Wolfgang Hertle
Wendisch-Evern liegt nicht im Wendland
Begegnungen zwischen Einheimischen und Auswärtigen
On-line gesetzt am 7. Januar 2014
zuletzt geändert am 5. Mai 2015

von Wo
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In der Vorbereitungszeit für die Aktionen zum Castor-Transport März 2001 entlang der Schienenstrecke bei Wendisch Evern vermisste ich in der Aufgabenteilung der Kampagne X-tausendmal quer einen ausgewiesenen Arbeitsbereich, den ich politisch für wichtig halte: die um Verständnis werbende Einbeziehung der ortsansässigen Bevölkerung. Im Wendland werden die von auswärts kommenden Unterstützergruppen wie Freunde oder Gäste empfangen. Ausserhalb der Landkreisgrenzen ist es mit zunehmender Entfernung rasch anders.

Offenbar gab es in der Kampagne, wie auch bei manchen Journalisten, ein Missverständnis, als läge Wendisch Evern im Wendland. So glaubten viele Auswärtige, dort von widerstandsbereiten WendländerInnen empfangen zu werden. Es genügt aber der Vergleich der Berichterstattung der Lüchower Elbe-Jeetzel-Zeitung mit der in der Lüneburger Landeszeitung um zu erkennen, daß das Widerstandsbewusstsein im Landkreis Lüneburg sich deutlich von dem in Lüchow-Dannenberg unterscheidet. Im Wendland war es andererseits nicht leicht, Menschen zu motivieren, zur Aktion 50 km außerhalb des Landkreises zu fahren. Wendisch Evern war für Lüchow-DannenbergerInnen kein vertrauteres Umfeld als für die Menschen, die aus dem ganzen Bundesgebiet dorthin anreisten.

Die Konflikt-Prognose von Polizei und Bezirksregierung geht meist vom schlimmsten der denkbaren Fälle, d.h. von massiver Gewalt der Demonstranten aus, um repressive Maßnahmen zu rechtfertigen. Die Medien berichten eher von destruktiven und anonymen Aktionen als dass sie Zivilen Ungehorsam differenziert betrachten, bewusste Regelverletzungen werden daher leicht mit Gewalt gleichgesetzt. Die BürgerInnen von Wendisch Evern hatten in erster Linie solche Art von Informationen und Bildern von Krawallen in den Medien als Grundlage, um sich vorzustellen, was bzw. wer auf sie zukommen würde. Daher war es kaum verwunderlich, dass bei vielen von ihnen eher diffuse Befürchtungen aufkamen, als sie hörten, dass bis zu
10 000 Demonstranten und entsprechend viele Polizisten zu erwarten seien.

Es gab frühzeitig Kontakte in das Dorf, z.B. zu einem Landwirt wegen der Camp - Fläche, aber im nach hinein eher zu wenig, es wäre hilfreich gewesen, wenn sich X-tausendmal quer weit früher mit einer Informationsveranstaltung an die Bevölkerung gewandt hätte. Die Alarmglocken läuteten, als die Zusage für den Camp- Platz außerhalb des Ortes zurückgezogen wurde – was der ausschlaggebende Grund dafür war, ist nicht eindeutig belegt - dass es politischen Druck auf den Landwirt gab, darf aber als sicher angenommen werden. Zumindest passte es genau in die Linie der Bezirksregierung, die Einrichtung von Camps in einem Korridor von 5 km zu beiden Seiten der Castor - Schienen zu verhindern.

In dieser Situation fand am 14.3.01 im zum Bersten gefüllten Dorfkrug die Informationsveranstaltung von X-tausendmal quer statt. Einzelne Anwesende polemisierten von Anfang an, die Unruhe war groß. Das bekam auch der Dannenberger Superintendent Kritzokat zu spüren, der von der X-1000-Blockade 1997 am Castor - Verladebahnhof berichtete. Zweifel wurden laut, ob er nicht zu einseitig gegen die Polizei und zugunsten der Demonstrierenden Stellung nähme. Besser angenommen wurden Berichte von DorfbewohnerInnen, die ebenfalls die Aktion in Dannenberg erlebt hatten. Es war deutlich spürbar, wie sich die Stimmung im Saal innerhalb der zwei Stunden entspannte. Anschließend hatten einige DorfbewohnerInnen das Bedürfnis, X-tausendmal quer ihre Sympathie und Hilfsbereitschaft auszudrücken.

