Wolfgang Hertle
Die Geschichte der gewaltfreien Bewegungen in Deutschland muss noch geschrieben werden
Teil I
On-line gesetzt am 12. Mai 2014
zuletzt geändert am 7. August 2018

von Wo
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Die Mehrzahl der etablierten Historiker und Politologen betrachten die Neuen Sozialen Bewegungen aus zu grossem Abstand und von aussen, um sie angemessen begreifen und analysierend beschreiben zu können. Dies gilt auch für die Medienmacher und deren Wahrnehmung der gewaltfreien Strömungen in der Ökologie- und Friedensbewegung. Selbst den Anhängern des gewaltfreien Widerstands fehlt es an Information (und folglich Selbst-Bewusstsein) über die Auswirkungen ihrer Bewegung auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Die deutsche Geschichte ist noch immer von Anpassung und Gehorsam bestimmt, auch wenn es seit Ende des Zweiten Weltkriegs viele Aktionen gab, die nicht vergessen werden sollten. Allerdings müssen sie zum großen Teil neu "entdeckt" und öffentlich gemacht werden.

In den 70er Jahren gab es die „Kritische Friedens-und Konfliktforschung“, die sich nicht nur mit kriegerischer Gewalt, sondern auch mit den Gewalt auslösenden Strukturen innerhalb der Gesellschaft beschäftigte, in der wir leben. Doch seit langem scheint es für die Karriere von Sozialwissenschaftlern nachteilig zu sein, im akademischen Rahmen zu solchen Themen zu arbeiten.

Aber weshalb sollten wir die Erinnerung an gewaltfreie Widerstandsaktionen den Wissenschaftlern allein ueberlassen?

Gernot Jochheim forderte einmal die Befürworter gewaltfreier Aktion auf, zeitnah zu dokumentieren, wie sie ihre Aktionen und Kampagnen vorbereiten und durchführen. Anderenfalls blieben für die Nachwelt nicht viele authentische Darstellungen erhalten. Wer, wenn nicht die Akteure selbst sollte sich dafür verantwortlich fühlen?

In den angelsächsischen Ländern ist es nichts besonderes, wenn Menschen, die in der Ökologie-, Friedens- oder Bürgerrechtsbewegung aktiv waren (oder sind) diese politischen Erfahrungen während ihrer akademischen oder publizistischen Laufbahn bearbeiten und verbreiten. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass anders als in den englisch sprechenden Ländern nonkonformistische Traditionen in der deutschen Geschichte weitgehend fehlen, so etwa der Einfluss der Historischen Friedenskirchen, die direktere Rezeption der von Gandhi inspirierten Befreiungsbewegungen in Südafrika und Indien, die Bürgerrechtsbewegungen der 50er und 60er Jahre und Kampagnen Zivilen Ungehorsams bis heute (1).
Die Nationalsozialisten verfolgten und töteteten viele Oppositionelle, deren Organiationen wurden verboten und mit ihrer Literatur auch die Erinnerung an Gewalt ablehnende Bewegungen weitgehend ausgelöscht. Anders z. B. in Grossbritannien, wo die Zeitschrift Peace News (2) seit 1936 herausgegeben wird. Dort finden sich wie selbstverstandlich neben den aktuellen Themen stets Erinnerungen an die Aktivitäten aus vergangenen Jahrzehnten. Lebenslanges Engagement ist dort keine Seltenheit, weshalb sollten riskantere Aktionen Zivilen Ungehorsams nur den ganz jungen Menschen vorbehalten sein ?

Verglichen mit einem solch stolzen Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen, fällt das geringe Selbstbewusstsein gewaltfreier Gruppen in Deutschland auf. Hier werden Erfolge vergessen, die Bewegung nimmt sich selbst kaum wahr. Wie soll sie sich dann als starke Alternative nach außen darstellen können ? .

Da wundert es nicht, wenn Medien oder Sozialwissenschaftler hierzulande nur die „Spitze des Eisbergs" wahrnehmen, es fehlt das Interesse am Engagement vieler Menschen „ohne Namen“, die „Mühen der Ebenen" eignen sich nicht für reißerische Berichterstattung oder für eine an prominenten Einzelpersonen orientierte Geschichtsschreibung. Es ist nicht einfach, den unspektakulären Alltag in den Phasen zwischen den Hoch-Zeiten der Bewegungen nachzuzeichnen. Aber die Spitzen, d.h. wenn sich in Krisenzeiten große Teile der Bevölkerung den mahnenden Minderheiten anschließen, gäbe es gar nicht, wenn nicht eine relativ kleine Zahl von Menschen beharrlich und bescheiden die Infrastruktur und die Grundideen der Protest- und Alternativbewegungen aufrechterhalten würden.

