Wolfgang Hertle
Das internationale Grenztreffen der War Resisters International 1951 auf Burg Ludwigstein
und weitere Versuche, Grenzen zu überwinden
On-line gesetzt am 5. Juli 2015
zuletzt geändert am 20. September 2015

von Wo
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Anders als in den USA und in Großbritannien, wo gewaltfreie Bewegungen ihr Selbstbewusstsein aus dem Wissen um ihre streitbare Vergangenheit beziehen, fehlen in Deutschland wegen der von Gehorsam geprägten Geschichte entsprechende erfolgreiche Traditionen. Manche Widerstandsaktionen sind vergessen worden. Wer weiß z. B. heute noch, dass die Insel Helgoland nach Kriegsende durch systematische Bombenabwürfe der Royal Air Force völlig zerstört worden wäre, hätten nicht zum Jahresende 1950 zwei Heidelberger Studenten (1) mit einer Besetzungsaktion eine Reihe weiterer Protestaktionen ausgelöst, die schließlich zur Rückgabe der Insel an die auf das Festland evakuierten Helgoländer führte?
Mich interessieren seit langem die Anfänge der gewaltfreien Bewegung nach 1945, aus heutiger Sicht ist es schwer nachzuempfinden, auf welche Schwierigkeiten unkonventionelle Aktionen im Klima des Kalten Krieges stießen.

Als ich las, dass bei einer Tagung der Internationalen der Kriegsdienstgegner auf der Burg Ludwigstein im August 1951 ein wesentliches Thema "Gewaltlose Aktion" gewesen sei und dass zudem versucht wurde, mit einer die Grenze überschreitenden Aktion an der Werra in der DDR die selben Friedensforderungen zu verbreiten wie im Westen, wollte ich Näheres darüber erfahren. Meine erste Vermutung, im Archiv der Jugendbewegung auf dem Ludwigstein befände sich besonders viel Material zum Thema, wurde von Archiv - MitarbeiterInnen und durch Stichproben in der Datenbank nicht bestätigt. Ich suchte daher zunächst in anderen Sammlungen und verstehe das Folgende auch als Anregung, die Zusammenhänge zwischen Jugendbewegung und Friedensbewegung zu erforschen.

Das Internationale Grenztreffen der War Resisters´ International (WRI) und die darin integrierte Jahrestagung der “Internationale der Kriegsdienstgegner“ (IdK), d.h. der 1947 neu gegründeten deutschen WRI - Sektion, im August 1951 auf dem Ludwigstein war ein Treffen der Friedensbewegung, das aber nicht zufällig auf der Burg der Jugendbewegung stattfand. Es gab seit den 20er Jahren zahlreiche Verbindungen zwischen Jugendbewegung und Friedensbewegung. Diese sind anhand von Einzelpersonen nachweisbar, die in beiden Bewegungen aktiv waren. In einigen Bünden finden sich vermehrt solche Querverbindungen. z. B. im Bund der Köngener, im Quickborn, in der Sturmschar, im Sternberg-Kreis. Durch Recherchen in mehreren Archiven (2) versuchte ich herauszufinden, welche Personen am Zustandekommen des Internationalen Grenztreffens der WRI auf dem Ludwigstein beteiligt waren.
Dafür hier ein paar Beispiele:

Der Alt-Wandervogel Paul Heinecke (1898-1985) aus Eisenberg / Thüringen setzte sich sehr für die Wahl der Burg Ludwigstein als Tagungsortes für die WRI/IdK- Tagung ein. Heinecke (3) war 1918 bei Arras in Nordfrankreich schwer verwundet worden. Bis 1933 war er Mitglied der Weltjugendliga und nahm an internationalen Jugendtreffen teil. Im Archiv der Jugendbewegung auf dem Ludwigstein fand ich einen umfangreichen Briefwechsel von Heinecke mit Burkhart Schomburg, bzw. an das Archiv er zahlreiche Dokumente geschickt habe. Heinecke stand in regem Briefwechsel mit dem IdK- Vorsitzenden Theodor Michaltscheff in Hamburg, in dem die Burg Ludwigstein häufig erwähnt wurde. Von 1949 bis 1955 war Heinecke Mitglied im Arbeitsausschuss der Internationale der Kriegsdienstgegner. Die IdK war als Organisation in der DDR nicht zugelassen, aber auch nicht verboten: In den 50er Jahren hatte die IdK in der DDR ca. 125 Mitglieder. Heinecke stand mit allen im folgenden erwähnten Personen in Kontakt.

