Wolfgang Hertle
Kein AKW mit unserem Geld!
Stromrechnungsboykott- 35 Jahre später
On-line gesetzt am 26. Juni 2013
zuletzt geändert am 24. April 2018

von Wo
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Strobo – das kürzere Wort setzte sich praktisch durch, obwohl es nicht eindeutig ist.
Stromboykott sagten Einige, obwohl es in dieser Kampagne, neben dem sinnvollen sparsamen Umgang mit Energie, nicht darum ging, Elektrizität zu boykottieren.

Stromzahlungsboykott nannten wir in Hamburg die Kampagne gegen Atomkraftwerke, in der etliche Kunden der HEW (Hamburger Elektrizitätswerke) 1977 einen Teil ihrer Stromrechnungsbeträge zurückbehielten und auf ein gemeinsames Treuhandkonto überwiesen.
Nach vielen Aktionen auf und an Bauplätzen, die zunehmend auf Polizeiabwehr vor Mauern und Gräben endeten, suchten wir neue Wege, unsere Verweigerung der stillschweigenden Beteiligung auszudrücken. In jeder Wohnung, in jeder Firma ist der Stromzähler die unmittelbare "Vertretung" der Stromindustrie.

Theo Hengesbach (1954-2009) verfasste die
Broschüre Stromzahlungsverweigerung- Gewaltfreier Widerstand gegen Atomenergie" verfasst und bereitete die Kampagne für den Dortmunder Raum vor. Bundesweit startete die HIKmuGA ( Hamburger Initiative Kirchlicher Mitarbeiter und Gewaltfreie Aktion) als erste die Kampagne. Danach folgten Gruppen in anderen Städten wie Frankfurt, Dortmund, Gelsenkirchen, München, Stuttgart usw.

Die Unterlagen von Theo Hengesbach zum "Strobo" sind bislang verschollen, während viele spannende Unterlagen zu seinem sonstigen Engagement nach seinem frühen Tod im Archiv des Hamburger Institut für Sozialforschung zu finden sind. Die Hamburger Unterlagen befinden sich im Archiv Aktiv für gewaltfreie Bewegungen.

Seit dem Ende der „Strobo“-Kampagne hatte kaum eine/r der am Boykott Beteiligten ihre Teilbeträge vom Treuhandkonto zurückgefordert. Rechtlich darf (oder muss) der Treuhänder nach Ablauf von 30 Jahren dafür sorgen, dass das Geld einer sachgerechten Bestimmung zugeführt wird. Nach so langer Zeit wäre eine Vollversammlung der „Strobos“ vom Ende der 1970er Jahre schwer zu realisieren. Daher lud der treuhänderische Rechtsanwalt stellvertretend je zwei Vertreter der Gruppen zur Beratung ein, die damals zum Boykott eingeladen hatten: die Gruppe der „Brokdorf-Pastoren“ und die Gewaltfreie Aktion Hamburg, die über mehrere Jahre als HIKMuGA zusammen arbeiteten. Es ist eher selten, dass eine nicht unerhebliche Summe Geld zur Verteilung ansteht- und nur recht allgemeine Vorstellungen über die Verwendungsziele bestehen: etwas zu unterstützen, das die Anliegen der damaligen Bewegung heute fortführt.

Ein Teil der Summe wurde dem Archiv Aktiv für gewaltfreie Bewegungen zugesprochen, da dieses Bewegungsarchiv nicht nur Material über gewaltfreie Aktionen, wie z. B. auch den Stromzahlungsboykott sammelt, sondern auch aktuelle Kampagnen gewaltfreien Widerstands und Zivilen Ungehorsams unterstützt.

Bis Ende des Jahres sollte mindestens ein weiteres Projekt geprüft werden, um entscheiden zu können, wie das übrige Geld im Geiste der Stromgeldverweigerer verteilt wird. Vorschläge sind erwünscht.
Bis Ende November wurden weitere Namen und aktuelle (email ) Adressen der ca. 500 Personen, Haushalte und WGs gesucht, die in Hamburg vor drei Jahrzehnten an der Kampagne Zivilen Ungehorsams teilgenommen haben. Unter den bisher ca. 25 Ehemaligen begann ein menschlich wie politisch interessanter Gedankenaustausch.

(Verwendung des Geldes , das noch auf dem Treuhandkonto verblieben war: Kein AKW mit unserem Geld (2))

In Hamburg hatten sich z. B. die "Strobos" u.a. nach Stadtteilen organisiert und als später der Volkszählungsboykott organisiert wurde, fanden sich etliche der Aktiven bei Treffen zum neuen Thema wieder. Ähnlich auch bei Aktivitäten zu Brokdorf, Gorleben oder nach Tschernobyl. Das könnte unser Nachdenken über die jeweiligen persönlichen Wege wie zur Frage "Wie organisieren wir uns ?" auslösen:
Das Internet ist ein wichtiges Instrumen, aber Basisbewegungen brauchen auch die Begegnungen im Alltag...

Adressen und Ideen dazu bitte an: wolfgang.hertle@gmx.de

Für zeitgeschichtlich Interessierte hier noch etwas Lesestoff :

Atomstrom Symbol auf Konto

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40616076.html

In Gelsenkirchen bekam eine Kirchengemeinde sogar vor Gericht das Recht auf Stromzahlungsboykott aus Gewissensgründen zugesprochen. Allerdings nur, wenn bewiesen werden könne, dass der Strom allein aus AKW-Produktion stamme. (Was ebenso schwer ist, wie nachzuweisen, dass Krebs- oder Leukämiefälle wesentlich auf die Strahlen einer benachbarten Atomanlage zurück zu führen sind..

„Halber Sieg“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14326412.html

http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/viewtopic.php?p=1524&sid=4553ab297fba7fc290664d8d47791148..


In ihrer Dissertation über den Konflikt innerhalb der Ev. Kirche über das Engagement Kirchlicher Mitarbeiter gegen das AKW Brokdorf hat die Kirchengeschichtlerin Luise Schramm viel Material über die HIKuGA und damit u.a. auch über den Hamburger Stromzahlungsboykott verarbeitet.
Dazu: Von Montgomery nach Gorleben

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