Lasst uns die Geschichte(n) unserer Bewegung selbst schreiben

Eine Art „Alphabetisierung“ über die Geschichte der gewaltfreien Bewegung muss bei deren Anhängern beginnen. Sie darf sich dabei nicht auf die Geschichte der Verbände oder auf wenige bekannte Personen beschränken. Wichtig ist, zunächst die vergessenen Spuren aufzufinden und sie auf lebendige Weise darzustellen.
Eine große, aber spannende Aufgabe, Ihr seid eingeladen, Euren Teil dazu beizutragen.

Es gibt ein paar Überblickstexte von Aktiven aus der Frühphase der gewaltfreien Bewegung, z.B. von Helga und Konrad Tempel: Anfänge gewaltfreier Aktion in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg oder Selbstzeugnisse wie von Reiner Steinweg (Ein Leben gegen Gewalt) , doch vieles bleibt unbeleuchtet und ruft danach, genauer betrachtet und beschrieben zu werden. Schließlich persönliche eigene web sites wie von Helga und Konrad TempelReiner Steinweg und Theodor Ebert

Weshalb z. B. erwähnt Theodor Ebert kaum die Vorarbeiten von Theodor Michaltscheff und Nikolaus Koch ? Letzter hatte z.B. bereits 1951 in der wichtigen Schrift "Die moderne Revolution- Gedanken der gewaltfreien Selbsthilfe des Deutschen Volkes" den Begriff "gewalt-frei" benutzt ( den Ebert später zur Unterscheidung vom weniger prinzipiellem "gewalt-los" verwendete) ?
Seit 1987 gibt es in Hamburg das Archiv Aktiv - Auswertungen und Anregungen für gewaltfreie Bewegungen. Es wird bisher noch wenig von der gewaltfreien Bewegung und der Bewegungsforschung genutzt und unterstützt, schon gar nicht verglichen mit Archiven wie der Swarthmore College Peace Collection innerhalb einer von Quäkern gegründeten Universität bei Philadelphia oder der Sammlung zu Friede, Politik und Soziale Veränderung an der Universität Bradford (GB).

Exemplarisch seien hier einige größere Themenblöcke im Archiv Aktiv genannt:
Gertrud Westhoff (1900-1987) überließ dem Archiv Aktiv ihre Sammlung an Korrespondenz und gedrucktem Material aus einem breiten Spektrum der Frauen-, Friedens- und Umweltschutzbewegung von den 50er- bis Mitte der 80er Jahre. Aus der Redaktion Graswurzelrevolution, von Kampagnen Zivilen Ungehorsams und aus der gewaltfreien Bewegung in Frankreich kam viel Material der ab den 70er Jahren hinzu. So auch das komplette Archiv des Mutlangen-Widerstandes.

Es gibt auch in anderen deutschen Archiven Sammlungen und Nachlässe, die Auskunft geben könnten über die Entwicklung der gewaltfreien Bewegung. Nehmen wir als Beispiel das Thema Begegnungs- und Trainingszentren für gewaltfreie Aktion.

Das Bild zeigt das ehemalige Internationale Freundschaftsheim in Bückeburg, das in den 50er und 60er Jahren ein wichtiger Treffpunkt deutscher Friedensaktiver mit Aktiven der gewaltfreien Bewegungen aus aller Welt war. Wer weiß heute noch davon?
Ich hatte durch Zufall das Glück, eine Bückeburger Realschulklasse im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 1998/99 bei ihrer Recherche über den Gründer dieser Begegnungsstätte, Wilhelm Mensching unterstützen zu können. Die preisgekrönte Dokumentation "Nicht bangen und nicht bitter werden, keine Furcht und keinen Hass" - Pastor Wilhelm Mensching - ein Geistlicher mit Zivilcourage ist leider vergriffen, vielleicht kann sie neu aufgelegt und die entsprechende Ausstellung neu in Umlauf gebracht werden. Die Geschichte und Bedeutung des Freundschaftsheims ist damit etwas vor dem Vergessen bewahrt, aber noch lange nicht ausreichend ausgeleuchtet worden.