Der Hamburger Lehrer Helmut Hertling (1890-1991) nahm 1913 am Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil, er war ein Freund von Knud Ahlborn. Hertling (4) blieb bis in sein hohes Alter der Jugendbewegung verbunden. Seit Ende des Ersten Weltkrieges war er engagierter Pazifist und wurde Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, sowie ab 1947 auch der IdK. Bei einem Besuch in der Friedenspolitischen Studiengesellschaft, einer der Initiativen Hertlings, fand ich einen Briefumschlag aus dem Jahr 1975 an Helmut Hertling mit der Adresse „Gilde Hoher Meißner. u. Freideutsche Freunde der VHS Klappholttal“, Ahlborn und Hertling hatten die Gilde 1919 gegründet. Vor der Entscheidung für den Ludwigstein als Ort des Grenztreffens war auch Klappholttal auf Sylt im Gespräch gewesen.

Heinz Kraschutzki (1891-1982) war 1903 dem Wandervogel beigetreten. Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs ließ den Kapitänleutnant a.D. (5), ähnlich wie Hans Paasche, zum Pazifisten werden. Er war von 1947 – 1963 Mitglied im Internationalen Rat der War Resisters` International.

Theodor Michaltscheff (1899-1968) von 1947 bis 1966 Vorsitzender bzw. Generalsekretär der IdK (6) reiste Pfingsten 1951 zum Ludwigstein und führte mit dem Burgwart die abschließenden Verhandlungen für die Tagung. Unmittelbar vor dem Grenztreffen auf der Burg fand vom 27. bis 31. Juli 1951 in Braunschweig die Dreijahreskonferenz der WRI, ihr erstes Treffen in Deutschland nach dem Krieg, statt. Ein Verbindungsmann für diesen Tagungsort war wiederum Prof. Eberhard Schomburg (7), Quäker und Cousin von Burkhart Schomburg,

Enno Narten, der für die Geschichte der Jugendburg Ludwigstein eine wichtige Rolle spielte, war 1951 u. a. Vorsitzender der Ortsgruppe Hannover der „Deutschen Friedensgesellschaft“ und Mitglied im Hauptausschuss für Volksbefragung gegen die Remilitarisierung (8). Es liegt nahe, dass er Helmut Hertling und Theodor Michaltscheff kannte.

Zusammengefasst deutet vieles darauf hin, dass einige Angehörige der Jugendbewegung, die als Soldaten den ersten Weltkrieg erlebt hattenen, nach Ende des Zweiten Weltkriegs verstärkt gegen die erneute Aufrüstung Deutschlands wirken wollten und den ihnen vertrauten Ludwigstein, mit seiner geopolitischen Lage an der Grenze, als besonders geeignet für ein internationales Friedenstreffen ansahen.

In einem Brief an die Sekretärin der WRI Grace Beaton berichtete Theodor Michaltscheff am 9.7.1950 von der Zusage des Burgwarts (: „...Wie gesagt ist es eine Art unabhängiger Jugendherberge. Mehrere deutsche Friedensverbände hielten hier ihre Konferenzen ab. Die führenden Personen der Burg sind Pazifisten und Paul Heinecke ist ihnen sehr freundschaftlich verbunden. Sie gehörten vor 1933 zur Jugendbewegung..“ (9)

Internationales Grenztreffen vom 31. Juli bis 5. August 1951 auf Burg Ludwigstein

Zum Tagungsort schreibt Michaltscheff: “Das Grenztreffen wird auf dem Ludwigstein, unweit Kassel ... stattfinden. Die Jugendburg Ludwigstein ist ein traditioneller Versammlungsort pazifistischer und fortschrittlicher Bewegungen. Sie ist sehr schön auf einem Hügelrücken gelegen und gewährt einen weiten Blick in die Ostzone hinein. Da also das Treffen nah der Ostzone stattfindet, wollen wir es, wenigstens symbolisch Ost-West-Grenztreffen nennen, wenn wir auch aus der Ostzone und den Ostländern kaum auf Teilnehmer hoffen können“. Die Burg Ludwigstein sei bereit, für bis zu 250 Teilnehmer Unterkunft und Verpflegung zu stellen. Die Unterkunft sei einfachster herbergsmäßiger Art, mit nur einer Decke. Die Verpflegung sei einfach, aber ausreichend, Unterkunft und Verpflegung kosteten 2.50 DM pro Tag.

