Treffpunkt Castor
Eine Familie und der Widerstand gegen die Atomkraft
On-line gesetzt am 21. Februar 2012
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November 2011: Der vorerst letzte Atommüll-Transport soll ins Zwischenlager nach Gorleben gebracht werden. Aufgerüttelt durch Fukushima, möchte Maidon Bader endlich ein altes Versprechen einlösen, das sie ihrer Tante vor Jahren gab: Mit dabei zu sein, wenn die Atomkraftgegner im Wendland gegen den Castor-Transport protestieren.

Die Autorin begleitet ihren Cousin Kai und ihre Tante Suse bei verschiedenen Widerstandsaktionen und wird mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert.

Eine Reise ins Wendland

von Maidon Bader

Es ist Ende November 2011, und ich packe für meine Reise ins Wendland. Ich überlege gut, was ich mitnehme. Es macht mich unruhig, dass ich noch nicht weiß, wo ich schlafen und essen kann. Ich war noch nie bei den Demonstrationen gegen den Castor-Transport dabei und habe keine Ahnung, was mich erwartet. Nur dass ich nicht in einem der Widerstandscamps in einem Zelt übernachten muss, sondern in einem geheizten Raum, das hat mein Cousin mir verraten.

„Du warst noch NIE in Gorleben?“ fragt mich meine Tante am Telefon. „Ach, das ist dann ja endlich Zeit!“

Die Angst kam durch das Radio

Meine Angst vor der Atomkraft war schon vor 1986 da. Sie kam beim Mittagessen um halb eins durchs Radio, stellte sich jeden ersten Mittwoch im Monat beim Sirenenalarm ein, verfolgte mich in meinen Träumen: Die Atombombe war der große Schrecken meiner Kindheit.

1986, als das Reaktorunglück in Tschernobyl passierte, wurde die Angst auf einmal greifbar, es gab Dinge, die man nicht tun sollte, zum Beispiel bei Regen nach draußen gehen oder Pilze essen, aber das Leben ging trotzdem weiter, und das war erst mal eine Erleichterung.

Im März 2011, als ich die Meldung vom Tsunami und der Reaktorkatastrophe in Fukushima hörte, hatte ich einen Moment lang das Gefühl, das alles sei nur ein Alptraum aus meiner Kindheit.

Während ich im Zug von Hannover nach Lüneburg sitze, meldet der Castor-Ticker, die Nachrichtenagentur des Widerstands, die ersten Breaking News:
Castorticker: 16.01 Uhr, Valognes: Der Castor ist losgefahren.

Elf Castor-Behälter mit hochradioaktivem Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague sind jetzt auf dem Weg nach Gorleben.


Suse und Kai

Mein Cousin Kai Bergengruen ist acht Jahre älter als ich. Er ist Obstbaumgärtner und Baumpfleger, hat drei Töchter und lebt in der alternativen Dorfgemeinschaft Heckenbeck, südlich von Hannover. Jetzt hat er mich eingeladen, an einer Widerstandsaktion gegen den Castor-Transport teilzunehmen. Kai war schon als Kind bei Demonstrationen mit dabei.

Kai: Ich erinnere mich noch gut an einen Wintertag in Brokdorf, wo wir dort waren und wo wirklich dann - da sind Hubschrauber eingeflogen, die Leute sind rausgesprungen, das waren Szenen wie im Krieg! Wir sind kontrolliert worden, mussten uns mit den Beinen auseinander und den Armen hoch an den Polizeiwagen stellen und wurden gefilzt, und dann wollten sie mir noch s Taschenmesser abnehmen, ich glaub, das hat mein Vater dann noch wieder verhindert - die haben auch damals schon angstmachende Ausrüstung gehabt, die haben, wenn sie angriffen, mit den Schlagstöcken auf die Schilder geklopft, so richtig so wie man’s aus irgendwelchen Gladiatorenfilmen kennt...