Noch einmal sehr kontrovers wurde es 5 Tage später bei der Bürgerfragestunde am selben Ort. Die Rats- Fraktionen von CDU und SPD begrüßten den Ausstieg aus dem Atomprogramm, wehrten sich aber gegen Demonstrationen im Ort. (St. Florian lässt grüßen...) Der Polizeisprecher aus Lüneburg und der Verwaltungsdirektor hatten mehr zu sagen als die Kommunalpolitiker, die von sich aus das Problem gar nicht erst auf die Tagesordnung der Gemeinderatssitzung gesetzt hatten und die Fragestunde erst auf Druck von BürgerInnen anberaumten. Diese sprachen sich erneut zugunsten von X-tausendmal quer aus und forderten von der Gemeinde Hilfe bei der Suche nach einem Camp- Platz. Diese Anwohner hatten begriffen, dass eine Vorbereitung auf gewaltfreie Aktionen, zumal mit einer vorher nicht kalkulierbaren Zahl von Menschen, am besten auf einer dafür geeigneten Fläche am Ortsrand stattfinden könne. Die Anmeldung für eine Dauermahnwache auf der viel zu kleinen Fläche mitten im Ort neben Kindergarten und Schule hatte dagegen eine zweischneidige Wirkung: Einerseits sollten die Behörden nach den ersten Versammlungsverboten ohne Alternative zu Verhandlungen über eine geeignete Fläche gebracht werden, andererseits empfanden manche Dorfbewohner diesen Schritt als Erpressung.

Die von auswärts Kommenden bekamen, wenn überhaupt, nur wenig davon mit, welche Empfindlichkeiten und Konflikte der Castor-Transport und in diesem Zusammenhang die Anreise so vieler unbekannter Menschen in diesem sonst relativ ruhigen Dorf berührte, z.B. unterschiedliche Meinungen zu Politik und Atomenergie zwischen Nachbarn, innerhalb von Familien, zwischen den Generationen usw....,aber zunehmend auch Skepsis gegenüber Politik und Verwaltung. Am Sonntag machten auffällig viele Einheimischen einen Spaziergang zum Parkplatz an der Straße nach Deutsch Evern, um sich selbst ein Bild von den Menschen zu machen, vor denen so drastisch gewarnt worden war , die trotz der Verbote (kein Feuer, keine Zelte usw.) in Kälte und Wind ausharrten und sich die gute Stimmung nicht verderben ließen. Andererseits gab es starke Verärgerung über die Abriegelung des Dorfes durch die Polizei, die u.a. viel Müll (z.B. große Mengen Bierdosen) hinterließ– und nicht die Demonstranten. Die Versammlung und die Schienenblockaden strahlten eine gelassene Entschlossenheit aus, die zweifelsfrei beeindruckte. Alles zusammen erklärt z.B., dass es am Dienstagabend gelang, innerhalb einer Stunde 100 Schlafplätze zu erhalten! Das wäre zwei Wochen vorher noch undenkbar gewesen : Die Häuser öffneten sich, weil zuvor die Herzen geöffnet worden waren. „Wenn wir vorher gewusst hätten, wer Ihr seid...“

In verschiedenen Nachbereitungs- Gesprächen in Wendisch Evern wurde viel Lob und Sympathie für die freundlichen Menschen ausgedrückt, die „gern öfter kommen dürften“. Es gab keine Klagen, nach dem Aufräumen gab es im Ort und in der Feldmark weniger Müll als vor den Aktionen!

Inzwischen entstand eine örtliche Initiative, mehrere Familien luden für den 19. April ins Sportlerheim ein. Die rund 35 GesprächsteilnehmerInnen tauschten ihre Eindrücke über das Erlebte aus, mit zum Teil sehr beeindruckenden Beiträgen. Kommunalpolitiker, die nur als Bürger nicht als Amtsträger, eingeladen wurden, hatten sich kritischen Fragen zu stellen. Aus dieser Versammlung kam auch eine Anfrage ob X-tausendmal quer beim nächsten Transport wieder kommen könne. Wichtig war die Erkenntnis, dass die AnwohnerInnen sich selbst organisieren müssen, da sie von den zu erwartenden weiteren Transporten direkt betroffen sind. Der Kreis will, ermuntert durch die positive Resonanz, weitermachen. Atomkonsens, rechtliche Fragen, alternative Energienutzung, Ziviler Ungehorsam sind als Themen weiterer Treffen angedacht.

Ein Punkt allerdings löste starke Irritationen aus: Der umstrittene Satz zur Schienendemontage in Jochen Stays Lüneburger Rede. Darüber lässt sich unter Insidern in der Bewegung diskutieren, differenzierend zwischen Formen vom Charakter der „Pflugschar“ - Aktionen und anonymen Sabotage-Aktionen. In der „normalen“ Bevölkerung, zumindest außerhalb des Wendlands, löste ein solcher spontaner Satz Unverständnis und Zweifel an der gewaltfreien Linie aus.