Michaltscheff kündigte das Internationale Grenztreffen in der IdK-Zeitschrift ’Die Friedensrundschau’ an. Die Titelseite vom April 1951 zeigt ein Foto der Burg Ludwigstein, die Juli-Ausgabe zeigt den Hof der Jugendburg. Das Treffen sollte die Konferenz in Braunschweig ergänzen und mehr Raum für persönliche Gespräche und Austausch bieten als es eine alle drei Jahre stattfindende Tagung mit Vorträgen und Diskussionen ermöglichen könne. Teilnahmeberechtigt an diesem „summer-camp“ sollten nicht nur die Delegierten der WRI- Konferenz sein, sondern im Prinzip jedes Mitglied einer der WRI Sektionen und befreundeter Friedensorganisationen. Für das Grenztreffen war täglich ein Vortrag geplant. Die Nachmittage sollten ganz dem geselligem Beisammensein mit Wandern, Singen, Tanzen und persönlichen Begegnungen gewidmet sein, während für die Abende Diskussionen vorgesehen waren. Beschlüsse waren nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen.

Leichte organisatorische Schwierigkeiten brachte die Entscheidung mit sich, das Jahrestreffen der IdK vom 3. bis 4. August in das Programm des Internationalen Grenztreffens einzubauen. Die Vorträge an den Vormittagen waren als gemeinsame Veranstaltungen beider Treffen geplant.

Am Abend des 31. Juli begrüßte Burgwart Jantzen die Gäste auf dem Ludwigstein. Aus 11 verschiedenen Ländern waren 63 Kriegsdienstgegner gekommen und übertrafen damit die Erwartungen der Gastgeber. Heinz Kraschutzki gab als Vertreter der IdK im Internationalen Rat der WRI einen Rückblick auf die vorangegangene WRI- Konferenz in Braunschweig.

Am 1. August referierte Kraschutzki über „Die weltpolitische Lage und unsere Aufgabe als Kriegsdienstverweigerer“. Gegenseitiges Misstrauen führe zu Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Russland fürchte insbesondere die Aufrüstung Deutschlands, da die Deutschen „erfahrene Russlandkämpfer“ seien. “Das allgemeine Wettrüsten, das die Völker wirtschaftlich ruiniert, trägt nicht dazu bei, den Frieden zu sichern, sondern wird, wenn man ihm nicht rechtzeitig Einhalt gebietet, die Menschheit in den Abgrund stürzen.. .“

Der Vortrag von Dr. Nikolaus Koch (1912-1991) am 2. August 1951 zum Thema „Gewaltlosigkeit in Deutschland. Mittel und Wege zur praktischen Durchführung“ war nach Ansicht von Theodor Michaltscheff „vom Standpunkt der weltanschaulichen Schulung“ Höhepunkt des Grenztreffens. Nikolaus Koch (10) war in der katholischen Jugend aktiv gewesen. Ab 1949 engagierte sich der kriegsverletzte Koch intensiv gegen die drohende Wiederaufrüstung. Als Leiter der Deutschen Friedensakademie in Bad Harzburg forderte er pazifistische, aber auch christliche, gewerkschaftliche, Jugend- und Frauenorganisationen auf, ein Bündnis für„aktive Nichtgewalttätigkeit“, wie er es nannte, zu bilden. Einer der Mitarbeiter der Friedensakademie war Josef C. Rossaint, der in der Weimarer Zeit im Friedensbund Deutscher Katholiken sowie bei der jugendbewegten „Sturmschar“aktiv war und auch noch nach deren Verbot durch die Nazis eine führende Rolle gespielt hatte.

Koch veröffentlichte 1951 die grundlegende Schrift „Die moderne Revolution – Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des Volkes." Wahrscheinlich wurde hier erstmals das Wort gewaltfrei verwendet. Kochs Analyse der Situation im Kalten Krieg lässt sich auch als Weiterführung der Grundsatzerklärung der War Resisters` International verstehen, in der sich die Mitglieder verpflichten, an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuwirken - und nicht nur den Kriegsdienst im engeren Sinn zu verweigern.

