Wolfgang Beer
Bildungs-und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion*
Über die Anfänge der Kurve Wustrow

Beschreibung der Anfänge der Bildungsstätte im Wendland

On-line gesetzt am 10. Dezember 2015
zuletzt geändert am 13. Dezember 2015
logo imprimer

„In den letzten Jahren ist die Bereitschaft, politische Ziele mit den Methoden der gewaltfreien Aktion zu verfolgen, spürbar gewachsen - weit über die Friedens-bewegung hinaus. Insbesondere in der Ökologiebewegung sind damit positive Erfahrungen gemacht und wichtige Erfolge erzielt worden. Die Gefahren des Rüstungswettlaufs sowie der Eskalation von Gewalt und Gegengewalt bei innenpolitischen Konflikten veranlassen immer mehr Menschen, nach einer grundsätzlichen Alternative zu suchen. Der Teufelskreis der Gewalt kann nur durchbrochen werden, wenn alle Beteiligten bewußt auf Formen der Auseinandersetzung verzichten, die Menschen verletzen oder gar töten können.

Aber es gibt zahlreiche Probleme, die gerade angesichts dieser positiven Entwicklung verstärkte Aufmerksamkeit erfordern. Unvermeidliche Enttäuschungen und Fehlschläge müssen aufgearbeitet werden, Einsichten und positive Erfahrungen kontinuierlich weitervermittelt und die Methoden gewaltfreien Handelns ständig fortentwickelt werden."
(Aufruf zur Unterstützung der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion)

Ausgehend von dieser, aufgrund eigener politischer Praxiserfahrung gewonnenen Grundeinschätzung der gegenwärtigen Friedens-und Ökologiebewegung riefen im Sommer 1979 zahlreiche Aktive aus dem gesamten Spektrum der gewaltfreien Bewegung zur Gründung einer „Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion" im Landkreis Lüchow-Dannenberg auf. Dieser Aufruf war verbunden mit der Bitte um möglichst zahlreiche Spenden für den Kauf eines Hauses und die Bezahlung festangestellter Mitarbeiter. Im Januar 1980 wurde der inzwischen als gemeinnützig anerkannte Trägerverein gegründet. Zu Beginn des Jahres 1981 fanden zunächst „ambulant" an wechselnden Orten die ersten Veranstaltungen statt. Im Sommer 1981 wurde vom Trägerverein und den Familien der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter gemeinsam das ehemalige Hotel Wendland in Wustrow, 25 km von Gorleben und
2 km von der Grenze zur DDR entfernt, gekauft und bezogen. Das mitten im Ortskern der ca. 1000 Einwohner zählenden Kleinstadt Wustrow gelegene Haus bietet neben Wohnungen für Mitarbeiter ca. 15 Seminarteilnehmern und Gästen Platz und dient darüber hinaus auch zahlreichen Gruppen und Bürgerinitiativen aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg als Treffpunkt und Tagungsort.


Die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion verfolgt mit ihrer Arbeit die folgenden, im Gründungsaufruf von 1979 formulierten, grundlegenden Zielsetzungen:

„ I. Förderung von Theorie und Praxis der gewaltfreien Aktion zum Abbau direkter wie struktureller Gewalt in der Gesellschaft.

II. Förderung der Zusammenarbeit gewaltfreier Gruppierungen verschiedener Herkunft und Altersstruktur.

III. Stärkung des gewaltfreien Widerstandes gegen die atomare Entsorgungsanlage bei Gorleben sowohl vor Ort als auch im dezentralen Widerstand in der gesamten Bundesrepublik."

Diese abstrakten Zielsetzungen werden greifbarer, konkreter und lebendiger in der biographischen, von eigenem Erleben von rund 15 Jahren praktischer Friedensarbeit geprägten Beschreibung der Ausgangssituation, die zur Gründung der Bildungs- und Begegnungsstätte führte, ihrer Vorbilder, Ziele und Utopien durch Wolfgang Hertle, Initiator und heute gemeinsam mit Margit Albers hauptamtlicher Mitarbeiter des Projektes:

„Seit 1967 beschäftige ich mich mit gewaltfreier Aktion und habe ...die Schwierigkeit festgestellt, dass ich immer wieder von vorne anfangen musste, dass es bei den gewaltfreien Aktionsgruppen, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben, das Phänomen gab, dass immer wieder neue Leute dazugekommen sind, wenige dabeigeblieben sind und die Erfahrungen, die gesammelt wurden, nur mühsam weitergegeben werden konnten. Irgendwann hatte ich das Gefühl, der Traum, dass diese Bewegung von der Jugendbewegung in die Erwachsenenbewegung hinein wächst, der verwirklicht sich offensichtlich nicht. Ich werde immer älter, die Bewegung bleibt gleich alt. Gleichzeitig habe ich mit verschiedenen Gruppen, wie dem Versöhnungsbund, in dem doch eine ganze Menge älterer Leute drin sind, zusammengearbeitet. Aber dort fehlten mir die Praxis und auch die politischen Ziele, die ich bei den jüngeren Gruppen gefunden habe. Jedenfalls war ein wesentlicher Gesichtspunkt für mich, dieses Projekt aufzuziehen, nach Wegen zu suchen, wie Erfahrungen weitergegeben werden können, Erfahrungen in der Bundesrepublik, etwa des Widerstandes gegen die Remilitarisierung der fünfziger und sechziger Jahre, aber auch Erfahrungen aus dem Ausland. Dies kann nicht nur schriftlich oder in Gesprächen geschehen, sondern muss auch gezielt mit Seminaren und Kursen angegangen werden.

Das Zweite, was dazu gehört, ist, die Fraktionen, die in der gewaltfreien Bewegung aneinander vorbei arbeiten, miteinander in Kontakt zu bringen. Du kannst es auf einen Nenner bringen: Die Veteranen treffen sich fast nie mit den Jungaktivisten. Diejenigen, die vor zehn, zwanzig Jahren mal direkte Aktionen gemacht haben, und heute noch damit sympathisieren, sind in ihrem Berufsleben und ihren familiären Beziehungen so angebunden oder glauben es zu sein, dass sie selber solche Aktionen nicht mehr machen, aber die Jungen, die es machen, unterstützen. Dabei kommen sie mit ihnen recht selten ins Gespräch, weil sie sich von den Jungen gefordert fühlen, es ihnen gleich zu tun, aber schlecht verständlich machen können, warum dies für sie so schwierig ist.

Darüber hinaus hat sich in den letzten 10 Jahren ein breites Umfeld um die Gruppen gebildet, die sich direkt gewaltfreie Gruppen nennen. In den Bürgerinitiativen, bei den Grünen und in vielen anderen Bereichen wächst das Bewusstsein und auch das Informationsbedürfnis, sich in gewaltfreie Aktion einzuüben.

Ich hatte im Laufe der Jahre in Frankreich und USA Projekte kennengelernt oder davon gehört, die verschieden aufgebaut waren, aber im wesentlichen eines gemeinsam hatten: dass dort eine Gruppe von Menschen zusammengearbeitete - nicht immer zusammenen -‚ die ihre Aufgabe darin sah, direkt in politische Konflikte einzugreifen, aber auch Schulungsarbeit, Informationsarbeit, Bildungsarbeit systematisch zu betreiben. Ein Beispiel ist das Life-Center in Philadelphia, wo ca. 100 Leute in einem Stadtteil wohnen und dort verschiedene Projekte machen: u.a. Stadtteilarbeit, Druckerei, Sekretariat für das „Movement for a New Society" und Trainingsprogramme usw. Sie beteiligen sich auch immer wieder an Aktionen in dem Ort, in dem sie auch leben.


Das andere Beispiel war das Friedenszentrum Le Cun (siehe Foto) auf dem südfranzösischen Larzac, wo Kriegsdienstverweigerer mit Zustimmung und Unterstützung der dortigen Bauern einen Hof besetzt und dort ein Zentrum für gewaltfreie Aktionen und soziale Verteidigung eingerichtet haben.
Zusammengefasst war also mein Traum, mit Gleichgesinnten in einem Projekt zusammen zu arbeiten, das sich auch ökonomisch weitgehend selber tragen kann, indem da auch andere Bereiche mit dabei sind: Leute gehen halbtags arbeiten oder man macht zusammen irgendwie noch etwas Handwerkliches oder Möbeltransporte oder betreibt eine Kneipe oder einen Buchladen usw. Aber das ist natürlich wahnsinnig schwer zu erreichen."

