Constanze von Bullion
Fünf Finger für ein Siegeszeichen
Post-Autonome und Gewaltfreie Aktivisten in Heiligendamm
On-line gesetzt am 9. Dezember 2014
zuletzt geändert am 21. Dezember 2014
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Wie wäre es, wenn gewaltfrei Aktive anfingen, selbst über ihre Aktionen zu schreiben?
Selten genug finden sich in der Tagespresse Artikel, denen anzumerken ist, das die schreibende Person das Geschehen aus der Nähe verfolgt hat.

Man muss sich dieses Gesellschaftsspiel so vorstellen wie eine große Schnitzeljagd. Es gibt drei Mannschaften, die durch die Landschaft stiefeln. Die erste ist grün und steckt die Routen ab. Die zweite ist bunt und kommt auf Schleichwegen zum Ziel. Die dritte ist schwarz und meistens auf Abwegen.

Fünf-Finger-Taktik

Ein Demonstrant reckt fünf Finger in den Himmel: Die Taktik der Gipfelgegner ging auf, sie überraschten die Polizei und gelangten bis an den Sicherheitszaun.

Sieger ist, wer nach tagelangem Dauerlauf noch immer gute Laune hat. Und seine Botschaft rüberbringt.

Als der Wettlauf zum Zaun um Heiligendamm am Donnerstag in seine nächste Runde geht, da brennt die Sonne, und am Himmel über Mecklenburg knattern Hubschrauber wie dicke Insekten. Am Boden dominieren heute die grünen Mannschaften. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Großen Acht und ihre Entourage nicht wieder vom Rest der Welt abgeschnitten werden.

Am Vortag ist das passiert: Globalisierungskritiker kappen zeitweilig alle Landwege nach Heiligendamm. Sie kippen Kies auf Schienen, sitzen auf Schienen, rennen auf die Autobahn. Tausende verbringen dann die Nacht friedlich schlummernd vor einem der beiden Tore, die in die verbotene "Rote Zone" von Heiligendamm führen. Die Polizei lässt sie, sie sind einfach zu viele.

So kommt es, dass der Weiler Hinter Bollhagen am Donnerstag zum Schauplatz von ein paar kleineren Scharmützeln wird. Hinterm Wald befindet sich das zweite Tor durch den Zaun, und die Polizei soll es offen halten. Schon morgens fahren am Waldrand Wasserwerfer auf. Mittags sieht man, wie gut 2000 Demonstranten es sich auf einer Anhöhe gemütlich machen.

Und am Abend werden Bilder um die Welt gehen, in denen Demonstranten sich unter Wasserwerfern krümmen, Polizisten rennen und alle brüllen. Spektakuläre Bilder liefert auch mal wieder Greenpeace, als mehrere Boote der Organisation in die Schutzzone eindringen. Es gibt eine wilde Verfolgungsjagd und einige Verletzte.

So geht das dauernd in Heiligendamm. Im Fernsehen sieht es aus, als würde hier überall gekämpft. Die Wirklichkeit dagegen wirkt ganz anders.

Am Mittwoch zum Beispiel taucht im Irgendwo hinter der Kurstadt Bad Doberan die bunte Karawane auf. Sechs- bis achttausend Menschen bahnen sich da einen Weg durch Wiesen, Rapsfelder und Kuhfladen, sie johlen, singen "Happy Birthday", schwenken Fahnen. Ein paar Clowns schlagen Purzelbäume, andere sind als Piraten verkleidet. Wie ein riesiger Kindergeburtstag kommt dieser Aufzug daher, auch wenn hier in klarer Formation marschiert wird. Die meisten Demonstranten gehören zum Netzwerk "Block G 8", sie sind strikt gewaltfrei und trainieren seit Tagen in Zeltlagern die Fünf-Finger-Taktik.

Jede Gruppe versteht sich als Finger einer Hand und trägt Fahnen und Klamotten einer bestimmten Farbe. Laufen die Demonstranten vorwärts, bleiben die Finger beieinander. Wollen sie eine Polizeikette durchqueren, spreizen die Finger sich weit auseinander. Die grünen Hundertschaften, das ist bekannt, mögen die bunten Finger nicht.