Seiner Meinung nach war ..“ nirgendwo, soweit wir sehen ...gegenwärtig der gewaltlosen Entwicklung der Welt eine solche Chance gegeben wie in unserem zweigeteilten Deutschland. Sein totaler Zusammenbruch 1945 und die nachfolgende Politik der Sieger, politisch, wirtschaftlich und geistig jedes Wiederaufleben vergangener Gewaltpolitik unmöglich zu machen, hat im deutschen Volk einzigartige ..Voraussetzungen geschaffen: den Zwang, gesunde und starke Politik nicht anders als gewaltlos treiben zu können.“ (11)

Die Engländerin Rosa Hobhouse rief am 3. August zu absoluter und bedingungsloser Kriegsdienstverweigerung auf, in der sie keinen Platz für einen vom Staat organisierten Alternativdienst sah - auch wenn in Ländern, in denen es kein Recht auf KDV gäbe, wie in Frankreich, Italien und Spanien, sowie in den Ländern des Ostblocks, das Vorhandenseins eines Ersatzdienstes unter ziviler Leitung einen Fortschritt darstellen würde. Deutsche Teilnehmer betonten, dass nach Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes niemand gezwungen werden dürfe, Kriegsdienst zu leisten. Sie seien bereit, notleidenden Menschen zu helfen, wollten aber nicht, dass ihre Hilfeleistung als Ersatz für nicht begangenes Verbrechen gelte.

Die ausländischen Gäste wanderten am Nachmittag nach Falkenstein, während die Jahrestagung der deutschen Sektion mit Berichten über diverse Aktivitäten der IdK wie Versammlungen, Protestaktionen und Stellungnahmen gegen die Remilitarisierung fortgesetzt wurde.

Am 4. August unternahmen die Gäste, die nicht an der IdK- Jahreskonferenz teilnahmen, eine Tages - Busfahrt nach Kassel, während die Tagung auf der Burg mit den Themen „Zusammenarbeit mit anderen Organisationen“ und „Unsere Sichtweise des Ost-West-Problems“ fortgesetzt wurde.

Zwei inhaltliche Ergebnisse der IdK - Jahreskonferenz sind hervorzuheben:
Die IdK bekräftigte in einer Entschließung, dass für sie Zusammenarbeit mit jeder Organisation möglich sei, “die nicht einseitig östlich oder westlich orientiert ist und die den Krieg als Mittel ablehnt“. Die Einhaltung dieser Neutralitätslinie im Klima des Kalten Krieges sollte in den folgenden Jahren immer wieder zu Spannungen innerhalb des Verbandes führen.

Dem Vortrag von Nikolaus Koch folgend wurde beschlossen, „gewaltlose Gruppen zu bilden, deren Aufgabe sein wird, gewaltlose Aktionen in die Wege zu leiten. Diese Gruppen sollen aus Männern und Frauen bestehen, die mit den Methoden und Grundsätzen der Gewaltlosigkeit vertraut sind und die auch unter schwersten Prüfungen gewaltlos bleiben können.“(12) Wegen der hohen Anforderungen, die an die Mitgliedschaft solcher Gruppen gestellt würden, könne nicht jedes Mitglied der IdK ohne weiteres Mitglied auch einer gewaltlosen Gruppe sein, wenn auch die IdK als solche auf dem Boden der Gewaltlosigkeit stehe. Hier kommt u. a. Kochs Einstellung zum Ausdruck, der auf „das Gesetz der kleinen Zahl“ setzte, entscheidend sei der Wille und die Entscheidung zur „aktiven Nichtgewalttätigkeit“.

Berichte und ein Erfahrungsaustausch über „Kriegsdienstverweigerer aus aller Welt“ standen am 5. August auf dem Programm. Nachmittags führte eine Wanderung zum Hohen Meißner. Der abendliche Ausklang wurde mit Gesang, Musik und Spielen gestaltet.

Michaltscheff sah das Experiment Grenztreffen als Erfolg an: “Der Ludwigstein, von dem die meisten unserer Freunde bis dahin kaum je gehört hatten, ist für sie ein Begriff geworden. Aber auch für die alte Jugendburg ist die Internationale der Kriegsdienstgegner ein Begriff geworden und sie beide werden einander lange in guter Erinnerung haben. [... das Grenztreffen war weniger als eine Stätte weltanschaulicher Schulung gedacht als eine solche der Begegnung über alle nationalen, konfessionellen, rassischen und politischen Grenzen hinweg, die den Unfrieden in die Welt bringen – und diese Aufgabe löste es durchaus...“ Positiv erwähnt wurden die zwanglosen persönlichen Gespräche, die geschlossenen Freundschaften, die Spaziergänge und Wanderungen durch die schöne Landschaft“ und nicht zuletzt...der freiheitliche Geist vom Ludwigstein, den uns die deutsche Jugendbewegung, die diese Stätte der Begegnung schuf vermacht hatte“ (13)