So ist dann auch das „Stammpersonal" der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion bisher auf die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter und ihre in anderen Bereichen arbeitenden Ehepartner begrenzt geblieben. Sie werden ergänzt durch einen Kreis von Referenten und Trainern für gewaltfreie Aktion, der bundesweit ca. 40 Personen umfasst und aus dem heraus auch ein großer Teil der Seminararbeit der Bildungs- und Begegnungsstätte getragen wird. Dieser Mitarbeiterkreis ist sehr heterogen zusammengesetzt. Das Spektrum reicht vom Hochschullehrer bis zum Studenten, vom Drucker bis zum Taxifahrer mit Hochschulabschluss Die wenigsten verfügen über eine unmittelbare pädagogische Ausbildung. Dieser Mitarbeiterkreis erstellt auch gemeinsam mit den beiden Hauptamtlichen und dem Vorstand bzw. dem Beirat des Trägervereins das jeweilige Jahresprogramm der Bildungs- und Begegnungsstätte.

Wie bei vielen vergleichbaren Projekten, so ist auch für die Bildungs- und Begegnungsstätte die Finanzierung ein permanentes, nur schwer und immer nur vorübergehend lösbares Problem. Trotz der Begrenzung der beiden Gehälter für die Mitarbeiter auf 2 000 DM brutto, des Verzichtes fast aller Referenten auf Honorare, oft auch auf Erstattung der Reisekosten, müssen jährlich zwischen 80 000 und 90 000 DM an Spendenmitteln aufgebracht werden. Der Trägerverein versucht zumindest die Personalkosten durch möglichst langfristige feste Selbstverpflichtungen von Mitgliedern und Förderern zur Zahlung eines regelmäßigen Betrages aufzubringen. Darüber hinaus sind auch einmalige Spenden etwa zur Deckung von Sachkosten oder zum weiteren Ausbau des Hauses erforderlich. Auf die Beantragung öffentlicher Gelder wird bewusst verzichtet, um nicht in die Gefahr einer mit nahezu jeder finanziellen Förderung verbundenen politischen Abhängigkeit und Kontrolle zu geraten.

Die pädagogisch-politische Arbeit der Bildungs- .und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion bzw. ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter ist auf drei unterschiedlichen Ebenen angesiedelt.

1 ) Die Seminararbeit
Die Seminararbeit lässt sich in zwei vor allem durch ihren Entstehungszusammen- hang unterschiedene Arten von Veranstaltungen aufteilen: Zum einen die Realisierung des von den Mitarbeitern geplanten Jahresprogramms, zum anderen eine etwa gleich große Zahl von Veranstaltungen, die kurzfristig auf konkrete Anforderung einzelner, höchst unterschiedlicher Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet zustande kommen.
Das gedruckte Jahresprogramm umfasste 1981 acht Wochenend- und fünf Wochenveranstaltungen. Veranstaltungsthemen waren u, a.
- Larzac - gewaltfreier Widerstand gegen Truppenübungsplätze
- Nachdenken über den inneren Weg. Angstfreies Gespräch über den Zusammenhang von Sehnsucht und öffentlicher Aktivität
- Auswertung und Perspektiven des Widerstandes gegen die Atomenergiepolitik
- Ökologie und Friedensarbeit
- Einführung in gewaltfreie Aktion
- Argumentationshilfen für soziale Verteidigung
- Konstruktive Aggression.

Das Programm 1982 umfasste 16 Wochenendseminare und 5 einwöchige Veranstaltungen. Themen waren u. a.
- Pressearbeit von Bürgerinitiativen
- Jugendarbeit und Friedensarbeit
- Einführung in gewaltfreie Aktion und Arbeitseinsatz in der Bildungs- und. Begegnungsstätte
- Erziehung zur Gewaltlosigkeit
- Gesellschaftliche Voraussetzungen für soziale Verteidigung
- Martin-Luther King und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung
- Männerseminar
- Konstruktive Aggressionsbewältigung
- Christliche Spiritualität gewaltloser Befreiung
- Motivationen zum politischen Handeln
- Lernen aus eigenen Erfahrungen
- Ökologie und Friedensarbeit
- Einführung in gewaltfreie Aktion
- Argumentationshilfen für soziale Verteidigung

Einige Veranstaltungen, vor allem die Wochenveranstaltungen wurden aus inhaltlichen und finanziellen Gründen in Kooperation mit anderen Trägern der friedenspädagogi-
schen bzw. politischen Bildungsarbeit durchgeführt. In den ersten beiden Jahrespro-
grammen waren die Kooperationspartner das Internationale Freundschaftsheim in Bückeburg, das Evangelische Studienwerk in Villigst, der Soziale Friedensdienst Kassel und die Evangelische Landeskirche in Württemberg.