Aus dem Busfenster sehe ich Einsatzwagen der Polizei an Kreuzungen und Feldwegen, Polizisten auf Streife, mit Hunden in der Dunkelheit.
Am Bahnhof Göhrde steige ich aus. Zwei Freunde von Kai holen mich ab.
Ein riesiger ausgebauter Dachstock in einem alten Backsteinbauernhof. Holzvertäfelte Wände, ein Holzofen. Es ist warm und trocken und sehr, sehr ruhig. Kai hat eine Landkarte vor sich liegen. Zuerst habe ich Probleme, meine Anwesenheit zu legitimieren. Die Gruppe diskutiert darüber, ob ich Aufnahmen machen darf. Ich kann das Unbehagen der anderen verstehen. Sie müssen mir vertrauen, dass ich nichts berichte, was sie in Schwierigkeiten bringt. Wir einigen uns darauf, dass ich keine Namen nenne.
Castorticker: Donnerstag, 24.11., 7.38 Uhr: In 2 Metern Abstand strahlt der Castor mit 1,65 Mikrosievert pro Stunde bei einer Hintergrundstrahlung von 0,13 Mikrosievert pro Stunde.

Ein Anti-Graben

Während wir schlafen, fährt der Zug mit den Castorbehältern durch Reims, Bar-le-Duc, Metz... Ich kann mir unter den Strahlenwerten, die über den Castorticker gemeldet werden, nichts vorstellen. Doch anscheinend verlangen die Polizisten, die den Transport begleiten, Messgeräte, weil sie um ihre Gesundheit besorgt sind.

Mit Absperrbrettern und einem kleinen Bagger sind die anderen bereits unterwegs, um als Bautrupp in offiziellem Auftrag Waldwege aufzubaggern. Kai und ich sind die Nachhut.

Ich kann es kaum glauben, dass die Gruppe es tatsächlich geschafft hat, zwei Kleinlaster und einen Bagger hierher zu bringen und einen Graben quer über den Weg zu baggern. Ein Polizeiauto war allerdings schon da.


• (x-tausendmalquer-) Sitzblockade vor Gorleben

Der Polizist, der mit uns spricht, macht einen sehr erfahrenen und auch leicht amüsierten Eindruck. Das Hauptproblem, erklärt er, sind die Steine, mit denen der Weg, laut unseren Aussagen, ausgebessert werden soll. Schließlich wird unsere Auftraggeberin her zitiert.

Warum protestieren?

Aber auch die resolute Dame mit dem silbergrauen Pferdeschwanz kann nichts ausrichten. Die Polizei hat Angst, dass die Steine den Autonomen, die an die Schiene wollen, als Wurfgeschosse dienen könnten. Die Diskussion zieht sich. Der Polizist nimmt Personalien auf. Es ist klar, dass wir die Bagger-Aktion abbrechen müssen. Auch wenn die Polizei nach wie vor nicht weiß, wie sie die Situation einschätzen soll.

Die Welt, in die ich eingetaucht bin, kannte ich bislang nur aus Erzählungen. Viele von meinen Freunden waren politisch aktiv. Ich weiß nicht genau, was mich davon abhielt. Vielleicht die mangelnde Klarheit? Vielleicht die Angst, sich in einer Gruppe zu verlieren?

Brot für die Welt und der "Rote Hermann"

Schon als ich ein Kind war, hatte die Familie von Kai eine besondere Ausstrahlung. Es lag nicht daran, dass sie eine Pfarrfamilie waren, das waren wir auch. Aber die Auffassung vom Beruf hätte kaum unterschiedlicher sein können.

Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein, das waren auch bei mir zu Hause wichtige Themen. Aber während wir beispielsweise eine Spendendose für „Brot für die Welt“ auf den Tisch stellten, war Kais Familie mit dabei, als in Gorleben die ersten Absperrungen für das Zwischenlager errichtet wurden.

Mein Onkel, Hermann Bergengruen, in Hannover auch bekannt als der „Rote Hermann“, war bei der Landeskirche wegen seiner politischen Aktivitäten unbeliebt. 1977 wurde er von seinem Amt als Studentenpfarrer suspendiert.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie es war, als mein Onkel auch die Pfarrstelle danach verlor. Diesmal lag es daran, dass die Gemeinde sich an seiner Person spaltete. Aus meiner Familie wunderte das niemanden. Unser Leben auf dem Dorf war davon geprägt, die Verhältnisse zu verstehen und sich an sie anzupassen. Kais Familie blieb unangepasst.