Gewaltlose Aktion an der Werra

Zum Ende des Grenztreffens war eine gewaltlose Aktion am „Eisernen Vorhang“ geplant, an der fast alle ausländischen und deutschen Gäste teilnehmen wollten. Ziel dieser Aktion war es, ein Gespräch mit der Bevölkerung im thüringischen Grenzort Lindewerra in Gang zu bringen. Zunächst erteilte der Ortskommandant von Lindewerra sowie das hessische Innenministerium dafür die Genehmigung Als jedoch das Bonner Ministerium für gesamtdeutsche Fragen den Besuch untersagte, beschränkten sich die Pazifisten auf ein Gespräch über den Fluss, dem sowohl Beamte der Volkspolizei als auch des westlichen Grenzschutzes beiwohnten. Den Polizeikommandanten sowie der Bevölkerung auf beiden Seiten der Werra wurde eine Erklärung überreicht, in der eine Lösung der Deutschlandfrage ohne Gewalt nach dem Vorbild Gandhis gefordert wurde. In diesem Text heißt es:
Wir..erklären, dass dieser Besuch keinen parteipolitischen Charakter hat. Wir sind Menschen des Friedens und nehmen an keiner Hass- und Angstpropaganda teil. Wir sind der festen Überzeugung, dass alles Spiel mit Gewaltpolitik innerhalb der deutschen Grenzen ein Verhängnis nicht nur für Deutschland, sondern darüber hinaus für Europa und die ganze Welt sein muss. Diesem Spiel wollen wir mit waffenlosen Mitteln begegnen, deren Wirksamkeit Gandhi im gewaltlosen Befreiungskampf Indiens bewiesen hat. Wenn auch die Verhältnisse in Deutschland anders gelagert sind als in Indien, so ist der Einsatz gewaltloser Mittel für das deutsche Volk auch der einzige Weg, der zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands führen kann. Wir wollen aus Gründen des Glaubens und des gesunden Menschenverstandes diesen Weg gehen..
Wir übergeben diese Erklärung den Behörden und der Bevölkerung des westlich besetzten und des sowjetisch besetzten Deutschlands an der Fähre zwischen Oberrieden und Lindewerra, die über die Werra beide Teile Deutschlands verbindet..Wir bitten die Bevölkerung und die Behörden in beiden Teilen Deutschlands, sowie alle diejenigen, die das Schicksal Deutschlands mitbestimmen, immer weniger an dem unsinnigen Versuch teilzunehmen, aus Furcht vor dem Krieg den Krieg in unser Land zu bringen.
Wir bitten alle gutgesinnten Kräfte in beiden Teilen Deutschlands und in der ganzen Welt, zu helfen, dass die gewaltlosen Bestrebungen gegen den Krieg und jegliche Form der Gewaltherrschaft sowie gegen die Vorbereitungen und Ursachen davon immer kräftiger gefördert werden.
Jugendburg Ludwigstein, den 4. August 1961
“ (14)

Am folgenden Tag versuchte Mary Barr, eine frühere Mitarbeiterin Mahatma Gandhis erneut, mit der Bevölkerung auf der DDR-Seite des Grenzflusses ins Gespräch zu kommen. Auch ihr war der Grenzübertritt von Seiten des hessischen Innenministeriums erlaubt, dann aber vom Gesamtdeutschen Ministerium untersagt worden. In einem Telegramm nach Bonn teilte Frau Barr Minister Kaiser ihre Entschlossenheit mit, die Grenze mit oder ohne Genehmigung zu überschreiten:

„Ich habe acht Jahre mit Gandhi gearbeitet und bin überzeugt, dass nur seine Methode der Gewaltlosigkeit der Welt Einigung und Gerechtigkeit bringen kann. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht die Absicht, bestehende Gesetze zu brechen. Die tragische Lage der Grenzbevölkerung veranlasste mich jedoch, in der Art und Weise zu handeln, wie ich es von Gandhi gelernt habe. Ich bat beim Grenzkommissariat um die Erlaubnis, dem Orte Lindewerra eine pazifistische Botschaft im Sinne Gandhis zu bringen. Das wurde mir verweigert. Jetzt wende ich mich an Sie mit der Bitte um Genehmigung. Wenn mir bis Mittwoch,dem 8. August, 9 Uhr, keine Genehmigung erteilt wird, werde ich mich verpflichtet fühlen, die Grenze ohne Genehmigung zu überschreiten.
Ludwigstein, den 6. August. Mary Barr“
(15)

