungen des Menschen mit seiner natürlichen Umwelt verstanden (1), sondern die theoretische und praktisch-politische Konsequenz aus der Erkenntnis, dass die bisherige Fortschrittsgläubigkeit, der naive Glaube, durch Technik und wirtschaftliches Wachstum unendlich Raubbau an Mensch und Natur betreiben zu können, die Lebensgrundlagen - gerade auch der zukünftigen Generationen immer stärker gefährdet (2). Über die Bewusstwerdung der fortschreitenden Umweltzerstörung hinaus sollen damit alle Bemühungen gekennzeichnet werden, die nicht nur das Überleben sichern, sondern Produktions- und Konsumgewohnheiten sowie unumgänglich auch die bestehenden Gesellschaftsordnungen in einer Weise umgestalten, dass menschenwürdiges Leben möglich wird. Kurz gesagt, der Kampf für einen dezentralisierten selbstverwalteten Sozialismus.

Die Selbstbegrenzung der bisherigen Form von Wirtschaftswachstum bzw. dessen qualitative Umgestaltung erscheint als notwendige Grundvoraussetzung, um den mannigfaltigen Gefahren für das Überleben der Menschheit zu begegnen: Es droht die Erschöpfung der nicht reproduzierbaren Rohstoffe, die Gefahr genetischer Veränderungen durch radioaktive Strahlen, der „point of no return", jenes Übermaß an Umweltbelastung und -vergiftung, das die Selbstreinigung und Regenerierbarkeit von Luft und Wasser unumkehrbar überschreitet, eine unvorstellbare Steigerung der Welternährungskrise usw., wenn die bisherigen Verhaltensweisen insbesondere in den Industrienationen beibehalten werden.

Der Bau von Kernkraftwerken, welche im Gegensatz zu den fossilen Energieträgern - fast unbeschränkte Energieerzeugung ermöglichen, wurde zum wichtigsten Schauplatz von ökologischen Auseinandersetzungen, da die Befürworter des bisherigen Wirtschaftswachstums hier den Ausweg aus der „Energiekrise" sahen, die Gegner aber diese Art von Energiegewinnung für extrem gefährlich hielten.

Die überaus harten Polizeieinsätze gegen Atomkraftwerksgegner , vor allem aber die Notwendigkeit massiver Polizeiüberwachung funktionierender Kernkraftanlagen und Atommülldeponien gegen Sabotage ließen in Frankreich den Begriff des „Elektro-Faschismus"(3) entstehen, wobei die Profitinteressen der Industrie vom staatlichen Repressionsapparat durchgesetzt wurden, während die Bevölkerung durch die „mentale Pollution (Verschmutzung)" bewusstlos und damit wehrlos gemacht wurde.
In der Motivation, die ökologisch bewusste Menschen veranlasst, aktiv und risikobereit gegen die erkannten Missstände vorzugehen, ist ein gewisses apokalyptisches Element nicht zu übersehen. Sie sind von der Dringlichkeit der Aufgabe überzeugt, den Weltuntergang, den die Menschheit selbst hervorzurufen im Begriffe ist, in letzter Sekunde zu verhindern. Manche Menschen führte diese Katastrophenstimmung zur Flucht auf möglichst autarke „Inseln einer heileren Welt", also z.B. zum Rückzug in Landkommunen, doch auch voller Einsatz im ökologisch-politischen Kampf ist eine oft zu beobachtende Konsequenz. Eine Parallele dazu scheinen mir Tendenzen in der Atomwaffengegnerbewegung der 50er und 60er Jahre zu sein, deren Engagement allerdings nach einiger Zeit erlahmte oder sich auf andere Gebiete verlagerte, da der befürchtete Weltuntergang, die Selbstzerstörung der Menschheit durch einen Atomkrieg (noch) nicht eingetreten war. In Frankreich, USA und England war diese Bewegung stärker als in der BRD und besteht auch deswegen noch heute, da diese Staaten über eigene Atomstreitmächte verfügen. In diesen Ländern sind auch die Verbindungen zwischen der antimilitaristischen und der ökologischen Bewegung enger als in Deutschland.

Es ist anzunehmen, dass die Ökologiebewegung wesentlich breiter werden und länger anhalten wird, da die Ökologie viel mehr Bereiche des Menschen berührt und die ökologische Katastrophe im Gegensatz zum Atomkrieg nicht mit einem Knopfdruck ausgelöst wird,

Mehr als in Deutschland sahen viele französische Studenten und Lehrlinge, enttäuscht von den ergebnislosen Versuchen der traditionellen oder auch der außerparlamentarischen politischen Arbeit nur die Möglichkeit sich an den Rand der Gesellschaft zurückzuziehen. Sie nennen sich selbst oft „marginaux", d.h. Randständige. Man zieht sich in Landkommunen zurück und versucht autark zu werden, um der Entscheidung auszuweichen, entweder selbst ausbeuten zu müssen oder ausgebeutet zu werden. Die Landkommunen-Bewegung versteht sichjedoch weniger als Resignation gegenüber den politischen Verhältnissen, denn als die einzige Art, menschenwürdig zu leben und durch das vorgelebte Beispiel ökologisch verantwortungsbewusster Produktion andere Menschen zur Nachahmung zu bewegen. Ein wesentlich breiterer Teil der französischen Jugend bevorzugt es, soviel als möglich alternative und gegenkulturelle Elemente in den Alltag zu tragen und dabei die politische Arbeit weiterzuführen.

