8same aktion vor der Endlagerbaustelle in Gorleben – ein Bericht
On-line gesetzt am 10. Juli 2012
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Es ist eine sehr vielfältige Gruppe, die am 1. Mai im Rahmen der Kampagne Gorleben 365 die Tore der Endlagerbaustelle in Gorleben blockiert. Da sitzt eine junge Person, deren Weste über und über besteckt ist von Symbolen fast aller sozialen und ökologischen Bewegungen, von Antifa bis Atomkraftneindanke, neben einer älteren Person in der braunen Jacke eines buddhistischen Ordens. Sie und manch andere sind dem Aufruf der Gruppe 8same aktion gefolgt, sich vor den Toren der Endlagerbaustelle auf die Suche nach einer achtsamen Kultur politischen Handelns zu machen.

Der Gruppe geht es um Gewaltfreiheit, die über den Verzicht auf physische Gewalt hinausgeht, Feindschaften überwindet und eine Grundlage für politisches Handeln bietet, die jenseits von Wut auf eine irrsinnige Welt liegt. Mitgefühl kann eine solche Grundlage sein. Um eine Kultur des Mitgefühls Realität werden zu lassen ist es jedoch notwendig, sich mit ebendieser Wut auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wie wir mit dem Gefühl der Ohnmacht, aber auch mit unserer eigenen Gier und unserem Hass umgehen können. Zur Annäherung an diese hohen Ziele wenden die Blockierenden die Methode der Achtsamkeit an. Ganz konkret stehen praktische Übungen aus der Tiefenökologie, ein Vortrag und verschiedene Arten von Austausch und Meditation auf dem Programm. Achtsamkeit ist eine Übung, die dabei hilft, den eigenen Autopilot abzuschalten und bewusst das wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne sich in den eigenen Konzepten zu verfangen. Dass das angesichts der Endlagerbaustelle, der Polizist_innen im Kampfanzug und nicht zuletzt angesichts der verschiedenen Lebensstile, die in der Gruppe aufeinander treffen, nicht einfach ist, wird schnell deutlich. Doch die vielen Momente, in denen politisches Handeln und Achtsamkeit auf wunderbare Weise verschmilzt weisen den Weg. „Wir können es zwar alle noch nicht, aber uns verbindet die Sehnsucht nach dem achtsamen Handeln“, resümiert ein_e Teilnehmer_in am Ende versöhnlich.

8same aktion vor der Endlagerbaustelle in Gorleben – ein Bericht

Einige von uns waren bereits zur Demonstration und der Blockade am Samstag, den 28.04. ins Wendland gefahren – die anderen reisten am Montag, den 30.4. an. Der Montag stand dann ganz im Zeichen der gemeinsamen Vorbereitung auf unsere Aktion am nächsten Tag. Wir besprachen alle Fragen rund um die Blockade (persönliche Bedürfnisse und Grenzen, juristische Belange, Rahmenbedingungen vor Ort etc.) und übten ganz praktisch mit einem Aktiven der Kampagne gorleben365 die konkrete Blockadesituation samt „Wegtragen-Lassen“ und Umgang mit der Polizei. Zur Vorbereitung gehörten ebenso verschiedene gemeinsame Meditationen, um durch bewußtes Innehalten immer wieder Raum zu schaffen, eine achtsame Haltung entwickeln zu können. Neben zwei Sitzmeditationen am Nachmittag entschlossen wir uns spontan, abends noch zum Bergwerk zu fahren und dort eine Gehmeditation um das gesamte Gelände zu machen.

So wurde schon am Montag politische Aktion(svorbereitung) und Achtsamkeit miteinander verbunden. Diese Verknüpfung setzten wir am 1.Mai vor den Toren der Endlagerbaustelle fort: Morgens standen wir früh auf und alle, die wollten, trafen sich zur stillen Meditation. Dann fuhren wir zum Bergwerk, um uns ab 7.00 Uhr vor die 6 Tore zu setzen und zu blockieren. Ausgestattet waren wir mit unseren Transparenten, sowie Frühstück, Klangschale oder Zimbel und Sitzgelegenheiten.

Es war ein wunderschöner Morgen, Nebel stieg über den Feldern auf, überall war das frische Grün der Birken, die Vögel sangen uns Lieder zur Ermutigung – ein seltsamer Kontrast zu dem Gelände, das mehrfach umzäunt und mit Stacheldraht, hohen Mauern und Überwachungskameras gesichert war!

Wir hatten unsere Handynummern ausgetauscht und eine Telefonkette vereinbart. Dadurch war die Kommunikation untereinander gesichert und wurde auch ausgiebig genutzt, um zu entscheiden, wie lange wir vor den Toren bleiben, wann wir uns wieder zusammenfinden usw. Jede Gruppe befestigte an ihrem Tor mitgebrachte Transparente und nutzte die Zeit der Blockade, um zu meditieren, zu frühstücken, sich zu unterhalten und kennenzulernen, zu schweigen und der Stille des Waldes zu lauschen usw. Es gesellten sich allmählich auch Wendländer_innen zu uns. Begleitet wurden wir am Morgen von einer Aktivistin der Kampagne gorleben365. Es war sehr unterstützend, solch wertschätzende, aufmerksame Begleitung durch die Aktiven vor Ort zu bekommen – und diese freuten sich ebenfalls sehr über die breite Unterstützung von außerhalb des Wendlandes an der Kampagne. Nach ca.3 Stunden vor den Toren kamen wir wieder zusammen – es war nichts geschehen. Später erfuhren wir, dass (wegen uns) zum ersten Mal der Wachwechsel an Feiertagen von 8:00 vorverlegt worden war! Also begannen wir auf der Straßengabelung vor Tor I und II mit unserem geplanten Programm und blockierten so die Zufahrt: Informationen eines Aktiven aus dem Wendland über Hintergründe des Standortes Gorleben, Vortrag zu Achtsamkeit und Politik, Meditation, Tiefenökologie und Austausch mit kreativen Elementen. Viele hatten einen Beitrag zum gemeinsamen Mittagessen mitgebracht, das wir zur Hälfte als Eß-Meditation im Schweigen gestalteten. Die Sonne verwöhnte uns den ganzen Tag und zeigte uns einmal mehr wieviel Energie sie hat.

Als wir am Abend aufbrachen, um zu unserer gemeinsamen Unterkunft zu fahren, lag ein schöner, anstrengender, inspirierender Tag hinter uns – mit vielen achtsamen und unachtsamen Momenten. Denn dass es gar nicht so leicht ist, eine achtsame Haltung einzunehmen angesichts der „Festung Endlagerbaustelle“, der Polizist_innen und nicht zuletzt angesichts der verschiedenen Lebensstile, die in der Gruppe aufeinandertrafen, wurde schnell deutlich. Und doch gab es auch immer wieder Momente von Achtsamkeit, in denen es gelang, sich nicht in destruktiven Gedankenketten zu verlieren, andere Perspektiven zuzulassen oder einfach in Verbindung zu kommen mit der eigenen Entschlossenheit, Klarheit und einer Stärke, die gleichzeitig kraftvoll und sanft ist. Und auch zu erfahren, dass durch „Innehalten“ das „Aktivsein“ reicher werden und Achtsamkeit eine Kraft für Veränderung sein kann. Die vielen Momente, in denen politisches Handeln und Achtsamkeit an diesem Tag verschmolzen, weisen den Weg. „Wir können es zwar alle noch nicht, aber uns verbindet die Sehnsucht nach dem achtsamen Handeln“, resümiert ein_e Teilnehmer_in am Ende versöhnlich und motiviert, weiterzumachen.

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