Das Vergessen kann innerhalb weniger Jahre geschehen: als sich Ostern 1974 Mitglieder gewaltfreier Aktionsgruppen in Bückeburg trafen und dabei u.a. zur Koordination ihrer Arbeit die "Graswurzelwerkstatt" gründeten, war ihnen nicht bekannt, dass genau zehn Jahre zuvor am selben Ort sich schon einmal gewaltfreie Gruppen getroffen hatten, die mehr Zusammenarbeit beschlossen und in der Folge zur gegenseitigen Information das Blatt "konsequent" herausgegeben hatten. Das Evangelische Zentralarchiv in Berlin beherbergt die Unterlagen zum Internationalen Freundschaftsheim, es sollte nicht nur zur Aufbewahrung von Papier dienen.

Über die ersten Jahrzehnte der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion "Kurve Wustrow" finden sich ausgiebige Unterlagen im Hamburger Archiv Aktiv.

Achim Schmitz fand für seine Dissertation u.a. dort viel Material zum Thema Training in gewaltfreier Aktion : Gewaltfreiheit trainieren. Institutionengeschichte von Strömungen, Konzepten und Beispielen politischer Bildung. Belm-Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing.(2010)

Für mich persönlich ist die Erforschung der Entwicklung der gewaltfreien Bewegung in Westdeutschland zwischen Kriegsende und Ausserparlamentarischer Opposition auch deshalb spannend, weil dies der Zeitraum ist, der vor meinem eigenen politischen Engagement lag, das ca. 1966 mit meiner Kriegsdienstverweigerung begann. Damals und lange Zeit danach erfuhr ich so gut wie nichts über frühere Aktionen und Bewegungen, die über die legale Kriegsdienstverweigerung und die Ostermärsche hinausgingen. Als ich Berichte über direkte gewaltfreie Aktionen in anderen Ländern las, fragte ich mich, ob es Vergleichbares in der BRD nicht gegeben hatte oder ob es daran lag, dass damals in der schwäbischen Provinz solche widerständigen Aktivitäten bewusst verschwiegen wurden. Bemühungen um gewaltfreie Gesellschaftsveränderung sollten nicht deshalb vergessen werden, Der Kalte Krieg schuf im Anschluß an NS-Diktatur und Krieg ein politisches Klima, in dem es auch Friedenbewegten schwer fiel, sich einen gewaltfreien Dritten Weg als Alternative zur kapitalistischen "Demokratie" und dem "Real- Sozialismus", also einer neuen Gesellschaft ohne Waffen und ohne Ausbeutung vorzustellen. Bewusste Gesetzesübertretungen oder Regelverletzungen waren in Deutschland sehr ungewohnt und erforderten grossen Mut.
Die von der Zerstörung durch Bombenabwürfe der Royal Air Force bedrohte Insel Helgoland wurde z.B. Anfang der 50er Jahre durch gewaltfreie Besetzungsaktionen gerettet. Die Reaktionen auf diese Aktion Weniger verdeutlichen den widersprüchlichen Umgang mit bewussten Regelverletzungen. Die auf dem Festland evakuierten Helgoländer sahen zu, wie Studenten aus Heidelberg und danach Aktive der kommunistischen FDJ mehrfach die Insel besetzten, bis sich die britische und die Adenauer-Regierung darauf einigten, die Bombenabwürfe einzustellen und die Insel den zivilen Bewohnern zurück zu geben. Die ersten wurden als Patrioten und Retter der Insel gefeiert, während die anderen vor Gericht gestellt und bestraft wurden. (3)
In diesen Jahren gab es zahlreiche Aktionen z. B. gegen die Einrichtung von Sprengschächten in Strassen und Brücken sowie gegen andere Projekte der Re-Militarisierung, an die erinnert werden sollte. Oft wurden diese direkten Aktionen von Nicht-Pazifisten
durchgeführt, weil diese aus verschiedenen Gründen die Praxis von Gewaltlosigkeit allzu ausschließlich mit Kriegsdienstverweigerung gleichsetzten. Erst seit den 60er Jahren führten auch in (West-) Deutschland die Beispiele der Aktionen englischer Atomwaffengegner und der US- Bürgerrechtsbewegung zu einem weiteren Verständnis von gewaltfreier Aktion.
Verschiedene Generationen der gewaltfreien Bewegung beim ersten gesamtdeutschen Treffen nach der "Wende" in Neu Globsow am Stechlin - See (von rechts: Doris St., Wolfgang Z. und Wolfgang H.)