Der Teilnehmerbeitrag für die Veranstaltungen der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion beträgt pro Person bei einem Wochenendseminar, in der Regel von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag 45 DM, Wochenseminare kosten 100 bis 120 DM. Der Teilnehmerbeitrag wird für die Unterbringung und für die teilweise Abdeckung der pädagogischen Kosten verwandt. Die Verpflegung müssen die Gruppen selbst organisieren und finanzieren. Dafür steht ihnen eine eigene Küche und ein Essraum im Haus zur Verfügung.

Neben den von der Bildungs- und Begegnungsstätte frei ausgeschriebenen oder langfristig mit geschlossenen Gruppen geplanten Veranstaltungen finden etwa im gleichen Umfang Seminare mit unterschiedlichsten Gruppen statt, die relativ kurzfristig auf Initiative der jeweiligen Gruppen zustande kommen. So gibt es eine große Anzahl von Anfragen zu Seminaren als Einführung in die Soziale Verteidigung oder auch zur Referentenschulung. Ein weiterer viel gefragter inhaltlicher Bereich ist die Einführung in gewaltfreie Aktion. Das reicht von allgemeinen Darstellungen und Übungen bis hin zu konkreten Trainings für von einzelnen Gruppen unmittelbar geplante direkte gewaltfreie Aktionen. Aktionsgruppen und Initiativen kommen nach Wustrow, um dort konkrete Lösungen für lokale Probleme zu entwickeln und zu diskutieren. Beispiele hierfür gibt es viele. So waren etwa Mitglieder der Bürgerinitiative aus der Garlstedter Heide bei Bremen, die dort gegen die Erweiterung eines Truppenübungsplatzes kämpft, für ein Wochenende in der Bildungs- und Begegnungsstätte, um dort über ihre weitere Strategie nachzudenken. Oder es kommen Gruppen Orten, die gemeinsam mit den Mitarbeitern in Wustrow überlegen wollen, was sie in ihrer Region gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen nach dem NATO-Doppelbeschluss tun können. Weitere Beispiele sind der Arbeitskreis Frieden des Landesverbandes der Grünen in Niedersachsen oder Gruppen vom Sozialistischen Büro. Häufig bringen die Gruppen, die nach Wustrow kommen, ihr eigenes Programm mit. Die Aufgabe der Mitarbeiter der Bildungs- und Begegnungsstätte besteht wesentlich in der Bereitstellung eines organisatorischen Rahmens, der Vermittlung von Informationen über den Stand des Widerstandes gegen die atomare Entsorgungsanlage in Gorleben oder zu anderen, oft ad hoc abgesprochenen Fragen. Beispiele für diese Form von Veranstaltungen sind u. a. eine Theatergruppe aus dem Martin-Niemöller-Haus in Berlin, die an einem Wochenende einerseits etwas über Gorleben erfahren möchte und andererseits das Haus für ihre eigene Arbeit benutzen möchte. Oder die Bürgerinitiative West-Tangente aus Berlin, die dort seit ca. 8 Jahren gegen eine Stadtautobahn kämpft, kommt nach Wustrow, um einmal zu reflektieren, wie ihre Arbeit nach einem veränderten Planungsstand nun weitergehen soll. Immer wieder kommen kirchliche Gruppen, die zu den verschiedensten Problemen arbeiten oder es finden Treffen und „ Rüstzeiten" mit Zivildienstleistenden statt.


Hin und wieder fahren die hauptamtlichen Mitarbeiter von Wustrow aus zu den jeweils anfragenden Gruppen an deren Wohn- bzw. Aktionsort. Dies ist jedoch die Ausnahme. In der Regel kommen auch Gruppen, die eine unmittelbare Beratung und Reflexion für ihre Arbeit vor Ort leisten wollen, in die Bildungs- und Begegnungsstätte nach Wustrow. Sowohl von den Mitarbeitern als auch von den betroffenen Gruppen wird dies positiv beurteilt, denn es erweist sich als sinnvoll, daß eine Gruppe, die vor Ort arbeitet, einmal gemeinsam aus ihrem unmittelbaren und alltäglichen Aktionskreis herauskommt. In der Ausnahmesituation einer veränderten Umgebung, eines Zusammenseins über mehrere Tage und mit Abstand zum politischen Alltag lassen sich die eigene Arbeit, die eigene Strategie und die interne Gruppensituation sehr viel besser und effektiver kritisch hinterfragen, reflektieren und weiterentwickeln. Die Mitarbeiter der Bildungs- und Begegnungsstätte können dabei - soweit sie beteiligt sind - als Informanten und Moderatoren wirken.