Castorticker: Freitag, 25.November 2011, 11.42 Uhr: Laut Pressekonferenz in Dannenberg: Mehr als 2000 Menschen sind bereits im Wendland, um gegen den Castor-Transport zu demonstrieren.

"Sie wollen sicher noch Kinder kriegen."

Kais Gruppe muss sich nach dem Fehlschlag von gestern etwas Neues überlegen. Der Bagger ist zu auffällig. Jetzt geht es um Handarbeit mit der Schaufel und darum, sich nicht erwischen zu lassen. Klar ist, dass ich bei solchen „Hit&Run“-Aktionen nicht erwünscht bin. Am Abend bringt mich Kai nach Dannenberg. Dort treffe ich meine Tante Suse.

Fast wären wir uns schon einmal hier begegnet, Suse und ich. 1997 hatte ich ihr versprochen, dass ich zur Großkundgebung kommen würde. Aber daraus wurde nichts. Dass ich jetzt wirklich hier bin, fühlt sich irgendwie irreal an. Wir fahren los, Richtung Gorleben.

Es ist Nacht. Alle paar Meter streifen unsere Scheinwerfer reflektierende Wannen am Straßenrand. Patrouillen sind auf den Fahrradwegen unterwegs. An den Kreuzungen hat die Polizei Scheinwerfer aufgestellt; sie werfen ein gespenstisches Licht. Wenn alles, was ich hier erlebe, eine große Inszenierung ist, dann beginnt jetzt der 2. Akt. Eine Polizistin hält uns an und fragt, was wir im Kofferraum haben.

Ich weiß, dass wir nichts Verbotenes dabei haben. Trotzdem fühle ich mich schuldig. Vor allem wegen dem Mikrophon in meinem Ohr. Ich hoffe, die Polizistin merkt nicht, dass ich sie aufnehme. Suse lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Auch sie möchte etwas wissen.

Suse: Wo kommen Sie her?

Polizistin: Aus Nürnberg.

Suse: Och, und’s erste Mal hier?

Polizistin: Ich bin das erste Mal hier, ja.

Suse: Ich wollt Ihnen was sagen. Passen Sie auf, dass wenn Sie je den Castoren in die Nähe kommen, dass Sie nicht zu nahe hinkommen - Sie wollen sicher noch Kinder kriegen.

Spätnachts sitzen wir im Wohnzimmer von Suses Freundin Susanne, die durch den Widerstand vor 20 Jahren ins Wendland kam. Ihr Haus ist klein und gemütlich, im Ofen brennt ein Feuer. Wie viele Biographien wohl auf diese Weise mit Gorleben verbunden sind?

Castorticker: Samstag, 11.40 Uhr Klein Gusborn: Seit 11.00 Uhr bewegen sich die Traktoren der Bäuerlichen Notgemeinschaft gemächlich von den Gußborner Kreuzen in Richtung der Demonstration

Überall: Das gelbe X

Am nächsten Tag: Es war nicht einfach, zur Kundgebung zu gelangen. Wegen Polizeisperren und Trekkerkolonnen mussten wir riesige Umwege in Kauf nehmen. Das gelbe X, das Widerstandszeichen schlechthin, ist überall: klebt an Hauswänden, hängt in Bäumen, steckt in der Erde am Straßenrand. Am Tag X 1995 kam der erste Castor-Transport nach Gorleben.

Die Kundgebung ist für viele Demonstranten der Auftakt für weitere Aktionen. Von hier aus geht es später zu den Blockaden an die Schienen oder auf die Straßenstrecke.