"Stöcke weg!", brüllt es plötzlich aus dem orangefarbenen Finger, und dann rennen ein paar Demonstranten los und skandieren: "Keine Gewalt!" Sie meinen nicht die Polizei, die am Horizont ein paar Beamte in viel zu schwerer Montur in die Wiesen jagt. Ausgebuht werden hier sechs schwarze Figuren, die auf einer Kuppe am Waldrand stehen. Sie reden sächsisch und manche fränkisch, und sie sagen, dass ein bisschen Randale sie nicht stören würde.

Die Schwarzen haben seit Beginn der Proteste am meisten von sich reden gemacht. Sie haben die Auftaktdemo in Rostock aufgemischt, 1000 Menschen wurden da verletzt, und als Antwort hat das Bundesverfassungsgericht einen Sternmarsch zum Zaun verboten. Das hat die Autonomen viele Bundesgenossen gekostet. Immer, wenn der Treck der Friedfertigen in den Feldern jetzt über einen Wassergraben muss, packen helfende Hände zu. Immer wenn die Autonomen am Bach stehen, reißt die Kette der Hände ab.

Die Bunten wollen die Schwarzen vom Spielfeld drängen. Das gefällt den Schwarzen natürlich nicht. In der "autonomen Security-Zone" werden nun fieberhaft Gegenstrategien entworfen. Eine schwarze Anarchistenfahne an einer Art Galgen, eine zusammengezimmerte Hütte, schwarz gekleidete Gestalten, die sich wie Falter in der Nacht um eine Feuertonne drängen: Hier tagt das Plenum des Black Barrio, also eine Fraktion des Schwarzen Blocks, der im Aktivisten-Camp Reddelich zeltet.

Zwei Dutzend Autonome diskutieren in drei Sprachen, streng nach Rednerliste, sachlich im Ton und eher ratlos in der Sache. Eben ist ein hagerer älterer Herr vom Plenum der Gruppensprecher zurückgekommen. Die Sprecher beraten alle zwei Stunden und müssen dann mit der Basis "rückkoppeln", was besprochen wurde. Der Hagere ist wütend. Er lässt ein Memorandum verlesen. Von Kollaboration ist da die Rede, von absurden Vorwürfen und "faschistischem" Denken.

Herrn Go plagen Sorgen

Die Massenorganisation Attac, erzählt der Alte, hat nach den Krawallen in Rostock gedroht, aus dem Bündnis der G-8-Gegner auszusteigen und die Straßenblockaden zu boykottieren. Gewaltlose Aktivisten wollen Autonome der Polizei melden, wenn sie wieder Steine werfen. Ein Demo-Organisator hat die Randale sogar mit dem Aufmarsch der Rechten verglichen, die 1992 in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim angesteckt haben.

Unter der Anarchofahne im Black Barrio erhebt sich jetzt empörtes Gebrummel. Was soll das, sagt einer, hier gehören doch alle zusammen, "die anderen brauchen uns doch auch". Naja, sagt ein anderer, "die wollen uns aber nicht, die haben Angst vor uns". Sogar das linksradikale Netzwerk "Dissent", erzählt er, will jetzt nicht mehr mit dem Schwarzen Block kooperieren. Wie sollen die Autonomen eigentlich zum Zaun kommen, wenn nicht im Schutz der vielen Friedfertigen, will einer wissen. Verkleiden, empfiehlt ein anderer. Einfach mal ein buntes T-Shirts überziehen.

Als ein paar tausend Menschen am nächsten Tag auf die Zufahrtsstraße nach Heiligendamm zulaufen, sind die Schwarzen fast weg von der Bildfläche. Und die wenigen, die noch da sind, werden mit Frohsinn neutralisiert. Noch ein Graben, ein paar Kühe flüchten entsetzt, dann öffnet sich die Hand und die Finger nähern sich einer Polizeikette auf einem Bahndamm. Die Grünen wollen die Bunten greifen, aber die schieben sich zwischen ihnen durch.