Das Telegramm ging am Montag 6. August um 22 Uhr 40 vom Ludwigstein ab, am 7. August gegen 16 Uhr kam telegraphisch die Genehmigung aus Bonn. Mary Barr machte sich sofort auf den Weg nach Lindewerra, begleitet von einer Dolmetscherin. Zum Austausch mit der Bevölkerung kam es allerdings nicht, da die Dorfbewohner noch auf dem Feld arbeiteten. Sie konnten zwar mit Volkspolizisten und herbeigeholten FDJ-Mitgliedern sprechen, dies entsprach aber nicht dem Ziel ihrer Mission. Die Behörden beider Seiten waren nicht an freiem Austausch und Gespräch interessiert. Das Verbot der westlichen Seite erlaubte der östlichen, zu behaupten, dass die Bundesregierung ein Gespräch mit Bürgern der DDR fürchte.

An dieser Stelle darf der Hinweis auf eine wichtige, die Situation an der Grenze betreffende Entwicklung nicht fehlen: Vom 5. - 19. August fanden in Ost-Berlin die 3. Weltjugendfestspiele statt, die für die DDR von großer propagandistischer Bedeutung waren. Nachdem im Westen am 26. Juni die Freie Deutsche Jugend verboten worden war, war die DDR daran interessiert, dass möglichst viele, vor allem junge Menschen die Grenze von West nach Ost überquerten, während die Regierung in Bonn alles tat, um dies zu erschweren.
Erstaunlicherweise werden diese Hintergründe in keinem der Berichte der Pazifisten über die Aktionen an der Werra erwähnt. Allein in einem vertraulichen Bericht der Übersetzerin von Mary Barr an Grace Beaton, den ich im Amsterdamer IISG- Archiv fand, wird dies erwähnt. Dort wird auch betont, wie aufgeschlossen die Grenzschützer im Witzenhausener Grenzkommissariat gewesen seien, welche sie nicht als Kommunisten verdächtigt hätten. Die IdK war durch schlechte Erfahrungen im propagandistischen Schlagabtausch zwischen Ost und West vorsichtig geworden, der Vorwurf, den Kommunisten zu nah zu sein, traf sie immer wieder. Vielleicht sollte deshalb das Zusammentreffen der Ereignisse an der Grenze nicht betont werden.

Zwei Jahre später versuchte erneut eine Gruppe der Friedensbewegung in einer demonstrativen Aktion, die deutsch-deutsche Grenze an der Werra zu überschreiten. In dritter Lesung hatte der Bundestag am 19.3.1953 den Generalvertrag gebilligt, der faktisch die Eingliederung der BRD in das westliche Verteidigungsbündnis bedeutete. Am 12. April 1953 brachen in Hamburg acht Freiwillige zum Verhandlungsgang für den Frieden über Bonn nach Berlin auf. Die Gruppe hatte sich um Nikolaus Koch und Paul Debes (16) zusammen gefunden, die den Weg nach Bonn und von dort bis zur Zonengrenze bei Witzenhausen weitgehend zu Fuß gingen. Diese beiden bestimmten den Rhythmus des Verhandlungsganges, während die übrigen sechs mit dem Rad fuhren, um in den Etappenorten Abendveranstaltungen vorzubereiten. In Niedersachsen war jede Versammlung unter freiem Himmel genehmigungspflichtig. Durch geduldige Gespräche mit Polizei und Behörden gelang es, Behinderungen zu verringern und den Verdacht zu zerstreuen, die Gruppe sei eine kommunistische Tarnorganisation. Der Schwerpunkt der Versammlungen lag im Ruhrgebiet. In Bonn wurde auf einer Pressekonferenz ein Brief an den Bundespräsidenten veröffentlicht, der eine scharfe Ablehnung der Deutschlandverträge mit seiner einseitigen Westbindung enthielt .