Wann kann man nun von einer Bewegung sprechen? Gerade in Frankreich wird organisierter politischer Einfluss nicht nur anhand von Mitgliederzahlen in Organisationen gemessen, denn ausser Mehrfachmitgliedschaften in verschiedenen Verbänden gibt es zahllose informelle und ad-hoc-Gruppen ohne Mitgliedschaft, die es aber schaffen, regionale und nationale Kommunikationsnetze aufzubauen. Auch Auflageziffern von Zeitschriften sind keine sicheren Anhaltspunkte, um die Mobilisierungsfähigkeit oder die politische Relevanz aktiver Gruppen zu beurteilen. Nicht nur französischer Individualismus, sondern auch die Einhaltung von Prinzipien wie Selbstorganisation und Dezentralisierung führen zu häufigen Spaltungen und kurzer Lebensdauer von Gruppen und Organisationen und verhindern oft formelle Zusammenschlüsse. Hilfreicher ist es da schon, die Häufigkeit, den Umfang und das Echo auf Aktionen und Demonstrationen zu analysieren.

Die Massenwirksamkeit der französischen Ökologiebewegung ist u. a. darauf zurückzuführen, dass es ihr gelang, aus der machtlosen Defensivhaltung der Umweltschützer zu einer offensiven Position außerparlamentarischer Opposition durchzubrechen und dies vor allem durch die Bemühung um „generalisation" und „totalisation". Damit ist gemeint, dass das Abgleiten der „single purpose movements" in politischen Reformismus und lokalpatriotische Kurzsichtigkeit verhindert wird, indem begrenzte Konflikte konsequent theoretisch in die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge gestellt und in der Praxis mit den Kämpfen anderer gesellschaftlicher Gruppen bzw. mit gleichartigen Konflikten in anderen Regionen verknüpft werden. Die anwachsende Beteiligung aus allen Schichten der Bevölkerung an den ökologischen Auseinandersetzungen nimmt der Bewegung mehr und mehr den ursprünglichen Ruf jugendlicher oder sektiererischer Unausgegorenheit. Die Qualität der politischen Argumentation wie auch die Bewahrung des aktiv gewaltfreien Charakters der Bewegung hängt allerdings von relativ kleinen Kerngruppen ab. Man kann sagen, dass die Jugendrevolte seit 1968 zum Kampfgeist und der inhaltlichen Radikalität beigetragen und dabei einzelne Persönlichkeiten in langjährigem Engagement den inneren Zusammenhang und die Kontinuität bewahrt haben.

In gewisser Weise war die gewaltfreie Bewegung Frankreichs, die sich bis dahin fast ausschließlich mit Antimilitarismus beschäftigt hatte, überrascht, an ihrer Seite die, sich im wesentlichen unabhängig von ihr entwickelnde, ebenfalls gewaltfreie Ökologiebewegung zu entdecken.

Prägende Strömungen
Die grundsätzliche Einstellung zur Frage des Wachstums von Energieverbrauch und Wirtschaft, sowie zur Wahl des Energieträgers wird immer mehr zur entscheidenden Weichenstellung für die wirtschaftliche, ökologische und politische Zukunft.
Drei Stufen der Bewusstseinsbildung lassen sich prototypisch drei Gegnergruppen zuordnen, wobei sich diese drei Gruppen immer stärker vermischen und sich im grundsätzlichen Widerstand gegen die Nuklearenergie vereinigen:

1. Bauern, Fischer und Winzer, die ihre materielle Existenzgrundlage und Gesundheit bedroht sehen. Von ihnen vor allem hängt die Intensität und die Ausdauer direkter Aktionen ab.
2. Umweltschutzgruppen und Akademiker (meist Naturwissenschaftler), die, oft ohne explizit politische Argumente, vor den radiologischen, klimatologischen Folgen und den Sicherheitsproblemen warnen
3. die „ökologische Linke", die in der Steigerung der Energieproduktion und -vergeudung die Quelle einer maßlosen Industrialisierung als Voraussetzung zu noch stärkerer Ausbeutung von Mensch und Natur sieht.

Zeitlich gesehen trat zuerst die Gruppe der Umweltschützer und Naturwissenschaftler auf. Ein früher Vorläufer war der inzwischen pensionierte Volksschullehrer Jean Pignero, der bereits in den 50er Jahren vor den Gefahren der radioaktiven Strahlung gewarnt hatte. 1962 gründete er „APRI“, die Vereinigung zum Schutze gegen ionisierende Strahlen, deren Rundbriefe und Broschüren durch Information und Aufklärung Pionierarbeit leisteten (5).
Die verschiedenen Natur- und Umweltschutzgruppen traditioneller Art in Frankreich unterschieden sich in Arbeitsweise, Argumentation und politischer Bedeutung kaum von den herkömmlichen deutschen Umweltschutzgruppen. Man könnte sie mit einem unpolitischen Pazifismus vergleichen, den seine monokausale Sichtweise zu relativer Bedeutungslosigkeit führte und der von einem aktiveren und in eine differenzierte Gesellschaftskritik eingebetteten Antimilitarismus abgelöst wurde.