Im großen und ganzen wird das Seminarangebot der Bildungs- und Begegnungsstätte sehr gut angenommen. Die meisten Veranstaltungen sind mit 10 bis 15 Teilnehmer besucht. Bei einzelnen Veranstaltungen, die in größeren Häusern stattfinden, nehmen auch bis zu 40 oder 50 Personen teil. Besonders stark angenommen werden die Angebote zum Konzept der sozialen Verteidigung und die Veranstaltungen und Trainings zur gewaltfreien Akten. Ebenfalls sehr positive Erfahrungen haben die Mitarbeiter mit historischen Seminaren oder Veranstaltungen zu einzelnen Fallbeispielen gemacht. Dies gilt sowohl für Seminare über die Arbeit von Mahatma Gandhi und über Martin Luther King und den Kampf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, als auch für Wochenenden über den inzwischen erfolgreich abgeschlossenen Widerstand der Bauern auf dem Larzac gegen die Erweiterung eines Truppenübungsplatzes der französischen Armee. Der Erfolg dieser Veranstaltungen liegt entscheidend darin begründet, daß sie grundsätzlich so angelegt sind, daß historische Beispiele und ausländische Erfahrungen immer bezogen und hinterfragt werden auf ihre Bedeutung für die gegenwärtige und hiesige Situation der Friedens- und Ökologiebewegung. Auf diese Weise wird immer auch eine unmittelbare Verknüpfung historischer Beispiele mit den konkreten politischen Zielen, Aktionen und Problemen der Seminarteilnehmer erreicht.

Weniger oder gar nicht besucht wurden Seminare zu eher theoretisch abstrakteren Fragestellungen, wie z. B. zur Friedenserziehung oder zu Friedensarbeit in der Jugendarbeit und ähnlichem. Diese unterschiedliche Resonanz der Teilnehmer auf die Veranstaltungsangebote der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion erlaubt auch eine Aussage über die Struktur der Zielgruppe, die mit diesen Angeboten erreicht wird. Es scheint so zu sein, daß insgesamt mehr und vorrangig die unmittelbar aktionsbezogenen Angebote wahrgenommen werden. Demgegenüber erscheinen Angebote für eingegrenzte Zielgruppen, die weniger durch einen politischen Aktionszusammenhang als vielmehr durch einen professionellen Arbeitszusammenhang gekennzeichnet sind, nicht so stark oder gar nicht angenommen zu werden. Offensichtlich spricht die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion weniger theoretisch Interessierte oder Professionelle aus dem Erziehungs-, Wissenschafts- und Sozialbereich an, sondern weit mehr direkte Aktionsgruppen, die mit ihren Problemen und Bedürfnissen von den etablierten Trägern. z. B. den Akademien, nicht oder kaum erreicht werden,
Um ein Theorieseminar zu Fragen der Friedensforschung oder Friedenserziehung zu machen, muss ich nicht in den Landkreis Lüchow-Dannenberg fahren, das geht auch anderswo. Wenn ich aber ein Training in gewaltfreier Aktion oder eine Rednerschulung für soziale Verteidigung machen oder als Gruppe meine eigene Praxis und Strategie reflektieren will, dann ist Wustrow und die Bildungs- und Begegnungsstätte ein geeigneter, für viele Gruppen vielleicht der einzige oder einer von ganz wenigen Orten, wo dies geht. Veranstaltungen, die eine Verbindung zwischen persönlichen Motivationen, Gefühlen und Schwierigkeiten und der politischen Arbeit herstellen, sind ebenfalls gut besucht . Dabei kann es nicht um reine Selbsterfahrung gehen, sondern um Selbsterfahrung im Zusammenhang mit politischer Arbeit. Beispiele dafür sind u. a. das Männerseminar, auf dem sich die Teilnehmer über den Zusammenhang von „Mann sein" und politischer Arbeit ausgetauscht und nachgedacht haben, das Seminar zur konstruktiven Aggression oder auch das Thema Christliche Spiritualität und gewaltlose Befreiung, bei dem es um die Frage ging, woher eigentlich die Motivationen und die Kraft kommen, gewaltfreie Aktionen anzufangen und auch durchzustehen.