Am Pfingstsonntag erreichte die Gruppe planmäßig Werleshausen. In den folgenden Wochen scheiterte der demonstrative Übergang bei fünf Versuchen an der fehlenden Zustimmung der amtlicher Stellen in der amerikanischen Besatzungszone, obwohl sich die Gruppe intensiv darum bemüht hatte. Die Demonstranten hätten die Grenze „sang - und klanglos“ überschreiten können - mit Interzonenpässen oder heimlich über die grüne Grenze. Der Gruppe kam es aber darauf an, die Öffentlichkeit und alle politischen und amtlichen Stellen auf die Aktion und deren politische Begründung aufmerksam zu machen. In diese Phase fielen die Ereignisse des 17. Juni in der DDR. Die Aktivisten quartierten sich bei Bauern ein, bis die Gruppe am 15. Juli beim sechsten Versuch einige km nördlich am Dreiländereck (Hessen, Niedersachsen, Thüringen) von der britischen Zone aus die Demarkationslinie überschreiten konnte. Auf dem Weg durch die DDR stand die Gruppe unter Kontrolle des Deutschen Friedensrates, die den unabhängigen und freien Austausch mit der Bevölkerung stark erschwerte. Am 20. Juli erreichte der Friedensmarsch in Ost-Berlin. Koch nannte den Verhandlungsgang als sein persönliches Gesellenstück in gewaltloser Aktion, während er noch zwei Jahre vorher resigniert feststellte, „die Deutschen sind noch nicht reif für Zivilen Ungehorsam“

Der San-Francisco-Moskau-Marsch, ein 10 000 km langer Protestmarsch gegen alle Atomwaffen, durchquerte vom 1. 12.1960 bis zum 3. Oktober 1961 Teile der USA sowie Europas,darunter die beiden deutschen Staaten. Die deutschen Marschteilnehmer erfuhren unterwegs von den Aktivisten aus den Vereinigten Staaten viel über deren Erfahrungen mit Zivilem Ungehorsam. Die Aktivisten aus den USA ihrerseits bekamen hautnah die Atmosphäre des Kalten Krieges zu spüren, insbesondere als sie am 13. August unweit der Stadtgrenze von Berlin angekommen, die Nachricht vom Mauerbau erfuhren. Dennoch erreichten sie Anfang Oktober Moskau und demonstrierten vor dem Kreml mit den selben Forderungen wie im Westen.

Es war ein weiter Weg für die deutsche Friedensbewegung, nach den Erfahrungen von Kriegen, Diktatur und Kaltem Krieg zur Philosophie und Praxis gewaltfreien Widerstandes und Zivilen Ungehorsam zu finden. Dabei mussten Grenzen verschiedenster Art überwunden werden. Seit den 60er Jahren bewirkten transnationale Lernprozesse, dass Erfahrungen mit direkter gewaltfreier Aktion aus anderen Ländern nach Deutschland gebracht und dort weiter entwickelt wurden (17).

Anmerkungen:

(1) René Leudesdorff: Wir befreiten Helgoland, Bremen 1996
Herbert Szezinowski: Friedenskampf um Helgoland, Frankfurt /M. 1985

(2) Bestand WRI im IISG Amsterdam, Bestand IdK im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg; Mappen Friedensakademie Bad Harzburg (Korrespondenz Nikolaus Koch mit Friedrich Siegmund-Schultze, Ökumenisches Archiv) im Evangelischen Zentralarchiv Berlin; Nachlass Paul Heinecke im Stadtarchiv Eisenberg / Thüringen)
Vgl. die Dissertation von Guido Grünewald: Die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK), Köln 1982

(3) Paul Heinecke verhandelte u. a.1951 mit dem DDR- Ministerium für Post- und Fernmeldewesen über die Zulassung der Friedensrundschau im Zeitungsversand, schrieb diverse Eingaben zugunsten eines Gesetzes zum Recht auf Kriegsdienst- verweigerung und engagierte sich für die Verbesserung der Bedingungen des gesamtdeutschen Dialoges. Heinecke sei „unser beste Freund in der Ostzone [... ] Sein Mut sollte nicht ein Anlass zur Verdächtigung sein, sondern zur Bewunderung und Nachahmung“schreibt Michaltscheff am 29.4.1952 in Korrespondenz H. Müssig, Ordner 330 im Bestand IdK, Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg) 1968 organisierte Heinecke in Thüringen ein Wandervogeltreffen.