Mehr Impulse als von der traditionellen Umweltschutzbewegung erhielt die „Neue Ökologische Linke" von der "Gemeinschaft der Arche"’, wenn auch mehr durch deren Praxis als durch ihre mystizistische Philosophie. Diese Ashram-ähnliche Dorf-und Ordensgemeinschaft hatte bereits in den ersten Nachkriegsjahren Verhaltensweisen praktiziert, die in der Mitte der 60er Jahre massenhafte Nachahmung (allerdings meist mit anderen ideologischen Begründungen) finden sollten: direkte gewaltfreie Aktion, Leben in Landkommunen, biologisch-dynamische Landwirtschaft und vieles mehr. Die Betonung des Wertes der Handarbeit, sparsamer Energie- und Rohstoffverbrauch, das Streben nach Autarkie und Einfachheit, das Leben in Gemeinschaften usw. war von dem Begründer der „Arche", Lanza del Vasto, der einige Jahre mit Gandhi in Indien verbracht hatte, in Schriften und Vortragsreisen in ganz Frankreich und darüber hinaus bekannt gemacht worden.
Am direktesten sichtbar ist der Einfluss der Arche-Gemeinschaft im Kampf der Bauern von Larzac (7) gegen die Ausweitung des dortigen Truppenübungsplatzes, ohne sie wäre die Entscheidung der Bauern für die offensive Gewaltfreiheit kaum vorstellbar gewesen.

Einen weiteren wesentlichen Impuls zur Entstehung der politischen Ökologiebewegung gab jenes Gemisch anarchistischer, situationistischer und subkultureller Gedanken und Praxisversuche des Pariser Mai 1968, in dem die Anregungen der Provos und Kabouters, der Hippies und Yippies aufgenommen und weiter entwickelt wurden.
Besonders deutlich kann man dies bei der Betrachtung des Wirkens von Pierre Fournier nachvollziehen, einem Zeichner und Chronisten der politisch-satirischen Wochenzeitschrift „Charlie-hebdo". Fournier, der sich später nur schwer der Charakterisierung „Ökologiepapst" erwehren konnte, schrieb ab April 1969 jede Woche mindestens eine Zeitungsseite in La Gueule Ouverte über ökologisch-politische Themen und nutzte dieses auflagenstarke Forum (über 120000 pro Woche) sehr wirksam zur Entwicklung des Konzeptes der „ökologischen Revolution". Innerhalb dieser Zeitschrift fielen Fourniers Beiträge durch ihren konstruktiven Charakter auf.

Deutlich von der nordamerikanischen Ökologiebewegung beeinflusst wurden die beiden Organisationen „Survivre et Vivre" und „Les amis de la terre", deren Gründung zusammen mit Fourniers Engagement den Beginn der neueren ökologischen Bewegung in Frankreich markieren.
Survival (Survivre) wurde am 20.7. 1970 in Montreal (Kanada) als Zusammenschluss von Naturwissenschaftlern gegründet, die sich gegen die Beteiligung an der Entwicklung von Technologien wehrten, „welche nicht der Menschheit dienen, sondern sie im Gegenteil ausbeuten und schädigen". Die Mitglieder verpflichteten sich u. a. zur Nichtzusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie und den direkt vom Militär abhängigen Institutionen. Gewaltfreiheit, Ökologie und Antimilitarismus prägten das Selbstverständnis dieser Organisation, die sich später in „Survivre et Vivre" umbenannte, um auszudrücken, dass es um mehr als nur das nackte Überleben geht. Diese Gruppe leistete eine immense Arbeit, ohne die das seit 1974 besonders stark spürbare Engagement von französischen Wissenschaftlern und Technikern gegen das Atomenergieprogramm der Regierung kaum denkbar wäre.
Der französische Zweig der internationalen Organisation „Amis de la terre", Freunde der Erde (1970 gegründet) wurde zunächst bekannt durch die Beteiligung an den Protestaktionen gegen die französischen Atomtests im Pazifik. Ihr Vorsitzender Brice Lalonde gehörte zum „Friedensbataillon", das im Sommer 1973 auf dem Segelschiff FRl in die Sperrzone um das Mururoa Atoll eindrang (8).

Der Widerstand beginnt im Osten

Am 12. April 1971 fand in Fessenheim / Elsass die erste Demonstration gegen Kernkraftwerke in Europa statt: 1 300 Personen waren dem Aufruf des CSFR ( Comité pour la Sauvegarde de Fessenheim et de la Plaine du Rhin = Komitee zum Schutze von Fessenheim und der Rheinebene) gefolgt. Diese Gruppe hatte sich anlässlich der jährlichen Vortragsreise von Jean Goss, dem Reisesekretär für die frankophonen Länderdes Internationalen Versöhnungsbundes zusammengefunden und sich in direkter gewaltfreier Aktion ausbilden lassen. Das entschlossene und über Jahre hinweg, bei aller Bescheidenheit, hartnäckige Engagement dieser im Berufsleben stehenden Menschen soll deshalb so betont werden, da Widerstand - und noch dazu konsequent aktiv gewaltfreier Widerstand - nicht selbstverständlich im Charakter einer Bevölkerung liegt, sondern meist gegen Widerstände durch Überzeugung verändert werden musste ( 9).

