Gegen alle Atomwaffen:
San Francisco- Moskau - Marsch 1960-1961 (2)
Erfahrungsberichte aus der Frühphase der gewaltfreien Bewegung
On-line gesetzt am 5. Januar 2014
zuletzt geändert am 24. Januar 2016
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Vor der NATO-Kaserne in Dortmund-Brackel August 1961

Trude Westhoff : Bericht über eine gewaltlose Demonstration

Am 3. August 1961 haben in Dortmund-Brackel vier Teammitglieder des Amerikanisch-Europäischen Marsches (1), an den NATO-Kasernen demonstriert.. Wir trafen uns kurz vor 10 Uhr auf dem Oerlingweg, der zur Kaserne führt. Die Polizei erwartete uns ca. 400 m vor dem Kasernentor...

Wir hängten uns die Transparente um und gingen los. Die Polizisten kamen uns entgegen und fragten, wohin wir wollten. Der Führer der Gruppe erklärte ihnen unser Vorhaben.

Die Herren in Uniform und in Zivil sagten uns, wir dürften nicht weitergehen, es sei nicht erlaubt, bei den Kasernen zu demonstrieren und Flugblätter zu verteilen. Nach einer kurzen Besprechung unter uns gingen wir weiter. Wir wurden von der Polizei angehalten und setzten uns nieder. Der Polizeiwagen kam angefahren, wir wurden aufgefordert, einzusteigen – wir blieben sitzen. Darauf wurde Edward Lazar – der Führer unserer Gruppe - in den Wagen getragen, ebenso Peter Lundsen. Die Transparente wurden uns abgenommen und beschlagnahmt. Für die drei Frauen war kein Platz mehr.Der Wagen fuhr ab, wir blieben sitzen.

Nach einer Stunde gingen wir weiter- die Polizei hielt uns wieder an. Wir standen etwa dreißig Minuten den Beamten gegenüber, bereit weiter zu gehen, sobald sie zur Seite gingen. Sie schlugen uns nach allerlei hin und her einen Kompromiss vor: Wir sollten die Flugblätter abgeben und als Fußgänger weitergehen. (Die Teammitglieder hatten sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie kürzlich diese Straße ungehindert passiert waren, dass es also nur verboten sei, weil sie in einem Brief an den Polizeipräsidenten ihre Demonstration auch im Falle eines Verbotes angekündigt hatten.)

Wir behielten die Flugblätter und gingen, als der Polizist zur Seite trat, weiter. Wir wurden angehalten, die Flugblätter wurden uns abgenommen,auch die Taschen nach weiteren durchsucht, dann ließ man uns gehen. Wir gingen ruhigen Schrittes hintereinander auf das Kasernentor zu und stellten uns in einer Reihe mit 1 m Abstand auf. Auch ohne Transparente und Flugblätter war unsere Mahnwache in Auge fallend, besonders, weil wir uns schweigend und unbeweglich hielten. Etwa um 12 Uhr kamen die Kameraden zurück. Sie hatten neue Plakate gemacht,diese und neue Flugblätter wurden ihnen wieder von der Polizei abgenommen worden. Edward Lazar begann sofort an, vor dem Kasernentor Flugblätter zu verteilen. Die Polizei nahm ihm auch diese .ab und als er neue aus der Tasche zog und verteilte, forderten sie ihn wieder auf, in den Wagen zu steigen. Er setzte sich wieder und wurde in den Wagen getragen und zum Polizeipräsidium gefahren.

Wir hielten weiter schweigend unsere Mahnwache und lösten uns zu kurzen Mahnwachen ab. Nach einer Stunde kam Edward zurück. Er hatte noch vervielfältigte englische Briefe in der Tasche, die dann wir Frauen versuchten, den Militärs zu geben. Die ausfahrenden Wagen wurden von den Wachhabenden aufgefordert, sie uns nicht abzunehmen und den Einfahrenden gab man das Zeichen, das Fenster zu schließen - aber manche nahmen sie doch, sodass wir eine ganze Anzahl verteilen konnten.

Währenddessen war Erika Bluth in die Stadt gefahren. Sie kam etwa um 3 Uhr wieder und brachte auf Stoff gemalte Transparente, die sich die vier Team-Mitglieder ansteckten. Mir malten wir „San Francisco-Moskau-Marsch und das ( Atomwaffengegner -) Zeichen auf den Mantel.

Die Polizei hatte nur noch einen Beobachterposten hinterlassen, aber nach kurzer Zeit kamen zwei Wagen angefahren. Der Kriminalkommissar forderte uns freundlich auf,die Transparente anzunehmen und dann in den Wagen einzusteigen. Wir erklärten, unsere Mahnwache dauere bis 18 Uhr. Wir setzten uns und wurden nacheinander in den Wagen getragen und zum Polzeipräsidium gefahren.Dort trugen uns die Polizisten in einen Keller.Nach einiger Zeit kamen einige Beamte in Zivil und boten uns einen besseren Aufenthaltsraum an. Da sie uns aber dorthin nicht tragen wollten, blieben wir in dem Keller auf dem Boden liegen. Man nahm unsere Personalien und Heimatadressen auf. Vorher und nachher entwickelten sich ausführliche Diskussionen. Als sie hörten, dass um 18 Uhr unsere Demonstration beendet sei, hielten sie uns nicht wie beabsichtigt, bis 20 Uhr fest, glaubten uns aber erst,als wir ihnen sagten, dass es zu unseren Methoden und Grundsätzen gehört,die Wahrheit zu sagen und unser Wort zu halten.

Das Gespräch mit der Polizei wurde - je weiter der Tag fortschritt - immer freundlicher. Die Polizisten meinten, sie wollten dasselbe wie wir,sie hätten aber ihre Vorschriften. Besonders der Kriminalkommissar war offensichtlich von der Gruppe beeindruckt und entschuldigte sich wiederholt. Zu sagen ist noch, dass Presse, Rundfunk und Fernsehen sich bemühten, jede Einzelheit unserer Aktion festzuhalten.

Für mich war es ein großes Erlebnis,mit dieser Gruppe zusammen zu sein. Ihre Disziplin, Gelassenheit und gute Kameradschaft auch einer alten Frau gegenüber, waren eine Freude und geben mir Hoffnung, dass sich die gewaltlose Methode weiter in der Welt durchsetzen wird. Für mich war es die erste Übung, und ich schildere sie so genau, um all denen, die diese für eine gute Methode halten, Mut zum ersten Versuch zu machen.

Auf dem Foto links sitzt Trude Westhoff (1900-1987)

(1) meist auch San Francisco-Moskau-Marsch genannt.

Bericht über Scott Derrick, einer der Teilnehmer, der die ganze Strecke von San Francisco bis Moskau mitgegangen war:

Begegnung zweier Marsch-"Veteranen" Reiner Steinweg und Scott Derrick
Vierundvierzig Jahre später

P.S. :

Zur leichteren Einordnung in die Geschichte der gewaltfreien Bewegung:

Helga Tempe l/ Konrad Tempel:

ANFÄNGE GEWALTFREIER AKTION
IN DEN ERSTEN 2O JAHREN NACH DEM KRIEG

http://www.konfliktkultur.info/medio/g-text02.htm

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