2) Überregionale Organisation und Vermittlung von Seminaren, Referenten und Beratung
Ein zweiter, mit dem zunehmenden Bekanntheitsgrad der Bildungs- und Begegnungsstätte anwachsender Arbeitsbereich ist die überregionale Vermittlung von Seminaren, Referenten und Beratungsgesprächen. An diesem Punkt wirkt sich die dezentrale bundesweite Streuung der Mitglieder des Trägervereins und der freien Mitarbeiter positiv aus. Sehr viele Anfragen von Gruppen, die Veranstaltungen zu bestimmten Themen machen möchten oder Beratungen zu bestimmten Problemsituationen ihrer politischen Arbeit suchen, können von den Hauptamtlichen in Wustrow aus Arbeitsüberlastung nicht erfüllt werden. Es ist aber fast immer möglich, einen der freien Mitarbeiter oder aktiven Vereinsmitglieder zu benennen, der in der jeweiligen Region wohnt und vor Ort zum Ansprechpartner für die betreffende Gruppe werden kann. Um diesen Bereich noch effektiver angehen zu können, planen die hauptamtlichen Mitarbeiter zur Zeit eine umfangreiche Fragebogenaktion an alle Mitglieder, um deren zeitliche und inhaltliche Möglichkeiten für eine Referenten oder Beratungstätigkeit zu erfassen. Das Ziel ist eine intensive, inhaltlich und geographisch möglichst breit gestreute Vermittlung von Referenten und Trainern für gewaltfreie Aktion.

Aus der Überfüllung und einem nicht mehr zu bewältigenden Andrang auf einzelne Seminare, vor allem zur Sozialen Verteidigung, hat sich ergeben, daß die Hauptamtlichen begonnen haben von Wustrow aus dezentral in anderen Regionen gezielt Seminare zu organisieren. So haben beispielsweise Seminare zur Sozialen Verteidigung, die jeweils von Mitarbeitern der Bildungs- und Begegnungsstätte durchgeführt wurden, u. a, in Dortmund, München, Stuttgart und Schleswig-Holstein stattgefunden.

3) Politische Arbeit vor Ort: der Widerstand gegen das atomare Entsorgungszentrum in Gorleben

Die Frage nach der Integration der Bildungs- und Begegnungsstätte in ihre unmittelbare Umgebung im Landkreis Lüchow-Dannenberg muss auf zwei Ebenen betrachtet werden: Einmal die Position in der unmittelbaren kleinstädtischen Umgebung von Wustrow und zum anderen das Engagement innerhalb des politischen Widerstandes gegen das Gorleben-Projekt. In beiden Bereichen sind die Mitarbeiter der Bildungs- und Begegnungsstätte eher abwartend an ihre Umgebung herangetreten. Sie haben weder sich noch das Projekt anderen aufgedrängt, sondern waren im Ort selbst zunächst einfach Leute, die ein Haus renovieren und dort beginnen zu leben und haben in den Bürgerinitiativen und Widerstandsgruppen gegen das Atommüllzentrum in Gorleben einfach begonnen mitzuarbeiten. Sie haben allerdings auch nie etwas verborgen, wenn-sich jemand. für ihre Arbeit, ihre Ziele oder ihre Herkunft interessiert hat.. Das Ergebnis ist, dass sie nach etwas mehr als einem Jahr in Wustrow als Mitbürger akzeptiert, und in die politische Widerstandsbewegung voll integriert sind. Hier werden sowohl das persönliche Engagement und die persönlichen Kenntnisse der Mitarbeiter, als auch das Angebot der Bildungs- und Begegnungsstätte von den Gruppen im Landkreis wahrgenommen. So fanden z. B. 1982 im Vorfeld der „fürsorglichen Belagerung" des Zwischenlagerbaugeländes dreiVeranstaltungen zum gewaltfreien Widerstand mit Teilnehmern aus dem Landkreis statt. Im ersten, allgemein gehaltenen Seminar ging es vor allem mit Hilfe eines umfassenden Plan- und Strategiespiels um die allgemeine Einschätzung, Analyse und Reflexion der aktuellen Situation des Widerstandes gegen das Gorleben-Projekt. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, nicht immer nur auf die Handlungen und Schritte der Betreiber, also der Gegenseite, reagieren zu müssen., sondern auch selbst agieren zu können, aktiv die Entwicklung der Auseinander setzung voranzutreiben. Auf einem zweiten Training wurde dann schon konkret das Septemberwochenende und die Belagerung des Zwischenlagergeländes entwickelt und diskutiert. Ergebnisse dieses Wochenendes sind dann wieder in die verschiedenen Gruppen eingeflossen und haben zu einer detaillierteren und konkreteren Planung geführt. Das dritte Training schließlich, wenige Wochen vor der Aktion, war praktischen Übungen, der detaillierten Organisation und Steuerung derartiger Aktionen vorbehalten.