Bald darauf bildete sich ein weiteres Zentrum des Widerstandes gegen die Bedrohung durch Kernkraftwerke in und um Lyon. Im Januar 1971 hatte die „Aktions- und Widerstandsgruppe gegen den Militarismus" (GARM) auf spektakuläre Weise die Fahrlässigkeit der Armee im Umgang mit der Atomstreitmacht aufgedeckt. Sechs ihrer Mitglieder waren in die unterirdische Kommandozentrale der „force de frappe" im Mont Verdun eingedrungen und hatten im innersten Schaltzentrum der Abschussrampen für Atomraketen ihre Spruchbänder entrollt. Fotos von dieser Aktion erschienen in fast allen französischen Zeitungen. Anlässlich des Prozesses gegen die GARM- Aktivisten demonstrierten in der Lyoner Innenstadt am 19. Juni 1971 über 3500 Personen gegen die nukleare Aufrüstung.

Unweit von Lyon hatte Pierre Fournier auf Anregung des jungen Lehrers Emile Prémilieu begonnen, den Kampf gegen den Bau des AKWs in Saint-Vulbas (Ain), genannt Bugey 01, aufzunehmen. Der Name des Komitees „Bugey-Cobayes" (cobaye bedeutet Versuchskaninchen) machte darauf aufmerksam, daß hier die Bevölkerung offensichtlich als Testmaterial herhalten sollte, da die Sicherheit des Reaktortyps in keiner Weise bewiesen war. Die Wirksamkeit der Öffentlichkeitsarbeit dieses Komitees zeigte sich, als eine Zeitungsumfrage erbrachte, daß 1972 die Mehrheit der Bevölkerung in dieser Region der Meinung war, „Bugey-Cobayes" wäre der offizielle Name für dieses Kernkraftwerksprojekt. Die Initiatoren waren selbst überrascht, als sich auf ihre Parole „on les emmerde" (eine deftige Art zu sagen: „Wir machen ihnen Schwierigkeiten’) am 10. Juli 1971 mehr als 15 000 Menschen am großen friedlichen, gewaltfreien und fröhlichen Marsch zum KKW und dem sich anschließenden politischen Volksfest teilnahmen. Dieser Marsch wurde nach Ansicht vieler „Veteranen der Ökologiebewegung" zum eigentlichen Auftakt der ökologischen Revolution.

Das „Markenzeichen" von Bugey 01, eine Margerite in einer Paust, wurde zum Symbol der französischen Kernkraftgegner. Ermutigt durch diesen Anfangserfolg rief das Komitee über die „grünen Seiten" von Charlie Hebdo zu einer „harten gewaltfreien Aktion" auf und begann, Bereitschaftserklärungen für ein 40tägiges Sit in vom 4. September bis zum 17. Oktober 1971 vor der Reaktorbaustelle zu sammeln. Ende August hatten sich bereits über 200 Freiwillige verbindlich angemeldet. „Wir wollen durch dieses Mittel unsere Opposition zur Inbetriebnahme von Bugey 01 und gegen die Errichtung weiterer AKWs zeigen, die lokale Öffentlichkeit alarmieren und das Problem auf nationaler Ebene stellen. Um diese Ziele zu erreichen und um alle Provokationen oder politischen Ausbeutungsversuche zu verhindern, kann diese Aktion nur gewaltfrei sein ! (10)

Während des Sitzprotestes befanden sich Tag und Nacht mindestens 30 Personen auf dem Platz. Eine Reihe weiterer Freiwilliger leistete in den umliegenden Dörfern Öffentlichkeitsarbeit mit Hilfe von Informationsständen, Straßendiskussionen und Veranstaltungen, unterstützt von Sozialarbeitern, Pfarrern und manchmal sogar Bürgermeistern. Täglich trafen ca. 80-100 Solidaritätsbriefe aus ganz Frankreich ein. Die Nachricht, dass „Verbraucheranwalt" Ralph Nader und seine Freunde in den USA bereits den Bau von sechs AKWs verhindert hatten und ein Memorandum österreichischer Ärzte und Wissenschaftler beim Kraftwerk Zwentendorf dasselbe bewirkt hätten, gab den Anwesenden neuen Auftrieb.
Als in der Zeit des Sit-ins durch einen Unfall im Reaktorgebäude ein Feuer ausbrach, breitete sich bei den Technikern Unsicherheit aus und in der Bevölkerung war ein Meinungsumschwung zu spüren. Im Herbst 1971 gab es 13 Anti-AKW-Komitées mit jeweils mehreren Ortsgruppen in Frankreich. Zum Abschluss dieser bis dahin umfangreichsten Aktion wurden in den verschiedenen Departements Demonstrationen organisiert. Den Schlusspunkt der Kampagne bildete ein 40-Kilometer-Marsch bis in die Innenstadt von Lyon.

Erste Versuche der Koordination
Als sich am 28. und 29. Dezember etwa 40 verschiedene Ökologiegruppen auf Einladung des CSFR in Straßburg zu einem der ersten Koordinationstreffen einfanden, prallten die beiden Haupttendenzen von Ökologieverständnis und -praxis recht hart aufeinander. Da gab es einerseits den „gallischen Typus" des Umweltschützers, der wenig Verständnis für die formalistische Umständlichkeit, für die Gründlichkeit und das damals noch vorhandene Bestreben, unbedingt die Legalität zu wahren aufzubringen vermochte, wie sie den Elsässern angezeigt schienen. Andererseits mochten sich die alemannischen Umweltschützer nicht mit den teilweise abenteuerlichen Ideen und dem „folkloristischen" Auftreten der „Hippies" aus Süd- und Westfrankreich anfreunden.
Dieser Gegensatz wurde in den folgenden 5 Jahren in einer fruchtbaren gegenseitigen Beeinflussung fast aufgelöst: die „Jungen" wurden politisch realistischer (und konnten so an Einfluss gewinnen, ohne ihren Elan einzubüßen) und die Elsässer haben ihre Risikobereitschaft in Marckolsheim und Wyhl ausreichend bewiesen, radikalisierten sich politisch auf
und wurden zu einem unentbehrlichen Brückenkopf, der deutschen und schweizerischen Umweltschützern den Zugang zu den ökologisch-revolutionären Gedanken und militant-gewaltfreien Aktionsformen ermöglichte.