Beim Vergleich von Beispielen erfolgreichen gewaltfreien Widerstands sind zwei Pole zu erkennen :

Vor Ort beschließt ein relevanter Teil der betroffenen Bevölkerung, sich zu wehren, einigt sich auf Ziele und Charakter des Widerstands und wird so zum bestimmenden Kern der Aktionen, zu deren Unterstützung sie überregional aufrufen.

Der Widerstand vor Ort fehlt, ist uneins oder zu schwach: Überregional schließen sich Gruppen und Individuen zu einer Kampagne zusammen, die selbständig Aktionen vor Ort durchführt und / oder in einem dezentralen Konzept das Thema an möglichst vielen Orten verdeutlicht und dramatisiert. Nach dem Motto: Larzac / Wyhl / Gorleben ist überall ! (1)

Die meisten Fälle sind Mischformen zwischen den beiden angedeuteten Modellen.
Die Chance auf politischen Erfolg scheint m. E. am größten, wenn die Menschen vor Ort selbst das Handeln im Sinne gewaltfreien Widerstands bestimmen. Sie kennen am besten die örtlichen Bedingungen, können am ehesten den Widerstand in ihren Alltag einpassen. Wenn Jung wie Alte aus allen Berufen und Schichten mitmachen, vermitteln sie der Öffentlichkeit am glaubwürdigsten Betroffenheit und moralisches Recht auf Widerstand. Natürlich sind in lebenswichtigen Fragen wie Militär oder Atomindustrie auch entfernter Wohnende betroffen und haben das Recht, sich zu wehren, Aktionen notfalls auch ohne lokalen Widerstand zu organisieren. Dennoch sollte die Stärkung des örtlichen Widerstandspotentials nie vernachlässigt werden.

Gewaltfreie Aktionsgruppen haben die besten Chancen, ihre Erfahrungen und ihre „Philosophie“ in die Diskussion vor Ort einfließen zu lassen. Wie weit Politisierung, Mobilisierung und Verankerung gelingt, hängt auch vom Verhalten der Auswärtigen gegenüber den Menschen vor Ort ab.

Kampagnen wie X-tausend mal quer überall tun gut daran, sich im Vorfeld noch stärker um das Gespräch mit den Menschen vor Ort bemühen, auch wenn es leichter ist, auf diejenigen zu reagieren, die von sich aus Zustimmung signalisieren. Solche bewusste Vorarbeit kann auch erreichen, die Erschwernisse von der Gegenseite durch Verbote und Einschüchterungen ins Leere laufen lassen.

Dieses Anliegen war vielen Aktiven auch ohne eigenen Arbeitsbereich sehr wichtig. Die Reaktionen aus der Bevölkerung von Wendisch Evern zeigen eindrucksvoll, dass sich die TeilnehmerInnen von X-tausendmal quer so verhielten, dass sie im Ort viele Sympathien für ihr Anliegen gewannen.

Wolfgang Hertle

(1) Vgl. Wolfgang Hertle : Larzac, Wyhl, Brokdorf, Seabrook, Gorleben ...
Grenzüberschreitende Lernprozesse Zivilen Ungehorsams.

In: Komitee für Grundrechte und Demokratie (Hg.): Ziviler Ungehorsam.
ISBN 3-88906-048-X

Stärke durch Vielfalt - Einheit durch Klarheit
Rückblick auf Zivilen Ungehorsam und gewaltfreien Widerstand in Deutschland und Frankreich seit den 1970er Jahren

Castor Wendisch Evern 2001

http://www.youtube.com/watch?v=V20_q35dT5g

castor 2001 - Ankettaktionen bei Süschendorf und Nahrendorf

http://www.youtube.com/watch?v=COD-NSoZkwA

Noch ein Nachtrag: Weil uns Blockierern ein Platz für ein Vorbereitungscamp verweigert wurd, wichen wir auf einen Parkplatz an einer Verbindungsstraße aus.
Den wenigsten von uns war bewusst, dass uns an einem historischen Ort aufhielten.
Nur ein paar Meter weiter hatte die Wehrmacht am 5. Mai 1945 gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery die Teilkapitulation für Norddeutschland unterschrieben:

Ein Artikel 70 Jahre danach informiert:
Wendisch Evern Timeloberg: Vor dem Vergessen kapituliert

http://www.abendblatt.de/region/article205293309/Timeloberg-Vor-dem-Vergessen-kapituliert.html sonst lies weiter im Post Scriptum

P.S. :

05.05.15
Wendisch Evern Timeloberg: Vor dem Vergessen kapituliert

Vor 70 Jahren wurde nahe Lüneburg bekannt gegeben, dass die Deutschen die Waffen niederlegen. Fahrt zu einem vernachlässigten Ort.