Die Beteiligung an Widerstandsaktionen ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der hauptamtlichen ständig im Landkreis anwesenden Mitarbeiter der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion, die sie wie jeder andere engagierte Bürger der Region auch nach Kräften wahrnehmen. Die umfangreichen Vorerfahrungen mit gewaltfreien Aktionen bringen die Mitarbeiter dabei in ihre Widerstandsarbeit mit ein, wie umgekehrt die praktischen Aktionserfahrungen sich auch auf die pädagogische Arbeit im Projekt positiv auswirken durch die Herstellung einer sehr befruchtenden Praxisnähe. Dass es dabei ab und an schwierig wird, die Grenzen zwischen einer aktionsorientierten Bildungsarbeit des Projektes einerseits und der unmittelbaren Organisation von Widerstand andererseits zu ziehen, liegt auf der Hand.
Dies hat z. B. zu Schwierigkeiten bei der aus finanziellen Gründen benötigten Gemeinnützigkeit geführt. An dieser Stelle wird die Problematik deutlich, die ein klares Konzept aktionsorientierter Bildungsarbeit dann mit sich bringt, wenn es - und sei es in diesem Fall nur mittelbar - vom Wohlwollen einer verkarsteten und politisch auf der anderen Seite stehenden staatlichen Bürokratieökonomisch abhängig wird. Im konkreten Fall der Bildungs-und Begegnungsstätte hat dies keine aktuellen gravierenden Folgen, da die faktische politisch-pädagogische Arbeit nicht beeinträchtigt wird. Die Frage bleibt, ob im Zuge einer vorhersehbaren Zuspitzung der Auseinandersetzung um das Gorleben-Dragahn-Projekt dem Verein die Gemeinnützigkeit erhalten bleibt und welche Folgen die Aberkennung für die Bildungsarbeit hätte.

Insgesamt ist die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion ein nahezu idealtypisches Beispiel für den Versuch, ein Konzept aktionsorientierter politischer Bildungsarbeit in die pädagogisch-politische Praxis umzusetzen. In der praktischen Arbeit funktioniert die Verknüpfung von pädagogischer Bildungsarbeit, organisatorischen Dienstleistungen und der Beteiligung an politischen Aktionen vor Ort, gemessen an der personellen und finanziellen Möglichkeiten, in beeindruckender Weise. Wegweisend für andere vergleichbare Projekte, aber auch herkömmliche Institutionen der Erwachsenen- und Jugendbildung ist die Synthese von überregionaler Bildungsarbeit und politischer Arbeit vor Ort. Die Bildungs- und Begegnungs- stätte wird dadurch auch für die aus allen Regionen der Bundesrepublik anreisenden Teilnehmer nicht nur zu einem Treffpunkt, einer in schöner Landschaft gelegenen „Akademie des Widerstandes", sondern sie vermittelt immer auch unmittelbar den Bezug zur praktisch-politischen Widerstandsaktion. Das Lernen in der Bildungs- und Begegnungsstätte erhält somit durchgängig einen unmittelbar aktionsbezogenen Aspekt, der durch die Ereignisse in und um Gorleben in jedes Seminar und jede Informationsveranstaltung zwangsläufig hineingetragen wird.

Eine Reise nach Wustrow wird für die überregional anreisenden Teilnehmer neben der Mitarbeit im Seminar immer auch gleichzeitig eine Reise nach Gorleben.
An dieser Stelle wird ein weiteres wesentliches Merkmal aktionsorientierter Bildungsarbeit deutlicher Die Arbeit der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion ist eindeutig parteilich nicht im landläufig parteipolitischen Sinne, sondern im Sinne eines kompromisslosen friedenspolitischen und ökologischen Engagements, das auf die eingangs beschriebene Zielsetzung gerichtet ist.