In einer Einladung zur gemeinsamen und gezielten Beschäftigung mit der gewaltfreien Bewegung in der Nachkriegszeit soll auf Forschungen und weisse Flecken auf der geschichtlichen Landkarte hingewiesen werden.
Hier ein paar Hinweise auf Texte über Entwicklungen der gewaltfreien Bewegung in den 70er und folgenden Jahren:

In mancher Universitätsbibliothek liegen Arbeiten, die nicht über einen Verlag veröffentlicht wurden, aber lesenswert sind, wie

Günter Saathoff, " Graswurzelrevolution " Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik. Univ. Marburg 1980

Erstaunlich vertraut mit der frühen Graswurzelbewegung machte sich der US-amerikanische Wissenschaftler Matthew Nemiroff Lyons in der Studie

Matthew N. Lyons: The "grassroots" network
Radical nonviolence in the Federal Republic of Germany 1972-1985

Ithaca 1988, 123 p. (Cornell Studies in International Affairs)

Weil das Büchlein vergriffen ist hier die Internet-Version in sechs Teilen:

The Grassroots Network in Germany 1972-1985 - I- Introduction
http://castor.divergences.be/spip.php?article759

II - THE EARLY YEARS
http://castor.divergences.be/spip.php?article762

III. ECOLOGY AND THE ANTI-NUCLEAR MOVEMENT http://castor.divergences.be/spip.php?article761

IV: ANTI-MILITARISM AND THE PEACE MOVEMENT. First part http://castor.divergences.be/spip.php?article769

IV: ANTI-MILITARISM AND THE PEACE MOVEMENT. Second part http://castor.divergences.be/spip.php?article771

IV: ANTI-MILITARISM AND THE PEACE MOVEMENT. Third part and final conclusion http://castor.divergences.be/spip.php?article772

Wolfgang Hertle : Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben ...
Grenzüberschreitende Lernprozesse Zivilen Ungehorsams in den 70er Jahren
http://www.castor.divergences.be/spip.php?article450

Die sehr gut recherchierte und informative Arbeiten von Andrew Tompkins
Better Active Today than Radioactive Tomorrow! Transnational Opposition to Nuclear Energy in France and West Germany, 1968-1981 (Oxford 2012)

Informieren wir uns gegenseitig, welche Arbeiten in den letzten Jahren entstanden sind und an welchen Themen derzeit gearbeitet wird. Frühere Studientage haben gezeigt, wie fruchtbar der Austausch quer zu den Disziplinen sein kann, wenn im Mittelpunkt das Interesse steht, die gewaltfreie Idee und Praxis zu stärken. Interessant können dabei transnationale Aspekte sein, sowie Studien, die den Vergleich der Entwicklung in verschiedenen Laendern ermöglichen. Interessierte an dieser zeitgeschichtlichen Arbeit schicken ihre Fragen und Angebote an wolfgang.hertle@gmx.de. Bei entsprechendem Interesse wird eine eigene mailing-Liste eingerichtet.

Erfahrungsberichte aus der Frühphase der gewaltfreien Bewegung

Das internationale Grenztreffen der War Resisters International 1951 auf Burg Ludwigstein
und weitere Versuche, Grenzen zu überwinden

Frühe Proteste gegen Raketenstationierung im Ruhrgebiet

San Francisco- Moskau - Marsch 1960-1961 (2)

Trude Westhoff : Bericht über eine gewaltlose Demonstration vor der NATO-Kaserne in Dortmund-Brackel im August 1961

Vorbilder für die gewaltfreie Bewegung im Nachkriegs-Deutschland
Friedliche Rebellen in der Wüste Nevadas
Ziviler Ungehorsam gegen Atomtests


(1) Das Buch The Power of the People: Active Nonviolence in the United States von Robert Cooney, Helen Michalowski, New Society Publishers, Philadelphia, 1987 ist eine Darstellungsform, wie sie bisher für die Geschichte der Bewegungen in Deutschland noch nicht denkbar ist, wobei natürlich die Traditionen schwer vergleichbar sind.

(2) peacenews.info/taxonomy/term/1825

(3) http://www.ndr.de/geschichte/chronologie/fuenfzigerjahre/dasx2291.html

René Leudesdorff: Wir befreiten Helgoland. ISBN 978-3-931735-24-1 • 286 S. -

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