Die letzte von Fourniers Mannschaft direkt organisierte Demonstration fand am 12. Februar 1972 mit starkem Echo in der Presse vor dem KKW Bugey als „Fest der Verrückten" statt. Diese Bezeichnung ist dem regionalen Karnevalsbrauchtum entnommen und sollte ausdrücken, dass man in einer "verrückten Geselischaft" leicht für anormal erklärt wird, wenn man entgegen der herrschenden Meinung die Gefahren einer Entwicklung brandmarkt,. für die Kernkraftwerke und Nuktearrüstung nur die Spitzen des Eisbergs bzw. den feuerspeienden Rechen des Molochs darstellen.

Bis dahin hatte sich die ökologische Revolte öffentlich nur in der Provinz gezeigt, doch es gab dieses Element der Gärung auch in der Neuen Linken der Großstädte, wenn es sich dort auch vornehmlich auf der zwischenmenschlichen Ebene, in Wohngemeinschaften oder Lebensmittelkooperativen ausdrückte.
Als jedoch am 22. April 1972 mehr als 10 000 Menschen die französische Hauptstadt auf Fahrrädern in einem Riesenstrom von der Porte Dauphiné bis hin zum Bois de Vincennes durchquerten, um gegen den Individual-Autoverkehr zu demonstrieren, konnte man erkennen, dass auch in Paris die Sensibilisierung für ökologische Fragen eine relative Massenbasis gefunden hatte. (Ähnliche Fahrrad-Demos fanden in London und New York statt, in Berlin gelang es nur etwa 100 Personen zu einer solchen Aktion zu mobilisieren.) „Les Amis de la Terre" und „Survivre et Vivre" hatten die Losungen ausgegeben „Autos stinken, verpesten die Luft und machen nervös" und den Slogan von Bugey auf die Polizisten umgemünzt „Sie ärgern sich, uns macht es Spaß!". Doch die „flics" verstanden keinen Spaß und droschen mit Gummiknüppeln auf Fahrrädern und deren Fahrer ein. Tagtäglich verstopfen Autos zu den Stoßzeiten die Straßen, aber noch nie hat man uniformierte „Ordnungshüter" wütend auf diemotorisierte Blechlawine einschlagen sehen!

Bei einem Treffen von etwa 100 Vertretern von Ökologiegruppen aus ganz Frankreich im April 1972 in Lyon, bei dem über die ökologische Revolution diskutiert wurde, kam es zu Gründung der „ökologischen Presseagentur" APRE (Agence Presse Réhabilitation Ecologique). Diese gibt seit Januar 1973 einen ’wöchentlich erscheinenden Informationsdienst heraus, eine Einrichtung, die sich nicht nur für die Belieferung der „großen Presse" mit einschlägigen Informationen, sondern auch als Verbindungsorgan der teilweise sehr zersplitterten Gruppen als nützlich erwiesen hat.

Am 7. Mai 1972 konnte das CSFR mehr als 10 000 Menschen zu einem 10 km langen Marsch von Vogelgrün nach Fessenheim mobilisieren, um gegen den geplanten Bau von 6 Reaktoren und einer Isotopentrennungsanlage zu protestieren. Die große Teilnehmerzahl ist um so beachtlicher, als im Dorf Fessenheim weniger Einwohner für den Widerstand gewonnen werden konnten als dies 3 Jahre später in Wyhl möglich war. Der CSFR durchlief ohne Erfolg alle politischen und juristischen Instanzen. An eine Platzbesetzung war aber wegen der fehlenden lokalen Unterstützung nicht zu denken. Es ist wohl vor allem auf diese Erfahrung zurückzuführen, dass die führenden Mitglieder des CSFR sowohl in Marckolsheim als auch In Wyhl vor zu viel Vertrauen in die üblichen politischen Instrumente warnten und zur direkten Aktion, d. h. zur Besetzung der Bauplätze drängten.

Nach der Inbetriebnahme des Kernkraftwerk Bugey 01 im Juli 1972 löste sich das Komitee „Bugey-Cobayes" auf und seine aktivsten Vertreter bereiteten die Herausgabe einer ökologischen Monatszeitschrift vor, die eine möglichst breite Leserschaft ansprechen sollte .Die Erläuterung des Begriffes „ökologisch" weist auf die angestrebte Erweiterung des Tätigkeitsfeldes hin: „Es ist klar, daß ökologisch im weitesten Sinne des Wortes verstanden werden muss. Nicht die ‚Probleme der Umwelt’ interessieren uns, sondern die außerordentlichen Möglichkeiten einer globalen, radikalen und fundamentalen Revolution, welche die Lösung dieser Probleme erfordert". Im November 1972 erschien die Nr. 1 von „La Gueule Ouverte", wörtlich übersetzt: offenes Maul. Der Titel weist auf die Notwendigkeit hin, sich zu entscheiden, entweder den Mund aufzureißen und die ökologischen Gefahren jedermann klarzumachen (gueuler heißt schreien) oder mit offenem Mund vergeblich nach Sauerstoff zu schnappen und zu ersticken. Den Vertrieb übernahm eine professionelle Firma, die die Zeitschrift mit einer Startauflage von 60 000 Exemplaren an die Zeitungsläden auslieferte. „Logistische" Unterstützung kam aus der Redaktion von Charlie-Hebdo.