Der Bedeutung, die die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion meines Erachtens heute bereits für viele gewaltfreie Gruppen innerhalb der Friedensbewegung ebenso wie für viele ökologische Aktionsgruppen hat, wird ihre personelle und finanzielle Ausstattung in keiner Weise gerecht. Die Folge sind eine Reihe auch die alltägliche Arbeit belastende interne Probleme, die aus der von außen herangetragenen Überforderung sowohl der Mitarbeiter als auch des Projektes als Institution resultieren. Ein hoher Erwartungsdruck der Aktionsgruppen und Förderer und die alltäglichen Belastungen durch die Seminararbeit, politische Arbeit, Büroarbeit, verstärkt noch durch eine im selben Haus bestehende Wohngemeinschaftssituation führen an die Grenzen der Belastbarkeit der Mitarbeiter und ihrer Familien.

Ein weiteres Problem, das meist nur latent vorhanden ist, ist das Verhältnis zwischen hauptamtlich bezahlten Mitarbeitern und Förderern bzw. Vereinsgremien. Hier besteht bei der vorhandenen finanziellen Konstruktion die Gefahr, daß es zu Abhängigkeitsgefühlen und daraus resultierenden Selbstüberforderungen bei den Mitarbeitern kommt. Auf der anderen Seite besteht bei den Spendern, Förderern und ehrenamtlich Aktiven zwangsläufig die Versuchung, aus ihrem finanziellen und persönlichen Engagement für das Projekt Forderungen und Ansprüche an die Mitarbeiter abzuleiten, die unter ungünstigen Umständen tendenziell zu Arbeitgeberpositionen und Hierarchiebildungen führen können. Insgesamt liegt in dieser ökonomisch-personellen Konstruktion vor allem in Situationen hohen Aussendrucks auf das gesamte Projekt ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential, das durch die eingangs von Wolfgang Hertle geschilderten Kommunikationsprobleme zwischen „Veteranen und Jungaktivisten" noch verstärkt werden kann.

So optimal die praktische pädagogisch-politische Arbeit die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion in den ersten 1 1/2 Jahren nach ihrer Gründung funktioniert, so begrenzt erscheinen mir jedoch die Möglichkeiten ihrer beliebigen Wiederholbarkeit. Die Bildungs- und Begegnungsstätte in Wustrow konnte nur entstehen und sich in der geschilderten Weise entwickeln mit Hilfe eines hohen bundesweiten Spendenaufkommens, das durch den Trägerverein gesammelt wurde. Diese Form der Finanzierung ist sicherlich nur sehr begrenzt multiplizierbar, zumal bei einem aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt sinkenden Spendenpotential, um das sich immer mehr Gruppen intensiv bemühen bzw. bemühen müssen. Die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion kann aber was das ihr zugrundeliegende Konzept und die pädagogisch-politische Arbeit angeht, sehr wohl eine Modellfunktion auch für andere Gruppen erfüllen. Dieser Modellcharakter rechtfertigt auch den hohen finanziellen und aufgrund der überregionalen Struktur des Trägervereins und Referentenkreises auch personellen Aufwand, der mit dem Projekt verbunden ist. Die Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion bietet eine Menge Anregungen und „know how" für die Selbstorganisation aktionsorientierter Bildungsarbeit im Kontext einer politisch-sozialen Bewegung. Die organisatorisch-personelle Konstruktion und vor allem die Finanzierung müssten allerdings in der Regel auf andere Weise gelöst werden als dies in Wustrow der Fall ist, Die von Wolfgang Hertle eingangs beschriebene Utopie einer von gemeinsamen Grundlagen, Erfahrungen und Zielen ausgehenden Gruppe, die den Versuch unternimmt, ein solches Projekt aus, sich selbst heraus, und mit nur begrenzter Förderung von außen aufzubauen, die versucht, ihre Finanzierung über unterschiedliche Formen von handwerklicher Arbeit, Dienstleistungen, Kneipe oder auch partielle Arbeit in etablierten Institutionen zu sichern, kann hier zum Wegweiser werden.

Kontaktadresse: Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion e. V., Kirchstraße 14, 3131 Wustrow, Tel.; 05843/507-660

heute:

P.S. :

* Dieses Kapitel ist ein Auszug aus dem Reader:

Wolfgang Beer: Frieden-Ökologie-Gerechtigkeit -
selbstorganisierte Lernprojekte in der Friedens- und Ökologiebewegung* S. 39-43
Westdeutscher Verlag Opladen 1983 ISBN 3-531-11649-5

In der gleichen Rubrik

kommenden Ereignisse

keine kommenden Ereignisse


Website aufgestellt mit SPIP
mit der Schablone ESCAL-V3
Version: 3.86.39