Wolfgang Hertle
Hart an der Grenze
vor 34 Jahren
On-line gesetzt am 13. März 2016
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Ausgelöst durch den NATO-Doppelbeschluss waren in der ersten Hälfte der 1980er Jahre Frieden und Abrüstung bundesweit zentrale Themen Sozialer Bewegungen, während im Wendland der Widerstand gegen die Raketenstationierung im Schatten der Abwehr der Atomanlagen in Gorleben verblieb. Erst mit Verspätung und u.a. durch die Arbeit der Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion „Kurve Wustrow" und durch die Initiative "Hiroshima 84" kam das Thema Frieden auch im Wendland auf die Tagesordnung.

Eigenartigerweise schien die Grenznähe (Wustrow war nur 2-3 km von der deutsch-deutschen Demarkationslinie entfernt, die nächstgrößere DDR-Ortschaft, Salzwedel, nur 12 km) im Alltag verdrängt zu sein. Dabei deutete vieles darauf hin, dass Ministerpräsident Ernst Albrecht Gorleben als Standort für die Atommüllanlagen weniger wegen der geologischen Eignung des Salzstocks auswählte, als dass er in der wenig besiedelten Grenzregion kaum Widerstand von der traditionell konservativen Bevölkerung erwartete. Zudem wurde das Wendland an den beiden längeren Seiten vom DDR-Grenzzaun begrenzt, während die dritte schmalere Seite mit Hilfe der zur Abwehr eines Angriffs aus dem Osten in enge Serpentinen-Straßen und Brücken eingebauten Sprengschächte notfalls vom Rest der BRD abgeriegelt werden konnte.

Die DDR protestierte nicht gegen diese Standortwahl, obwohl im Katastrophenfall im Radius um Gorleben mehr DDR- als West-Bürger betroffen gewesen wären. Bei Magdeburg wurden die Abfälle der DDR- AKWs in die Salzkavernen von Morsleben gekippt: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!

Nach zahlreichen Demonstrationen und Stör- und Behinderungsaktionen des Gorleben-Widerstandes herrschte Anfang 1982 vor Baubeginn des Zwischenlagers im Wald von Gorleben auf beiden Seite Hochspannung, es konnte sicher mit irgendeiner Art von direkter Aktion gerechnet werden. Die Aktiven der Bürgerinitiative wurden daher von der Polizei schon Tage zuvor laufend observiert.

Am Tag des Baubeginns fuhren die BI- Vorsitzende Marianne Fritzen und einige andere „bekanntere Gesichter" zum gerodeten Teil des Waldes und versammelten sich vor der abgezäunten Fläche, wo sie schon von der Polizei erwartet wurden. Allerdings geschah zunächst nichts, denn es war weder öffentlich noch insgeheim zu einer Aktion vor Ort mobilisiert worden. Die Polizei sollte im Glauben gelassen werden, dass in Kürze eine größere Zahl von Demonstranten eintreffen würde. Es war eine Frage der Zeit, bis diese Absicht durchschaut worden wäre. Wir sahen häufig auf die Uhr und vermittelten den Eindruck, dass wir nicht verstünden, weshalb die anderen noch nicht da seien. Da bog plötzlich ein vollbesetzter Reisebus von der Straße ab und hielt bei dem unschlüssig wartenden Grüppchen. Die Bus-Reisenden stiegen zu unserer Überraschung aus. Zunächst wussten wir nicht, mit wem wir es zu tun hatten, bis ich in der Menge Prof. Fritz Vilmar erkannte. Er leitete eine Studentengruppe aus Berlin, die in der Heimvolkshochschule Göhrde ein Seminar abhielt und an diesem Tag eine Landkreis-Rundfahrt machte. Rasch waren die Angekommenen über die Situation informiert und gemeinsam vermittelten wir noch eine Weite den Eindruck einer sich schleppend hinziehenden Sammlung zu einer Demonstration bzw. Aktion. Schließlich hörten wir in den Radionachrichten, dass die eigentliche Aktion, für die wir nur ein Ablenkungsmanöver veranstalteten, erfolgreich begonnen hatte:


Eine Gruppe von Demonstranten hatte bei Gummern, zwischen Gartow und Schnackenburg, ein Stück Niemandsland besetzt, genauer gesagt einen Streifen DDR-Gebiet, der vor dem’ Sperrzaun lag und vom Westen aus betreten werden konnte. Da weder Bundesgrenzschutz noch Polizei rechtzeitig genug davon erfahren hatten, um die Aktion zu verhindern, waren ihnen nun die Hände gebunden: sie konnten nicht auf DDR-Gebiet, um die Demonstranten zu entfernen.
Auch hinter dem Zaun erschienen bald DDR-Grenzsoldaten, die gegen die ungebetenen Gäste hätten vorgehen können, es aber nicht taten, vermutlich weil diese Art von Aktion in ihrer Ausbildung nicht vorgekommen war.

Später hieß es in den Radio-Nachrichten, es sei wegen der Aktion zu diplomatischen Verwicklungen gekommen.: die banal wie komische Ursache dafür war, dass eine Militärpatrouille der britischen Armee, die an der Grenze entlang gefahren war, auf die Menschen aufmerksam geworden war, die an diesem kalten Tag um mehrere Lagerfeuer kauerten. „Wein, Weib und Gesang" schienen die Soldaten zu locken, jedenfalls saßen sie bald in der Runde und sprachen eifrig den angebotenen Alkoholika zu. Ein später vorbeikommender Offizier hatte Mühe, sich bei seinen Untergebenen bemerkbar zu machen, da er korrekterweise die Grenzlinie nicht überschreiten wollte.

Am folgenden Tag sah ich in Wustrow in der Nähe der „Kurve Wustrow", wo ich damals arbeitete, zwei englische Militärfahrzeuge stehen, nichts Ungewöhnliches, da die Patrouillen gelegentlich im benachbarten „“Café Plette" Pause machten. Diesmal warteten jedoch die einfachen Soldaten vor der Tür, während drinnen zwei Offiziere Kaffee tranken. Auf meine Frage, warum sie vor der Tür stehen bleiben müssten, sagten die Soldaten nur, sie hätten am Vortag Unsinn gemacht...


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