Wendisch Evern. Jedes Hünengrab im Norden ist besser ausgeschildert als der Ort, der dem millionenfachen Töten, dem millionenfachen Sterben endlich ein Ende setzte: der Timeloberg vor den Toren von Lüneburg. Ein Stein mit der Inschrift "Kapitulation auf dem Timeloberg", dazu die Jahreszahl "4. Mai 1945" und die Bitte "Nie wieder Krieg" – mehr ist dort nicht. Wenn man den Findling denn überhaupt findet. Auf dem Parkplatz an der Straße zwischen Deutsch Evern und Wendisch Evern – kein Hinweis. Am Anfang des Feldwegs, der zum Stein führt – kein Hinweis. Stattdessen lese ich auf einem an den Baum genagelten Zettel, dass Hunde an der Leine zu führen sind. Und ich lese, dass es dort am kommenden Sonntag einen Zehn-Kilometer-Lauf für jedermann geben wird. 70 Jahre nach Kriegsende ist der Timeloberg ein vergessener Ort der europäischen Geschichte.

Dabei hat die Nachricht, die damals dort verkündet wurde, den gesamten Norden elektrisiert. Am 4. Mai 1945 gegen 18.30 Uhr wurde die Teilkapitulation der deutschen Streitkräfte in Holland, in Nordwestdeutschland einschließlich der friesischen Inseln, Helgoland und aller anderen Inseln, in Schleswig-Holstein und in Dänemark unterzeichnet. "Die deutschen Streitkräfte in den genannten Gebieten stellen alle Feindseligkeiten zu Lande, zu Wasser und in der Luft am Sonnabend, dem 5. Mai 1945, um 8.00 Uhr englischer doppelter Sommerzeit ein", heißt es in der Urkunde.

Feldmarschall Bernard Montgomery, Oberbefehlshaber der britischen Armee in Deutschland, hatte sich damals für den Timeloberg als Kapitulationsort entschieden. Die Anhöhe, die die Bezeichnung "Berg" nicht wirklich verdient, erinnerte wenigstens entfernt an einen Feldherrnhügel. Montgomery hatte eine Zelt aufbauen und die britische Flagge hissen lassen. Von der deutschen Delegation unter Leitung von Generaladmiral Hans Georg von Friedeberg verlangte er die bedingungslose Kapitulation. Fotos zeigen Montgomery nach der Unterzeichnung der Urkunde: ein leerer, erschöpfter Blick. Kein Triumph. Endlich Frieden.

Nach dem Krieg begann dennoch ein Kleinkrieg auf dem Timeloberg. Montgomery ließ eine Holztafel aufstellen, später eine Bronzetafel mit der Inschrift: "Hier ergab sich am 4. Mai 1945 bedingungslos eine Abordnung des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht dem Feldmarschall Montgomery mit sämtlichen Land-, See- und Luftstreitkräften in Nordwestdeutschland, Dänemark und Holland."

Die Tafel wurde mehr mehrfach zerstört oder entwendet. Zeitweise musste sie rund um die Uhr von Soldaten bewacht werden. 1958 ließ sie Montgomery abbauen und nach England bringen, seitdem steht sie auf dem Gelände der Militärakademie Sandhurst. Der Timeloberg geriet danach vollends in Vergessenheit. Zudem gehört er mittlerweile zum Bundeswehr-Standortübungsplatz in Wendisch Evern und ist militärisches Sperrgebiet. Irrwitz der Geschichte: Dort, wo das Schweigen aller Waffen verkündet wurde, wird wieder geschossen.

Am Fuß des Bergs wurde 1995 erneut versucht, der Kapitulation zu gedenken – mit dem Findling, der dort heute noch steht. Er wurde umgekippt, die Inschrift wurde zerstört. Am Montag, exakt 70 Jahre nach der Kapitulation, liegen vier Kränze zu seinen Füßen, einer kommt aus England. Ansonsten: keine Menschenseele.

Oder doch? Ein Mann nähert sich. Wir kommen ins Gespräch. Es wird eine wunderbare Begegnung. Er ist Däne – ein Kopenhagener, der aus Anlass des Jubiläums eine kleine historische Reise macht. Er wundert sich darüber, wie nachlässig die Deutschen mit dem Ort der Frieden bringenden Kapitulation umgehen. Er erinnert an die Ukraine und sagt: "You have to fight for peace". Wir geben uns die Hand.

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