Ökologie wurde allgemein zu einem beliebten Thema, besonders in der linksliberalen Presse. „Nouvel Observateur", ein der Sozialistischen Partei nahestehendes Nachrichtenmagazin schuf sich einen eigenen ökologischen Ableger. Seit März 1973 erscheint die Vierteljahreszeitschrift „Le Sauvage" (was sowohl „der Wilde" als auch „die Rettung" bedeutet) unter der Leitung des Gründers der "Freunde der Erde" Alain Hervé.

Die erste Gelegenheit ‚“Gueule Ouverte" der ökologischen Öffentlichkeit vorzustellen, bot ein Umweltkongress vom 3. bis 5. November 1972 in Versailles. Parallel zur offiziellen Veranstaltung der Naturschutzorganisation „Nature et Progrès“ versammelten sich die Nicht-Organisierten, Antiautoritären und Vertreter der Landkommunen-Bewegung. Man hatte sich über die Frage der Beteiligung an den Parlamentswahlen im März 1973 mit „ökologischen Kandidaten" zerstritten. Doch auch die Befürworter der Teilnahme an den Wahlen trennten verschiedenste Konzeptionen. Hier gab es „Kandidaten der ökologischen Revolution", die ähnlich wie die Trotzkisten von vornherein mit einer Wahlniederlage rechneten, aber die Agitationsmöglichkeiten des Wahlkampfs nicht ungenutzt lassen wollten. Eine andere Gruppe, angeführt von Jean Pignero, warb für die Zusammenarbeit aller ökologischen Gruppen unter dem Motto „die Partei des Überlebens". Die dritte und stärkste Fraktion empfahl eine frühzeitige Vorbereitung auf die Aufstellung eines ökologischen Präsidentschafstkandidaten für die Wahlen 1974. Hierauf einigte sich im Laufe des Kongresses Fournier mit den Organisationen „Nature et Vie", „Pollution Non“’ und dem CSFR.
Der Parallelkongress der „Ökorebellen" lehnte es grundsätzlich ab, „dem Volk einen Tribunen vorzusetzen". Die Auseinandersetzungen waren heftig, aber wesentlich war doch, daß der Dialog nie ganz abgebrochen wurde.

Wenige Tage vor Fourniers plötzlichem Tod (er starb am 15. Februar 1973 im Alter von 35 Jahren an einem Herzschlag) trafen sich 50 Mitarbeiter in Annecy zur Diskussion über die Funktion einer Ökologiezeitschrift, deren Ergebnisse auf 7 Seiten in der „Gueule Ouverte’ abgedruckt wurden. Man war sich einig, dass man nicht direkt das Proletariat ansprechen, sondern die Bevölkerung indirekt über Leser beeinflussen wollte. Man sollte sich aber auf jeden Fall vor der elitären Haltung hüten, nur für bereits Überzeugte zu schreiben. Wenn die Zeitung eine Waffe im politischen Kampf werden soltle, dann wäre es nicht ihre Aufgabe, eine Organisationsstruktur anzubieten, wohl aber auf eine „funktionale" Organisation hinzuarbeiten." Es ginge darum, den Informationen aus allen Gebieten einen inneren Zusammenhang, eine Ganzheit zu geben, damit die Menschen erkennen könnten, von welchen Kräften ihre Freiheit und ihr Wohlbefinden eingeschränkt würden" Man dürfe auch nicht vergessen, daß ein beträchtlicher Teil der Leserschaft aus Naturschützern bestehe, die am Anfang eines Politisierungsprozesses stünden. Fournier verdeutlichte: "Es gibt viele Ökologieblätter, aber nur sehr wenige, die zeigen, daß ökologischer Kampf das Problem der Befreiung des Individuums ganz allgemein darstellt: auf der Ebene der Sprache, der Sexualität und des Denkens - es gibt eine Art mentaler Umweltverschmutzung ..‚ Ich glaube, daß sich der Kampf ohne leitendes Organ entwickeln wird. Und das ist positiv (12)."

Der Tod Fourniers führte zu einer starken Verunsicherung innerhalb der ökologischen Bewegung; dies war wohl das Gegenteil dessen, was sich Fournier gewünscht hatte, aber
es zeigt, dass selbst bei stärkster Ablehnung von Führerfunktionen keine Bewegung vollkommen gegen solche Erscheinungen gefeit ist. Er hatte stets alles zu vermeiden gesucht, was nach Personenkult hätte aussehen können und griff seine Verehrer genauso hart an wie politische Gegner, wenn es nötig war. Er machte es niemandem leicht und dennoch hatte seine Person eine starke integrierende Kraft. Die Globalität der Fournierschen Analysen ermöglichte es den allermeisten, die Begrenztheit der jeweiligen Motivationen zu überschreiten. Seine stets riesige Korrespondenz bewältigte er mit dem Ziele möglichst gegenseitiger Bereicherung und der Weiterentwicklung von Ideen. Gerade die Verschiedenartigkeit der Motivationen unter den ökologischen Aktivisten machte eine Klärung der Standpunkte in der Auseinandersetzung so notwendig für die Vitalität und Stoßkraft der Bewegung. Leider zogen sich aber nach Fourniers Tod viele wieder auf ihr Spezialgebiet zurück und unterließen den Versuch, die Horizonte zu erweitern.

