Gorleben
Vor 30 Jahren: am 8. Oktober war der erste "Tag X"
On-line gesetzt am 8. Oktober 2014
zuletzt geändert am 11. Oktober 2014
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1984 wurde das Abfalllager in Gorleben in Betrieb genommen. Am 8. Oktober rollte dann der erste Mülltransport gen Gorleben - damals noch mit schwach- und mittelaktivem Abfall beladen. "Tag X", den Atomkraftgegner jahrelang zu verhindern suchten, war gekommen.


Jahrelang hatte der Gorleben-Widerstand zu verhindern versucht, dass jemals Atommüll in Gorleben eingelagert wird. Doch sämtliche Einsprüche und sonstigen Rechtsmittel halfen nichts: 1984 wurde die Betriebsgenehmigung für das fertiggestellte Abfalllager in Gorleben erteilt. Trotzdem hofften die Gorlebengegner den "Tag X", den geheim gehaltenen Tag der ersten Ankunft von Atommüll, noch verhindern zu können.

Doch bald darauf, am 8. Oktober 1984, rollte der erste Atommülltransport, beladen mit schwach- und mittelaktivem Abfall (MAW) gen Gorleben - begleitet von massiven Protesten.

Marianne Fritzen, Anti-Gorleben-Aktivistin der ersten Stunde, erinnert sich in der Gorleben-Rundschau, Ausgabe 09/2014): "Während damals noch die Mehrheit unserer Lokalpolitiker das Zwischen(?)-lager als Segen für die Region pries – es hat ja Millionen in die lokalen Kassen gespült! – wurden viele nachdenkliche,wache Bürger nicht müde zu warnen: In Leserbriefen, Appellen, Anzeigen auf fast jeder Seite unserer Lokalzeitung, in Menschenketten, Prozessen und schließlich der Wendlandblockade zeigte sich der Unmut, aber auch die Hilflosigkeit gegen „die oben“.

Wie recht die Gorlebengegner mit ihren Zweifeln und Befürchtungen hatten stellte sich später heraus: unter den nach Gorleben angelieferten Fässer befanden sich auch einige falsch deklarierte und illegal transportierte Müllbehälter. Das ganze Ausmaß des "Transnuklear" -Skandals zeigte sich erst später. Systematisch hatte die NUKEM Atommüll illegal verschoben. Dafür mussste sich die Verantwortlichen des Konzerns im Jahre 1990 auch vor Gericht verantworten.

Das Abfalllager in Gorleben wurde aber zunächst aus anderen Gründen wieder dicht gemacht. Im Dezember (1984) verfügte das Gewerbeaufsichtsamt wegen Baumängeln am Gebäude einen Einlagerungsstopp. Auf Dauer konnte jedoch auch das Gewerbeaufsichtsamt die Einlagerung im Abfalllager nicht verhindern. Allein im Jahre 2013 wurden über 18 000 kg MAW in Gorleben angeliefert.

Die Geburtsstunde des X-Symbols

Nach der Fertigstellung von Abfalllager und Transportbehälterlager (für den hochaktiven Müll) ahnten die wendländischen Widerständler, dass irgendwann der "Tag X" kommen würde. Mit Plakaten und Handzetteln riefen sie dazu auf, an diesem Tag massenhaft Widerstand zu leisten.

Doch von der Staatsmacht wurden diese Plakate als Aufruf zu Straftaten bewertet. Die Bürgerinitiative als Herausgeber sollte kriminalisiert und damit mundtot gemacht werden. Als ernsthaft Strafverfahren drohten, mischte sich Joseph Beuys ein. Kurzerhand machte er das zentrale Plakat zur Kunst, indem er der Druckvorlage seine Unterschrift und die Sätze "Menschengemässe Kunst muss 1. die Zerstörung des Menschengemässen verhindern und 2. das Menschengemässe aufbauen. Nur das ist Kunst und sonst nichts." hinzufügte.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde das gelbe X zum zentralen Symbol des wendländischen Widerstands.

1984 hatte der wendländische Widerstand schon über 10 Jahre intensiven Protest hinter sich. Mit den Castortransporten, die 1995 begannen und das Transportbehälterlager zum Ziel hatten, verschärfte sich der Strassenprotest dann nochmals. Denn nun kam der richtig gefährliche Abfall nach Gorleben: abgebrannte Brennelemente und hochradioaktiver Müll aus den Atomkraftwerken Philippsburg, Neckarwestheim und Gundremmingen sowie aus der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague.

Bis heute lagern oberirdisch in den Hallen in Gorleben tausende Tonnen radioaktiver Müll, die auf ihre endgültigen Platz in einem Endlager warten.

Foto / Dieses Tag-X-Plakat mit der Signatur von Joseph Beuys hing in den 80er Jahren zu Tausenden an wendländischen Straßenrändern.

siehe auch:
30 Jahre "Tag X"
Ein Rückblick auf einen historischen Kampf, der längst nicht vorbei ist.

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