Es wird nicht gebrüllt, nicht geschubst, nur gestaunt. Als die Demonstranten auf der anderen Seite ankommen, rufen sie "Pudding" und "Rettich". Die Gruppen formieren sich. Dann sitzen Tausende auf der Straße.

Provokateure der Polizei

Viele, die hier sitzen, sind jung und ziemlich begeistert, dass sie den Gipfelgästen tatsächlich einen Weg abschneiden konnten. Andere sehen eher besorgt aus. Go zum Beispiel, ein Hochschuldozent, ist mit fünf rabenschwarz gekleideten Mitstreitern aus Tokio angereist. Jetzt hockt er auf einer Böschung und erzählt, dass er den Protest gegen den nächsten G-8-Gipfel organisiert. "In Japan ist das schwierig", sagt er. "Die Menschen sind scheu und sprechen nicht gern laut." Wie man so viele auf Trab bringt, ohne Geschrei, das will er jetzt genauer studieren.

Wenig später aber wird es dann doch noch laut. Sitzblockierer fangen an zu schreien, weil ein paar Vermummte Steine sammeln und andere zur Randale anstiften wollen. Organisatoren der Blockade sehen, wie ein paar Bunte losstürmen, sie wollen die Schwarzen aufhalten, dann kommt es zu einem Handgemenge.

Es sind Bremer Demonstranten, die hinter den Sturmhauben Bremer Zivilpolizisten erkannt haben wollen. Provokateure der Polizei, behaupten sie. Es gibt Augenzeugen aus der Organisationsleitung der Demo, die erzählen, sie hätten das nicht geglaubt - bis sie gesehen hätten, wie ein angeblicher Autonomer zur Absperrung der Polizei geführt worden sei. Geräuschlos hätten sich die grünen Reihen geöffnet. Dann sei der Mann in Schwarz aus dem Spiel gewesen.

Als es Abend wird über Heiligendamm, da zeigt sich die Polizei zufrieden mit ihrer Taktik - und weist energisch den Vorwurf zurück, der jetzt im Raum steht: dass in Heiligendamm nach den schwarzen Trupps jetzt die grünen Krawall machen wollen. Draußen auf den Alleen, die zum großen Zaun führen, feiern die Blockierer bis in die Nacht. Sieht ganz so aus, als hätten sie diese Etappe für sich entschieden.

P.S. :

Weshalb steht hier ein Artikel vom Mai 2010 ( der G8Gipfel war 2007) und dann noch aus einer Tageszeitung?

Weil es so wenige Aktionsbeschreibungen von Teilnehmern gibt.
Nicht in den Bewegungsmedien, denn die Aktivisten nehmen sich dafür nicht die Zeit, um aus der Innensicht über die Vorbereitungen in Gruppen und Kampagnentreffen zu berichten, noch anschließend, weil dann oft schon die nächste Aktion vorbereitet wird. Oder zu kurz gekommene Aufgaben in Studium, Beruf oder Familie zu Recht Zeit fordern.

Es gibt auch die Scheu, über Probleme und Konflikte zu berichten oder öffentlich Aktionen auszuwerten, die vielleicht nicht so gut gelaufen sind. Dabei wird die Chance vergeben, durch kritische Auseinandersetzungen zu vermeiden, Fehler zu wiederholen. Nach außen gibt es keinen lebendigen Eindruck, der sie ermuntern würde, einzusteigen und beim nächsten mal mitzumachen.
Die Bewegung bleibt weitgehend unter sich, weil nur die sich ein Bild machen können, die bereits insider sind.

Nicht in den „mainstream“-Medien, weil die meisten Journalisten sich nicht die Zeit nehmen, in "ruhigen Zeiten" in den Aktionsgruppen und Bewegungen zu recherchieren - und wenn sie das wollten, bekämen sie dafür keine Zeit bzw. Bezahlung von ihren Redaktionen.
Leider ist dieser Überfliegerblick auch bei vielen Wissenschaftlern verbreitet -

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