(4) Klaus Schlichtmann: Helmut Hertling (1890-1991) und die Weltbürger-Bewegung. in: Detlev. Bald / Wolfram Wette (Hg): Friedensinitiativen in der Frühzeit des Kalten Krieges 1945 -1955, Essen 2010

(5) R. Lütgemeier-Davin: Vom Militär zum Antimilitaristen - Heinz Kraschutzki (1891-1982) , in: Jahrbuch des Archivs der Jugendbewegung. Band. 14, 1982-83. S. 241-254
Helmut Donat: Kapitänleutnant a.D. Heinz Kraschutzki (1991-1982). Ein Offizier im Kampf für ein „anderes“ Deutschland, in Wolfram Wette:(Hg): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871-1933, Bremen 1999, S. 336- 362,

( 6) „20 Jahre Friedensrundschau, 20 Jahre Internationale der Kriegsdienstverweigerer (1947-1966)“ Persönliche Erinnerungen von Theodor Michaltscheff Reprint durch Archiv Aktiv, Hamburg 1996

(7) Zu Eberhard Schomburg (1904-1987) siehe Claus Bernet: „Paedagogica Quakeriana reformate“, in: Michael Wermke: Religionspädagogik und Reformpädagogik, Jena 2010

(8) Stefan Appelius: Pazifismus in Westdeutschland, Aachen 1991, S. 257 und 265

(9) Korrespondenz WRI 4, Ordner 079, Bestand IdK, Archiv Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Hamburg

(10) Detlef Thierig: Nikolaus Koch Philosoph und Friedenspartisan, in: Frank Ahland und Matthias Dudde (Hg): Wittener Biografische Porträts, Band I, Witten 2000

(11) N. Koch: “Die moderne Revolution“, Tübingen 1951, S. 117

(12) Friedensrundschau September 1951, S. 4

(13 ) Friedensrundschau September 1951, S. 3

(14) ebd, S. 10

(15) ebd, S 6

(16) Auch Paul Debes (1906-2004) war Wandervogel. Koch und Debes hatten sich Anfang November 1950 bei einer Tagung des Kreises „Gespräch aus der Ferne“ um Dr. Hans Dahmen, Werner Rietz und Nikolaus Ehlen auf der Burg Ludwigstein kennen gelernt (Berichte über die Tagung in ’Das Gespräch aus der Ferne’, Januar 1951). Debes beschäftigt sich zeitlebens mit der Verbreitung des Theravada- Buddhismus. Der Koreakrieg und die Wiederbewaffnung bewegten den Kreis um Debes 1951 bis 1954 zu öffentlichem Wirken für den Frieden. Ab November 1951 gab Debes die „Streitlosen Blätter“ heraus. Ausgaben mit ausführlichen Berichten zum Verhandlungsgang 1953 im Archiv der Jugendbewegung.
(17) Wolfgang Hertle: Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben Grenzüberschreitende Lernprozesse Zivilen Ungehorsams, verfügbar unter
http://castor.divergences.be/spip.php?article450

Vortrag am 25.10.2014 im Rahmen der Tagung
„Ludwigstein: Annäherungen an die Geschichte der Burg im 20.Jahrhundert“

P.S. :

Anmerkung über meinen Zugang zum Thema:
Als Gymnasiast war ich aktiv im Bund Neudeutschland (ND.1919 von Jesuiten gegründete katholische Jugendbewegung). In Gesprächen mit Freunden im Bund Quickborn und im Bund Deutscher Jungenschaften wurde mir bewusst, wie im ND die bündischen Elemente zu Gunsten der Kontrolle durch die katholische Kirche abgebaut wurden. Als ich den Kriegsdienst verweigerte, stieß dies im ND und dem konservativ Umfeld im Bayern Mitte der 60er Jahre auf massive Ablehnung. Die Mitwirkung einiger katholischer Intellektueller und Jugendgruppen am Widerstand gegen die Remilitarisierung in den 50er Jahren war aus der Erinnerung verdrängt worden. Zum demonstrativen Abschied vom ND trat meine Gruppe unter dem Fantasienamen „Katholische Jungenschaft“ mit Protestsongs beim Ostermarsch 1966 auf. Seither blieb mir ein wehmütiges Interesse am kulturellen und Gemeinschaftsleben der Jugendbewegung.

Der gewaltfreie Widerstand wurde zum Schwerpunkt meiner Arbeit als Politologe und meines Engagements in der Ökologie- und Friedensbewegung.


neu erschienen :
Der Artikel ist in leicht veränderter Form enthalten im Jugendbewegungen,Jugendkulturen, Jahrbuch 11 "Ludwigstein: Annäherung an die Geschichte der Burg" Göttingen, September 2015

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