Noch fehlt die Kraft zum „Moratorium"

Im Dezember 1972 hatten sich 10 Umweltschutzorganisationen geeinigt, ein Moratorium, d. h. einen Baustopp von mindestens 5 Jahren für AKW zu fordern.
Die Forderungen hießen:
- Sofortiger Stopp jeglicher neuer Einrichtungen von Kernkraftwerken.
- Stilllegung aller bestehenden Werke und Einstellung der Atombombenexplosionen.
- Suche nach zufriedenstellenden Lösungen für die bekannten Probleme wie Beseitigung des radioaktiven Mülls, allgemeine Steigerung der Strahlenbelastung, Umweltbelastung durch Abwärme und sonstige Sicherheitsprobleme.
- Umwidmung der Kredite für AKWs zugunsten der Erforschung weniger gefährlicher und verschmutzender Energiequellen (Sonnen- und Windenergie, geothermische Wärme).
- Vollständige Information der Bevölkerung durch alle Medien über das Pro und Contra in Sachen Kernkraftwerke.
- Jegliche eventuelle Wiederaufnahme der Atomenergiegewinnung soll von der Zustimmung der Bevölkerung abhängen, die mit einem Volksentscheid eingeholt werden und dessen Fragestellung eindeutig sein soll.
In Zukunft soll keine Errichtung von AKWs ohne Information. Konsultation und vorherige Zustimmung der Bevölkerung stattfinden.

Die Kampagne für das Moratorium sollte am 6. Mai 1973 mit einer Reihe von Demonstrationen in ganz Frankreich beginnen und da sich bis dahin ca. 70 Vereine (meist regionaler Art) dem Aufruf angeschlossen hatten und 50 000 Unterschriften gesammelt waren, schienen die Aussichten günstig. Allerdings gelang es trotz großer Anstrengung nur 10000 Menschen für diese Forderungen auf die Straße zu bringen, davon allein 5 000 in Straßburg und 3000 in Paris. Man kann nicht einmal von Scheitern sprechen, da diese Aktion bereits am Abend des 6. Mai beendet war, wenn auch das Wort Moratorium seither immer wieder diskret in irgendwelchen Erklärungen auftaucht (13)."

Zu dieser Zeit schwiegen sich noch die selben linken Parteien und Gewerkschaften aus (wenn sie nicht gar der Moratoriumsinitiative völlig feindlich gegenüberstanden), die heute versuchen, sich an die Spitze der Kernkraftwerksgegner zu stellen. Noch 1973 erschien fast allen politischen Gruppen das Energieproblem „unpolitisch", so wie andere ökologische Probleme heute noch.
In diesen Monaten sind unzählige kleine Aktionen und Demonstrationen, Gründungen, Spaltungen und Auflösungen von Gruppen zu verzeichnen. Bei aller Bewegung war deutlich zu spüren, dass nicht nur der gemeinsame organisatorische Rahmen fehlt, sondern auch der nötige theoretische Hintergrund schwach ausgeprägt bzw. äußerst uneinheitlich war.Es fällt mir schwer J. L. Burgunder, dem Gründer der radikaleren Gruppe "Pollution Non", zuzustimmen: „Und so kamen wir von der ökologischen Revolution zum derzeitigen Reformismus. 1973-1974 werden zu Jahren der Normalisierung, der zwangsweisen Rückkehr zum Umweltschützertum. Linke und Rechte machen die Ökologie zu einer kleinen Rubrik in ihren umfangreichen Programmen. Welch eine Fehleinschätzung" (14)

Gegen eine so negative Beurteilung spricht die Tatsache, dass l973 zu zu einem Jahr des Zivilen Ungehorsams wurde, geprägt durch drei herausragende Auseinandersetzungen: die Kampagne gegen die französischen Atomtests, der Widerstand der Bauern von Larzac und die Werksbesetzung mit Übernahme der Produktion in eigener Regie durch die Arbeiter der Uhrenfabrik LIP in Besancon.
Die stets enger werdende Verklammerung von antimilitaristischen und ökologischen Elementen mit den Methoden der direkten gewaltfreien Aktion auf das Ziel eines freiheitlichen Selbstverwaltungssozialismus deutet eher darauf hin, daß die Fourniersche globalere Auffassung von Ökologie sich in Frankreich mehr und mehr durchsetzte.

LIP - LARZAC - MURUROA – derselbe Kampf?
Der Widerstand gegen die französischen Atomtests auf dem Mururoa- Atoll in der Südsee unter dem Stichwort „Greenpeace’" war durch die Aktivitäten vor allem kanadischer und neuseeländischer Umweltschützer nach Frankreich zurückgetragen worden, nachdem hier die Atomwaffengegnerbewegung Ermüdungserscheinungen gezeigt hatte. Auf internationaler Ebene argumentierte diese Kampagne hauptsächlich ökologisch, während in Frankreich die antimilitaristische Kritik an der ‚.force de frappe" im Vordergrund stand.