Wir stehen vor einem Plakat „Seit Jahrzehnten gegen die Atomindustrie für unsere und Ihre Enkel“. Dahinter ist ein überdachter Wagen, in dem die „Alten“ des Widerstands Platz nehmen. Suse ist 76, die älteste Aktivistin ist 88 Jahre alt. Kai steht neben seinen beiden jüngeren Töchtern. Ich frage mich, ob es nie einen Bruch gab in dieser über drei Generationen währenden Widerstandsbiographie. Wie zur Antwort entrollen Kais Töchter ein Transparent mit der Aufschrift: „Lieber Fernsehmüde als Radioaktiv“. Sowas will ich von meinen Kindern auch mal hören.

• Auch der Nachwuchs demonstriert
Die „Aktion“, das ist die Sitzblockade in Gorleben, die von hier aus organisiert wird. Ich hinterlasse meine Handynummer. Damit Suse und ich mitkriegen, wann es losgeht.

Friedliche Stimmung - und der Castortransport kommt näher
An der Kreuzung vor Gorleben blockieren Polizeiautos die Straße. Wenige Meter davon entfernt brennt am Infopunkt ein Lagerfeuer. Jemand spielt Gitarre. Die Stimmung ist sehr friedlich. Der Castor steht mittlerweile auf einem Güterbahnhof in der Nähe von Hamburg.

Castorticker: Harlingen: Zwischen den Bahnkilometern 188 und 187 gibt es zwei gut erreichbare Sitzblockaden.
In der Nacht lasse ich mein Handy an, per SMS kommen Neuigkeiten über die Schienenblockade. Aber eine Aufforderung zur Blockade in Gorleben ist nicht dabei.

Es windet. Ich liege in Susannes Haus unter dem Dach und denke daran, dass das Zwischenlager nur 6 Kilometer von hier entfernt ist. Was sich darin befindet, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Wie lange werden die Castorbehälter darin strahlen?

Was hat Halbwertszeit mit der eigenen Zeit zu tun?

Die Zahl der Jahre bleibt mir nicht im Gedächtnis, weil ich sie nicht erfassen kann. „Halbwertszeit“, das hat für mich so wenig mit Zeit zu tun, dass ich es auch Ewigkeit nennen könnte.
Sonntag: Wir sind wieder unterwegs nach Gorleben. Der Aufruf zur Sitzblockade ist gekommen.

Castorticker: 9.40 Uhr: Die Polizei hat eine erste Begutachtung der Betonpyramide der bäuerlichen Notgemeinschaft vorgenommen und äußert sich mit den Worten „Das kann ja heiter werden“.

Hinter dem Infopunkt Gorleben tauchen aus dem Wald auf einmal Menschen auf, mit Strohsäcken über den Schultern. Die Blockierer sind vom Widerstandsamp in Gedelitz in kleinen Gruppen durch den Wald gekommen.
Es hat angefangen zu regnen. Wir verkriechen uns unter Regenschirmen und Rettungsdecken. Zum Glück gibt es Tee: Die mobile Küche Rampenplan ist mittlerweile eingetroffen. Ein Posaunenchor aus der Gegend spielt extra für uns. Es ist der erste Advent -

Der Zug nach Hause geht um 22.16 Uhr

Die Nacht auf der Straße verbringen. Meine Tante sagt das, als wäre es ganz normal. Und auf einmal ist es das auch. Ich liege auf Strohsäcken, die ein Transporter gebracht hat, und schaue in den Himmel. Heute Nacht bin ich nur zwei Kilometer vom Zwischenlager entfernt. Ich höre die Stimmen der Menschen um mich herum, und mir wird bewusst, dass ich meine Distanz verloren habe. Ich bin ein Teil der Menge, die im Licht der Polizeischeinwerfer aus dem Protest ein Volksfest macht.

Wann die Polizei uns räumen wird, ist ungewiss. Nur eins weiß ich sicher: Um 22.16 Uhr fährt mein Zug ab Hannover. Fast 900 Kilometer sind es von hier bis nach Zürich. Ich muss am nächsten Morgen bei meinen Kindern sein.
Auf einmal steht Kai neben uns. Suse hat mehrfach versucht, ihn zu erreichen, ohne Erfolg. Ich merke ihr an, wie erleichtert sie ist. Kai lacht nur. Was er gemacht hat, wo er gewesen ist, darüber erzählt er nichts. Er will bis zur Räumung bleiben


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