Im Zusammenhang mit der Besetzung der Uhrenfabrik LIP in Besancon zeigten sich aber auch gewisse Grenzen, ökologische Forderungen in Arbeitskonflikte hineinzutragen. Als die Gruppe „Pollution Non bei einer der täglichen Fabrikvollversammlungen darauf hinwies, dass es nicht genüge, die Produktion in eigener Regie weiterzuführen und so Arbeiterselbstverwaltung modellhaft zu praktizieren (mit all den Schwierigkeiten, die sich mit einer anders organisierten Umwelt ergeben), sondern daß auch die Produktionsweise nach ökologisch sinnvollen Gesichtspunkten umgestaltet werden müsste. entgegneten LIP- Arbeiter: „Macht unsere Einheit nicht kaputt!“. Die Vertreter von "Pollution Non" mussten sich daraufhin fragen. von welcher Art Einheit hier die Rede gewesen wer.

Auch den Bauern von Larzac ging es in erster Linie um die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze, daraus folgte erst der Kampf gegen die Armee und die ökologische Argumentation war zunächst kaum mehr als ein Hilfsmittel. Unter den mehr als 50 000 Teilnehmern des Demonstrationsfestes am 25. und 26. August 1973 befanden sich viele ökologische Aktivisten, die es zusammen mit Gewerkschaftern, Antimilitaristen und gewaltfreien Linkssozialisten schafften, den Prozess der "Totalisierung" zu beschleunigen und zu vertiefen.
Indem die innere Verbindung zwischen verschiedenartigsten sozialen Konflikten aufgezeigt wurde, schuf man die Voraussetzung einer gegenseitigen Stärkung der verschiedenen Fronten. Nur so lässt es sich erklären, weshalb zuvor konservative Bauern aus Protest ihre Wehrpässe zurückschickten, als Zeugen für Totalverweigerer aussagten, sich für nordafrikanische Gastarbeiter einsetzten, Fabrikbesetzungen aktiv unterstützen und sich von Landkommunarden mit den Techniken biologisch-dynamischer Landwirtschaft oder Energiegewinnung durch Sonnenkraftwerke vertraut machen lassen usw.

Anmerkungen:
(1) Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Zur Kritik der politischen Ökologie.
In: Kursbuch 33, Berlin 1973.
(2) Dennis Meadows (Hrsg.): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.
Einen Querschnitt der Diskussion bietet: Heinrich von Nussbaum (Hrsg.): Die Zukunft des Wachstums, Düsseldorf 1973.
Herbert Gruhl: Die Plünderung unseres Planeten, Frankfurt 1975, geht inhaltlich nicht über die „Grenzen des Wachstums" hinaus, erregte aber Aufsehen, weil hier ein CDU-MDB gegen die ‚heilige Kuh" Wirtschaftswachstum vorgeht.
(3) z. B. L’ électro-fascisme. In: Politique-hebdo, Paris, 27. März 1975, S. 30.
(4) In der Anfangszeit trug die französische Ökologiezeitschrift „La Gueule Ouverte" den Untertitel: „Die Zeitschrift, die das Ende der Welt ankündigt“. Dass der Glaube an den kurz bevorstehenden Weltuntergang nicht zu Resignation und Apathie, sondern zu radikalem politischen und sozialen Umwandlungswillen führen kann, zeigen das Urchristentum und die (ketzerischen) christlichen Erneuerungsbewegungen, denen pazifistische und urkommunis- tische Gedanken ebenso eigen waren wie die Überzeugung, daß das Wiederkommen Christi in der allernächsten Zukunft einträfe.
Vgl. Konrad Farner: Theologie des Kommunismus?, Frankfurt 1970
(5) Die Zeitschrift: "Protection contre les rayonnements ionisants" erscheint zweimonatlich.
(6) Albert Schmelzer: Die Arche - Experiment einer Gesellschaft ohne Gewalt.
In: Probleme des Friedens, Waldkirch, 9 - 10/1973.
(7 ) Wolfgang Hertle: Larzac 1974. In: Gewaltfreie Aktion, Nr. 21/22, 3. u. 4. Quartal 1974,
S. 36 ff. und „Graswurzelrevolution", Nr 16 und 18/19.
(8) Wolfgang Hertle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv. In: Gewaltfreie Aktion, 13/14, 3. u. 4. Quartal 1973, 12 ff.
(9) Solange Fernex: Non-Violence Triumphant. In: The Ecologist, 5. Jg., 10. Dez. 1975, S. 372- 385.
(10) Emile Prémilieu. In: Charlie Hebdo vom 30. August 1971.
(11) Pierre Fournier: Erstes und letztes Editorial. In: La Gueule Ouverte Nr. 1, Nov. 1972.
(12) La Gueule Ouverte, Nr. 5 März 1973.
(13) Jean Luc Burgunder: EcoIogie d’ évènement en évènement. In: Ecologie, Juni 1975. S 3 f
(14) Jean-Luc Burgunder: EcoIogie d’ évènement en évènements. a.a.0. S. 7.
(15) FRl Alert, Hrsg. Elsa Dunedin, New Zealand, 1974.
(16) Besonders beeindruckend wird die Revolutionierung der Verhaltensweise und des Bewusstseins bei der LIP-Belegschaft beschrieben bei Monique Piton: Anders leben. Frankfurt 1975. es 767.
(17) Yves Hardy / Emmanuel Gabey: Dossier L comme Larzac, Paris 1974 und
Michel Le Bris: Les Fous du Larzac, Paris 1975.

P.S. :

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"Zeitschrift für Frieden und Gerechtigkeit - gewaltfreie aktion-
Nr. 26/27 4. Quartal 1975/ 1. Quartal 1976

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